Belebende Konkurrenz: Prominente diskutierten über Wiederzulassung der traditionellen lateinischen Messe

Von Regina Einig

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FRANKFURT AM MAIN, 23. August 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Steht die Entdeckung des Sakralen zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Zusammenhang mit der kürzlich von Papst Benedikt XVI. wieder zugelassenen traditionellen lateinischen Messe? Das Thema des Aktuellen Forums des Frankfurter Domkreises Kirche und Wissenschaft schloss diese Vermutung jedenfalls nicht aus. Über die „Rückeroberung des Heiligen?“ diskutierten am Montag der diesjährige Büchnerpreisträger Martin Mosebach, der Stuttgarter Philosoph Robert Spaemann, der Münsteraner Kirchenhistoriker Arnold Angenendt und der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards im gesteckt vollen Großen Saal im Haus am Dom.



Hätte es eines Beweises bedurft, dass die bezüglich der alten Liturgie immer wieder vorgebrachte Maxime „Alle Argumente sind doch längst ausgetauscht“ obsolet ist, hätte die Runde ihn erfolgreich erbracht. Die Debatte über das Motu proprio Benedikts XVI. förderte zwar keine überraschenden Gesichtspunkte zutage. Einen konkreten Vorschlag für die Umsetzung des päpstlichen Schreibens machte lediglich Spaemann: Er plädierte dafür, keinen Priester zur Feier der Messe nach dem neuen Ritus zu verpflichten, um die von Rom geforderte Akzeptanz des Missale Pauls VI. zu dokumentieren. Der Empfang der heiligen Kommunion aus der Hand des Bischofs und die Verwendung von im neuen Ritus konsekrierten Hostien in alten Messen reichen Spaemanns Ansicht nach aus, um das Ja zur Messe Pauls VI. nachzuweisen.

Bemerkenswert war vielmehr, dass die Diskussion in dieser Form überhaupt zustande kam: Wenn Theologen mit Laien in einer kirchlichen Einrichtung über die traditionelle Liturgie ins Gespräch kommen und jede Seite mit offenen Karten spielt, durchbrechen sie eine jahrzehntelange Schweigespirale. Wahre Toleranz ist ein seltenes Gut: Mosebach erinnerte an die erfolglosen Bitten der Frankfurter Indultgemeinde an den mittlerweile emeritierten Limburger Bischof Franz Kamphaus um eine Sonntagsmesse im alten Ritus. Mit der Begründung, die ekklesiologische Theologie der Kirche verbiete eine solche Messfeier in einer Pfarrkirche an Sonntagen untersagte Kamphaus, was andernorts erlaubt ist. „Ein priesterliches Gespräch ist den Anhängern des alten Ritus immer verweigert worden“, kritisierte Mosebach. Dialogkultur scheint gerade mit Blick auf die überdurchschnittlich vielen jungen Mitglieder vieler Indultgemeinden ein Gebot der Stunde zu sein. Die Haltung von Bischof Franz Kamphaus stellt allerdings keinen Ausnahmefall dar. Sogar über dem vierzigsten Jahrestag der Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilicum“ im Dezember 2003 lastete das Schweigen der Wissenschaft: Bei einer Festveranstaltung mit Kardinal Ratzinger und Fachleuten im Deutschen Liturgischen Institut in Trier blieben neuralgische Punkte der Liturgiereform wie der Gebrauch des Lateins, die Zelebrationsrichtung, der Volksaltar und der Wahl der Hochgebete tabu.

Auch in „Schmuddelecken tolerierte Gläubige“ (Spaemann) unterliegen allerdings dem Wandel der Zeit. Glaubt man seinen Ausführungen, so betrachtet Benedikt XVI. – anders als Johannes Paul II. – die alte Messe nicht als pastorales Zugeständnis an eine Randgruppe, sondern als einen „Schatz der Kirche“, den zu heben sich lohnt. Während der polnische Papst in privaten Gesprächen durchaus sein persönliches Unverständnis für die Sehnsucht vieler Gläubigen nach der alten Messe geäußert habe, weil ihm die Krise des Glaubens die drängendere Sorge der Zeit zu sein schien, sehe Benedikt XVI. einen direkten Zusammenhang zwischen liturgischer Krise und allgemeiner Glaubensnot. Die neue Liturgie habe „Freiräume eröffnet, die auf vollkommen dogmatische und fanatische Weise ausgefüllt wurden“, bilanzierte Spaemann. Seine Überzeugung, das liturgische Dilemma wäre nicht entstanden, wenn sich die Reformer an die Maßgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils gehalten hätten, entspricht grundsätzlich der Position des jetzigen Papstes.

