Beitrag von Kardinal Sodano bei der Bischofssynode für die Neuevangelisierung

Mit Kühnheit und Innovationsgeist das Evangelium verkünden

| 949 klicks

VATIKANSTADT, 15. Oktober 2012 (ZENIT.org). -

[Wir veröffentlichen die Anprache in einer Arbeitsübersetzung des Heiligen Stuhls:]

***

- Kardinal Angelo Sodano, Dekan des Kardinalskollegiums

Diese Synodenversammlung ist vom Papst einberufen worden, um ein Thema zu vertiefen, das die Herzmitte unseres pastoralen Sendungsauftrages zu Beginn des dritten christlichen Jahrtausends berührt. Der Nachfolger Petri hat seinerseits bereits tiefgehende Studien in dieser Hinsicht eingeleitet, wie es aus zahlreichen seiner Verlautbarungen ersichtlich wird. Eine Zusammenfassung davon ist bereits im letzten Teil des kürzlich erschienenen Buches des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung veröffentlicht worden, das den Titel trägt: „Enchiridion der Neuevangelisierung“ (Libreria Editrice Vaticana 2012).

In seiner Ansprache, die er vor kurzem vor den Teilnehmern des Ad-limina-Besuchs der französischen Bischöfe gehalten hat, sagte der der Papst ausdrücklich: „Die Herausforderungen einer in weiten Teilen säkularisierten Gesellschaft stellen nunmehr eine Aufforderung dar, mit Mut und Optimismus nach einer Antwort zu suchen und dabei mit Kühnheit und Innovationsgeist die ständige Neuheit des Evangeliums vorzuschlagen“ (L’Osservatore Romano, 22. September 2012).

„Mit Mut und Optimismus“: dies ist der Wunsch, den ich meinerseits gegenüber allen hier Anwesenden zum Ausdruck bringe, wobei ich die großen Schwierigkeiten eingestehe, die in der gegenwärtigen Situation herrschen. Mitunter drängt sich auch uns die Versuchung der Apostel auf, die am Ufer des Sees Genezareth durch den Mund Simons zu Jesus sagten: „Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen, Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen“ (Lk 5,5). Und es ereignete sich der wunderbare Fischfang.

Gewiss, die Neuevangelisierung, zu der wir berufen sind, soll nicht nur ein Slogan oder eine neue Technik sein, wie es heutzutage bei der Neu-Alphabetisierung der Fall ist, die den Gebrauch von Online-Kommunikationsmethoden vermitteln will. Es handelt sich dabei vielmehr um eine neue Evangelisierung in dem uns von den letzten Päpsten aufgezeigten Sinn, bei der die Herausforderungen in Angriff genommen werden sollen, vor denen die Kirche heute steht. Sie muss dabei jede Form des Skeptizismus überwinden und auf die Hilfe des Herrn vertrauen. Zudem handelt es sich um ein häufig wiederkehrendes Thema in der Geschichte der Kirche, die dazu berufen ist, aus ihrem Schatz „nova et vetera“ (Mt 13,52), Neues und Altes, hervorzuholen.

Wir stehen gewiss vor einem großen Vorhaben, in das Himmel und Erde mit einbezogen sind. Angesichts des zuvorkommenden und begleitenden Wirkens der göttlichen Gnade ist es ein geheimnisvolles Werk. Die Formulierung des zweiten Teils des Themas dieser Synode, das heißt der Satz „für die Weitergabe des Glaubens“, scheint nicht ganz angemessen zu sein, denn, wie wir nur allzu gut wissen, wird der Glaube nicht durch uns weitergegeben, da er aus der Gnade Gottes hervorgeht und nicht nur aus der Entscheidung des Menschen, der dieses Geschenk annimmt. Und um diese Gnade zu erbitten, weist uns die Kirche neben dem Apostolat des Handelns auch stets auf das Apostolat des Gebets hin.

Meinerseits habe ich versucht, mich auf unsere Synodenversammlung vorzubereiten, indem ich in den vergangenen Monaten erneut die “Apostelgeschichte” gelesen habe. Dort erkennt man bereits deutlich, dass das Evangelisierungswerk der Kirche Frucht verschiedener Faktoren war. Dies zeigt sich an den Worten und konkreten Initiativen der Apostel sowie am beständigen Wirken der göttlichen Gnade, die die Herzen für die Annahme der Frohen Botschaft offen werden ließ. Sicherlich sehen wir dort, dass Petrus gegenwärtig ist, der nach Pfingsten die Initiative ergreift und mit heiligem Eifer Jesus von Nazareth als den einzigen Erlöser vorstellt (Apg 2,14 ff.).

Ich muss allerdings gestehen, dass ich mich nach der trostreichen Lektüre der Apostelgeschichte mit dem Buch der Offenbarung beschäftigt habe, und dabei habe ich über die Wirklichkeit des Bösen in der Welt sowie über das Geheimnis der Freiheit des Menschen nachgedacht, der obwohl er das Licht sieht, mitunter bevorzugt im Dunkel zu bleiben. Ich wollte die Textstellen der Apokalypse meditieren, die uns die zerstörerische Gegenwart des Bösen in der Welt beschreiben. Es ist jedoch stets tröstlich, in der Apostelgeschichte zu lesen, wie letztlich die siegreiche Kraft über allem menschlichen Elend erstrahlt.

Ich möchte nun meine Rede mit einem Aufruf beschließen, den ich nicht so sehr als Dekan des Kardinalskollegiums, sondern vielmehr als ältester Dekan der hier versammelten Bischöfe vorbringe. Ich rufe dazu auf, dass wir unser Evangelisierungswerk mit großer Demut voranbringen, von dem Wissen getragen, dass wir nicht die ersten sind, die im Weinberg des Herrn arbeiten, und auch nicht die letzten sein werden. Wir sind nicht die ersten, denn andere sind uns seit zweitausend Jahren in dieser pastoralen Aufgabe vorangegangen. Wir sind auch nicht die letzten, denn nach uns werden andere dieses Werk weiterführen, bis zum Ende der menschlichen Geschichte, wenn es einen neuen Himmel und eine neue Erde geben wird (Offb 21,1).