Bekennender Jude bezeugt, wie ihn die Kirche vor den Nazis gerettet hat

Emanuele Pacifici ist heute Vorsitzender der Vereinigung "Freunde von Yad Veshem"

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ROM, 27. Januar 2005 (ZENIT.org).- Jene katholischen Ordensgemeinschaften und Einrichtungen, die den Juden in der Zeit des Nationalsozialismus in Rom und Italien Zuflucht gewährten und sie vor dem sicheren Tod bewahrten, hätten den jüdischen Glauben respektiert, erklärte vor kurzem ein selbst betroffener Jude namens Emanuele Pacifici.



Der Vorsitzende der Vereinigung “Freunde von Yad Veshem“ in Italien musste in seiner Kindheit die Grauen des Holocaust miterleben. Sein Vater Riccardo, eine Rabbiner in Genua, und seine Mutter Wanda Abenaim wurden im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Ihre beiden Söhne Raffaele und Emanuele wurden von den Ordensschwestern des in der Nähe von Florenz gelegenen Klosters Santa Marta in Settignano gerettet. Da Emanuele Tuberkulose hatte, musste er einige Jahre in einer Heilanstalt verbringen. Nach seiner Genesung fand er schon bald Arbeit und gründete eine Familie. Am 9. Oktober 1982 befand er sich erneut in Lebensgefahr, als ihn die Wucht einer Bombe erfasste, die unmittelbar vor der Synagoge in Rom explodiert war.

Die schönsten Erinnerungen von Emmanuele Pacifici kreisen um drei Hauptpersonen, um die zwei Ordensfrauen Cornelia Cordini und Ester Busnelli und Pater Gaetano Tantalo. Alle drei wurden vom Staat Israel mit dem Ehrentitel "Gerechte unter den Völkern" bedacht.

"Im Jahre 1943, als ich zwölf Jahre alt war, wurde mein Vater von den Nazis festgenommen", erinnert sich Emanuele Pacifici im Gespräch mit ZENIT. "Zusammen mit meiner Mutter und mit meinem Bruder Raffaele, der damals sechs Jahre alt war, suchten wir Unterschlupf in Florenz. Elia della Costa, der Kardinal, half uns mit einer Liste von Klöstern, die uns Unterschlupf gewähren und uns verstecken würden. Die Suche war nicht leicht, denn alle Klöster mit denen wir in Kontakt traten, waren bereits voll", so Pacifici.
Am Rande der Verzweiflung angelangt, wurden Emanuele, sein Bruder und seine Mutter schließlich doch fündig: Schwester Ester Busnelli, "die uns die Tür zum Kloster der Franziskanermissionarinnen auf dem Karmeliterplatz in Florenz aufschloss", nahm sie auf. "Aber da das Kloster nur Frauen aufnehmen durfte, brachte man meinen Bruder und mich zum Kloster Santa Marta in Settignano.

Nach wenigen Tagen brachen die Nazis in das Kloster von Schwester Ester ein. Zusammen mit 80 jüdischen Frauen wurde meine Mutter mitgenommen und nach Auschwitz deportiert. Niemand sollte von dort jemals wieder zurückkommen“, so Pacifici.

“Wie Strohhalme im Sturm fanden mein Bruder und ich, die wir bereits, ohne es zu wissen, Waisenkinder waren, im Kloster der heiligen Marta Unterkunft, Gastfreundschaft, Verständnis und Zuneigung. Ich erinnere mich, dass alle Kinder (sie waren katholisch) jeden Abend vor dem zu Bett gehen gewohnheitsmäßig das Kreuz küssten, das die Ordensfrauen umgehängt hatten. Als ich an die Reihe kam, sorgte Schwester Cornelia dafür, dass niemand mitbekam, dass ich das Kreuz nicht küsste, indem sie ihre Finger über das Kreuz legte, sodass ich ihre Finger küsste."

Auf diese Weise, erklärt Pacifici, wollte die Ordensfrau seine religiöse Identität schützen, ohne vor den anderen dumm dastehen zu müssen. ”Dann flüsterte sie mir ins Ohr: 'Geh ins Bett und krieche unter die Decke. Und dann vergiss nicht, Deine Gebete zu beten!' Und das machte sie jeden Tag, ein ganzes Jahr lang. Deshalb bin ich Schwester Cornelia, die ich stets 'Mama Cornelia' nannte, sehr dankbar."

1939, als Emanuele mit seinem Onkel und seiner Tante den Urlaub verbrachte, "befreundeten wir uns mit Pater Gaetano Tantalo, dem Pfarrer von Tagliacozzo. Pater Gaetano konnte sehr gut Hebräisch lesen und schreiben. 1943 wurden mein Onkel und meine Tante von den Nazis verfolgt und baten den Priester um Unterschlupf. Mit Hilfe seiner Schwester brachte er sie in einer Großfamilie namens Pacifici und der Familie Orvieto unter." In den folgenden neun Monaten, in denen sie das Haus nicht verließen durften, "versorgte sie P. Gaetano. Als das Passahfest bevorstand, bemerkte Onkel Enrico, dass er das genaue Datum nicht mehr kannte. Pater Gaetano rechnete es aus und fand heraus, dass der 14. Nissan (März – April im jüdischen Kalender) auf den 8. April 1944 fiel. Er besorgte das Mehl für die sauren Brote und einige neue Kochtöpfe", erzählt Emanuele Pacifici.

Trotz Nationalsozialisten konnte “Onkel Enrico und seine Familie auf diese Weise den 'Seder' begehen, die Feierlichkeiten des jüdischen Osterfests. Auch Pater Gaetano nahm daran teil. Nach dem Tod des Priesters fanden die Angehörigen unter seinem Hab und Gut ein Schächtelchen mit saurem Brot, von der Osterfeier mit meinen Verwandten."

Am 6. April 1995 wurde das Dekret über den heroischen Tugendgrad des genannten italienischen Priester Gaetano Tantalo veröffentlicht. Der Seligsprechungsprozess für den "Diener Gottes" ist im Gange.