Begrüßungsworte von Abraham Lehrer an Benedikt XVI. in der Synagogen-Gemeinde Köln (19. August 2005)

"Sie, als Oberhaupt der katholischen Kirche, tragen eine spezielle Verantwortung auch gegenüber uns Juden. Papst Benedikt, Ihr Verhalten und Ihre Taten sind ein Vorbild für die Kirche"

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KÖLN, 25. August 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, mit der Abraham Lehrer, Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln in der Synagoge Roonstraße, Papst Benedikt XVI. anlässlich seines historischen Besuchs am 19. August in der ältesten Synagoge nördlich der Alpen begrüßte.



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Im Namen der Synagogen-Gemeinde Köln ist es mir eine große Ehre, Sie, hochverehrter Papst Benedikt XVI., herzlichst willkommen zu heißen; oder wie es im Hebräischen heißt: Baruch haba. Ihr Besuch in unserer Synagoge stellt ein außergewöhnliches Ereignis dar, welches von enormer religiöser als auch politischer Bedeutung ist.

Die Juden sind in römischer Zeit ins Rheinland gekommen. Die erste verbürgte Datierung der Juden in Köln beläuft sich auf das Jahr 321 nach der gregorianischen Zeitrechnung, dokumentiert in einer kaiserlichen Urkunde, die sich heute im Vatikanarchiv befindet. Anfangs wurden die Juden in Köln lediglich geduldet, sie durchlebten sowohl positive, als auch negative epochale Abschnitte, wie beispielsweise das Leiden während der Kreuzzüge oder die Gleichstellung durch die preußische Judenemanzipation.

Bis zum Jahre 1933 war die jüdische Bevölkerung in Köln auf ca. 20.000 Menschen angewachsen. In der sich nebenan befindlichen Gedenkhalle, die wir alle gerade passiert haben, wird der 11.000 deportierten und in den Konzentrationslagern des Nazi-Regimes ermordeten Kölner Juden, sowie der weltweit 6.000.000 Opfer der Shoa gedacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden sich wider alle Erwartungen einige Heimatlose und alte Kölner in dieser Stadt zusammen, um eine jüdische Gemeinde zu gründen. Die Gemeinde wuchs auf etwa 1.300 Mitglieder an. Viele kritische Geister befürchteten ein Aussterben der Gemeinde in den nächsten Jahrzehnten. Ab dem Jahr 1989 begann der Zuzug von Juden aus den GUS-Staaten, der bis heute zu einem Mitgliederstand von etwa 5.000 geführt hat.

Ich habe Sie, hochverehrter Papst Benedikt, mit "Pontifex Maximus", zu Deutsch: "der größte Brückenbauer", angesprochen. In den Biographien über Ihre Person werden Sie immer wieder als ein Brückenbauer zwischen den Religionen beschrieben. Mit diesem Titel möchte ich die Tatsache unterstreichen, dass Sie auf Ihrer ersten Auslandsreise eine Synagoge besuchen. Sie setzen den Bau einer Brücke zwischen dem Katholizismus und dem Judentum, die Ihr Vorgänger Papst Johannes Paul II. mit seinem Besuch der römischen Synagoge und des Staates Israel begonnen hat, fort. Es ist ein Zeichen für die hohe Wertigkeit, ja Wertschätzung, die das Verhältnis zum Judentum für Sie besitzt. Die Akzeptanz und Toleranz gegenüber unserer Religion ist Ihnen sehr wichtig.