Im Forum des Frankfurter Domkreises herrschte unter den Diskussionspartnern zwar ein Konsens darüber, dass im Zug der Liturgiereform Fehler begangen worden sind. Doch die Zustimmung Mosebachs und Spaemanns zu Joseph Ratzingers These vom Bruch in der Liturgiegeschichte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil stieß auf Widerspruch: Die Liturgiereform habe die Linien in Zielrichtung des Konzils weiter ausgezogen, so Gerhards. Der Diskurs über Ziele und Grenzen des Konzils spiegelt allerdings seit vierzig Jahren die Bandbreite innerkirchlicher Eigenwilligkeiten dar. Kernpunkte der Kritik an der Liturgiereform sind auch in Fachkreisen teilweise aus dem Blickfeld geraten wie Gerhards Beispiel eines Vergleichs von vor- und nachkonziliarem Introitus aus der Tagesliturgie zeigte. Man habe sich nie gegen den Austausch eines Introitus gestellt, korrigierte Mosebach und benannte die Sakralsprache, die Zelebrationsrichtung, das Opferverständnis, das Offertorium und den römischen Kanon als die tatsächlichen Quellen des Zwistes.

Der Altarraum als postkonziliares Minenfeld? Gerhards Einwand, ihm wäre statt der Freigabe der traditionellen lateinischen Messe eine Lösung, die keine neuen Gräben aufreißt, lieber gewesen, erschien vor dem Hintergrund der jüngsten Stellungnahme von Kardinal Lehmann (siehe unten) wenig schlüssig: Solange auf dem liturgischen Feld der katholischen Kirche in Deutschland alles beim alten bleibt und die Klugheit bewährter Hirten waltet, entbehren derartige Befürchtungen jeder sachlichen Grundlage.

Letztlich bedingt das Kirchenbild den Ritusstreit. Das zeigt schon das Unvermögen beider Seiten, sich auf eine einheitliche Sprachregelung über die vor- und nachkonziliaren Messform zu verständigen. Misstrauen gegenüber dem alten Ritus färbt durchaus auch auf die Sicht des Novus ordo ab, wie das leidenschaftliche Plädoyer Angenendts gegen das erste Hochgebet („ich kann das nicht mehr naiv herunterbeten“) zeigte. Um den römischen Kanon zu verstehen müsse man wegen nachträglicher Einschübe erst einmal ein liturgiegeschichtliches Seminar besuchen, urteilte der Münsteraner Kirchenhistoriker. Berücksichtigt man, dass Papst Benedikt XVI. bei öffentlichen Messen ausnahmslos das erste Hochgebet verwendet – auch dann, wenn im Programm eine Alternative angekündigt ist, wie beim Weltjugendtag 2005 in Köln – wird das Spannungsfeld innerhalb des neuen Ritus deutlich. Vor allem der Versuch Angenendts, die in vielen katholischen Ortskirchen Osteuropas und Afrikas selbstverständliche Praxis der Mundkommunion mit Assoziationen mittelalterlicher Reinheitsvorstellungen zu diskreditieren, wirkte abwegig. „Kein Mensch denkt heute beim Empfang der Mundkommunion an Menstruationsblut“, stellte Spaemann fest.

Dass die Rückeroberung des Heiligen kein Spaziergang wird, zeigte der Diskussionsstil des Frankfurter Forums. Vor allem Gerhards schien seine Gesprächspartner zeitweise mit Examenskandidaten zu verwechseln („Woher wissen Sie das?“). Doch war das Vertrauen in den belebenden Effekt der Konkurrenz auf das fromme Geschäft deutlich spürbar. Die siebte Auflage von Mosebachs Liturgiebetrachtungen „Häresie der Formlosigkeit“, spricht Bände. Die landläufige These, das „Problem“ der alten Liturgie werde sich biologisch lösen, widerlegte das Durchschnittsalter des Publikums. Zumindest in der jüngeren Generation dürfte Spaemanns gelassene Einschätzung der Koexistenz zweier Riten in der römischen Kirche mehrheitsfähig sein: „Vielleicht nicht ideal, aber keine Katastrophe“.

[© Die Tagespost vom 23.08.2007]