Beitrag zum Weltfrauentag am 8. März

Sie gebären allein unten am Fluss

Rom, (ZENIT.orgKIN) | 975 klicks

Schwester Lucia arbeitet in der Benishangul-Gumuz-Region, einem der ärmsten und am wenigsten entwickelten Gebiete Äthiopiens. Viele Menschen gehören dem Stamm der Gumuz an. Besonders prekär ist hier die Lage der Frauen.

Bevor die Katechese beginnt, geht die junge italienische Franziskanerin durch das ganze Dorf. Sie fragt, wie es den Leuten geht, schaut nach den Müttern, die erst vor kurzem entbunden haben, sieht nach den Babys und nach den Kranken und lädt die Kinder ein, in die Kapelle zu kommen. Eine junge Mutter kommt auf die Schwester Lucia zu, ihre Wangen sind mit Ziernarben geschmückt. Jungen Mädchen werden am Oberkörper, am Rücken und im Gesicht mit glühendem Metall Muster in die Haut gebrannt, weil dies in den Augen der Gumuz ihre Attraktivität steigert. „An ihren abrasierten Haaren und der roten Farbe, mit der ihre Kopfhaut eingefärbt wurde, sieht man, dass die Frau erst vor kurzem ein Baby geboren hat“, weiß Schwester Lucia. Die Frau trägt den Säugling auf ihrem Rücken, aber er ist ganz versteckt in der noch viel zu großen Ledertrage.

Schwester Lucia umarmt die junge Mutter, unterhält sich mit ihr und erklärt: „Wenn die Stunde der Niederkunft kommt, müssen die Gumuz-Frauen ihre Dörfer verlassen. Mindestens drei Tage müssen sie an einem abgelegenen Ort bleiben. Die Menschen sind davon überzeugt, dass das Blut, das bei der Geburt fließt, einen Fluch über die Familie bringt. Deshalb gebären die Frauen ihre Kinder ganz allein im Wald, im Busch oder am Ufer eines Flusses.“ Kommt es zu Komplikationen, sterben die Mutter oder das Kind meistens. Manchmal lassen auch beide ihr Leben. Bisweilen dauert die Geburt tagelang und vollzieht sich unter schlimmsten Qualen, denn viele Mädchen werden sehr jung verheiratet, und so ist der Körper noch nicht ausgereift. Zudem sind die jungen Mütter bei der ersten Entbindung noch unerfahren und wissen sich nicht zu helfen.

Geschont werden die Frauen auch in der Schwangerschaft nicht. Sie sammeln Brennholz, hacken es klein und schleppen es über weite Strecken nach Hause oder zum Verkauf auf den Markt. Sie holen das Wasser von weither, mahlen stundenlang Getreide mit einer Steinmühle, sammeln Wurzeln und Samen zum Essen und tragen bei all dem fast immer noch ein Kind auf dem Rücken. Dazu kommt, dass es in der Kultur der Gumuz ein Nahrungstabu für schwangere Frauen gibt. Schwangere dürfen beispielsweise Eier, Hühnerfleisch und bestimmte Teile von gejagten Tieren nicht verzehren, weil der Aberglaube besagt, dass sie sonst sterben. Außerdem dürfen sie mancherorts auch keine Nahrungsmittel zu sich nehmen, die Kohlenhydrate und bestimmte Mineralien enthalten. So sind die werdenden Mütter oft mangelernährt, was wiederum zu gesundheitlichen Problemen bei Mutter und Kind führt.

Aber es gibt auch noch andere Bräuche, unter denen Frauen zu leiden haben: Wenn ein Gumuz-Mann heiratet, muss er der Familie seiner Braut eine Schwester oder eine andere weibliche Verwandte überlassen. Dahinter steht der Gedanke, dass die Arbeitskraft des Mädchens, das verheiratet wird, nicht mehr seiner eigenen Familie, sondern der des Mannes zur Verfügung steht und somit Ersatz notwendig ist. Da Frauen sehr hart arbeiten, wäre es ein herber Verlust, wenn ein Mädchen ersatzlos wegginge. Dies führt ebenfalls dazu, dass Witwen nicht zu ihrer Herkunftsfamilie zurückgehen können, da sonst auch die Frau, die bei der Hochzeit gegen sie ausgetauscht wurde, wieder an ihre eigene Familie zurückgegeben werden müsste, obwohl sie inzwischen verheiratet ist und Kinder hat. So werden Witwen in der Regel mit einem Bruder oder einem anderen männlichen Verwandten ihres verstorbenen Ehemannes verheiratet. Ob sie es wollen, werden sie nicht gefragt.

Schwester Lucia und ihre drei Mitschwestern bekommen alle diese Sorgen mit, wenn sie die 29 Orte besuchen, die sie regelmäßig betreuen, um dort Katechesen zu halten. Jeden Tag sind sie in mindestens vier Dörfern. Heute stehen die Zehn Gebote auf dem Lehrplan. Vorne werden zehn Jugendliche aufgereiht. Jeder von ihnen hält ein Blatt Papier in der Hand. Schwester Lucia dreht das erste davon um. „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ steht darauf. Schwester Lucia liest es vor, die Kinder wiederholen es im Chor. Ihre traditionelle Religion kennt viele verschiedene Götter. Es gibt einen Flussgott, einen Erdgott, einen Sonnengott, einen Baumgott, den Gott eines Berges und so weiter. Die Einwohner von Ohaba haben sich nun dafür entschieden, den christlichen Gott anzunehmen und sich katholisch taufen zu lassen. Dies wird auch die Rolle der Frau verändern und das Leben der Frauen bedeutend verbessern.

In vielen Ländern setzt sich die Katholische Kirche für die Würde der Frau ein. Besonders Ordensfrauen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie leisten Geburtshilfe, wo es keine medizinische Versorgung gibt, beraten Mütter, wie sie ihre Kinder gesund halten können, betreuen Opfer von Vergewaltigungen, nehmen junge Mütter auf, die allein in der Welt stehen. Sie verhelfen Mädchen und Frauen zu einer Schul- und Berufsausbildung, sie gehen in die Frauengefängnisse, bringen Hoffnung in die Elendsviertel der Großstädte, reichen Prostituierten die Hand und tragen die Frohe Botschaft, dass Frauen als Kinder Gottes eine Würde haben, in Gegenden, in denen noch nie jemand davon gehört hat. Das internationale katholische Hilfswerk „Kirche in Not" unterstützt Ordensschwestern in aller Welt.

Von Eva-Maria Kolmann (KIN)