In der Kirche gab es einen Prozess des Auseinandersetzens mit der christlich-jüdischen Geschichte wie zum Beispiel den Kreuzzügen oder dem Verhalten der Kirche im Zweiten Weltkrieg, in dessen Verlauf es zu einem Eingestehen von Fehlern kam. Diese Entwicklung mündete 1965 am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils in die Erklärung "Nostra Aetate", die erstmals schriftlich festlegte, dass Juden nicht generell für den Tod von Jesus Christus verantwortlich sind. Sie waren bereits in jenen Tagen als Theologieprofessor und Berater vom damaligen Kölner Kardinal Frings, der häufig in unserer Synagoge zu Gast war, an der Entwicklung dieser Erklärung beteiligt. Dies war ein erster Meilenstein auf dem Weg einer grundlegenden Veränderung und Verbesserung des Verhältnisses zwischen Juden und Katholiken und stellt eine Abkehr von der jahrhundertealten Kirchenlehre beziehungsweise dem Bild des Gottesmordes dar. Zunächst blieb es bei diesem wichtigen Dokument, und es dauerte weitere 20 Jahre, bis es zu einem ersten aktiven Signal von Papst Johannes Paul II. kam, nämlich dem Besuch der römischen Synagoge. Weitere Zeichen waren im Jahr 1993 der Grundlagenvertrag und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Vatikanstaat und dem Staat Israel, im Jahr 2000 das Schuldbekenntnis von Papst Johannes Paul II., schließlich sein Israelbesuch im Jahr 2003. Wenn die Abstände zwischen solch bedeutungsvollen Ereignissen kleiner werden und somit die Aura des Besonderen verlieren, können wir in Zukunft eine Normalisierung des Verhältnisses erhoffen.

Sie, als Oberhaupt der katholischen Kirche, tragen eine spezielle Verantwortung auch gegenüber uns Juden. Papst Benedikt, Ihr Verhalten und Ihre Taten sind ein Vorbild für die Kirche. Ich hoffe, dass Ihr Besuch heute in dieser Synagoge dazu beiträgt, den gesamten Kirchenkörper zu erfassen und Ihre Einstellung die Kirche von der Spitze bis zur Basis durchdringt. Leider immer noch vorhandener kirchlicher Antisemitismus kann somit wirksam bekämpft werden.

Sie sind zu einer schlimmen Zeit in Deutschland aufgewachsen. Wir sehen in Ihnen heute nicht nur das Oberhaupt aller Katholiken, sondern auch den gebürtigen Deutschen, der sich seiner geschichtlichen Verantwortung stellt. Sie haben 1998 die Unterlagen der Glaubenskongregation der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Für uns wäre ein vollständiges Öffnen des vatikanstaatlichen Archivs über den Zeitraum des Zweiten Weltkrieges, 60 Jahre nach der Schoa, ein weiterer Hinweis für geschichtsbewusstes Agieren, auch um Kritiker auf allen Seiten zufrieden zu stellen.

Es bedarf einer Fortsetzung der bereits erwähnten Prozesse; sowohl außerhalb als auch innerhalb der Kirche, um allen Katholiken zu verdeutlichen, dass das Judentum einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit und des Christentums geleistet hat und immer noch leistet. Die Kirche hat lange Zeit nicht akzeptiert, dass beide Religionen ihre eigene Wahrheit vertreten und somit an der Entwicklung der Menschheit teilhaben. Die noahitischen Gesetze sind die sieben Grundgesetze, die Noah nach Ende der Sintflut und nach Verlassen der Arche von Gott erhielt und welche im Talmud, Traktat Sanhedrin, erläutert werden. Diese Gesetze sind ein Beispiel für gutes menschliches Zusammenleben. Das Judentum respektiert besonders Nichtjuden, die nach diesen Gesetzen leben und handeln. Diese Gebote haben im Christentum auch Gültigkeit und bilden eine Basis für das gedeihliche Fortbestehen der Menschheit. Beide Religionen haben, bei allen nicht zu vergessenden Unterschieden, große Gemeinsamkeiten und nicht umsonst sprechen Sie, Papst Benedikt, von "Fratres Maiores", den älteren Brüdern. Wir Juden gehen davon aus, dass das Christentum uns als gute Menschen akzeptiert und toleriert. Als Abschluss zitiere ich den Ehrenvorsitzenden unseres Gemeinderates, Herrn Ernst Simons, der auf die Frage, was Juden von Christen erwarten würden, zu antworten pflegt: "Seien Sie gute Christen und lassen Sie uns gute Juden sein!"

Hochverehrter Papst Benedikt, Ihren Beitrag zur Verbesserung des Verhältnisses erkennen wir an und wissen ihn zu würdigen. Der christlich-jüdischen Zukunft sehen wir positiv entgegen. Wir freuen uns, dass Sie unsere Synagoge besuchen. Sie erweisen unserer Gemeinde eine große Ehre. Noch einmal herzlich Willkommen! Baruch haba!

[Vom Weltjugendtagsbüro veröffentlichtes deutsches Original]