Belgien erlaubt aktive Sterbehilfe für Minderjährige

86 Abgeordnete stimmen dafür, 44 dagegen, 12 enthalten sich

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 332 klicks

In der für heute angesetzten Entscheidung zur aktiven Sterbehilfe bei Minderjährigen ist im Belgischen Parlament eine endgültige Entscheidung gefallen. Wie die Nachrichtenagenturen melden, stimmten 86 Abgeordnete für die Gesetzeserweiterung, 44 dagegen. Es gab zwölf Enthaltungen. König Philippe muss das Gesetz noch unterschreiben.

Ende 2013 war das Gesetzesvorhaben vom Senat und dem Justizausschuss der Kammer befürwortet worden. Die heutige Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe bei Minderjährigen bedeutet eine Ausweitung des 2002 verabschiedeten Gesetzes zur Euthanasie, das bis dato nur auf Volljährige anwendbar war. Damit ist Belgien weltweit das erste Land, das aktive Sterbehilfe bei Minderjährigen zulässt, d.h. die aktive Sterbehilfe ohne Altersgrenze praktiziert werden kann. In Belgien nahmen im Jahr 2012 1.432 Menschen die aktive Sterbehilfe in Anspruch, ein Rekordhoch.

Laut Gesetzesänderung können nun auch Kinder und Jugendliche, die unheilbar erkrankt sind und an unerträglichen Schmerzen leiden, den Zeitpunkt ihres Todes festsetzen. Für die Entscheidung benötigen die Minderjährigen die Zustimmung ihrer Eltern. Außerdem müssen der Entscheidung der behandelnde Arzt, unabhängige Kollegen und ein Psychologe zustimmen.

Die Gesetzeserweiterung war im Vorfeld nicht nur mehrfach von Kirchenvertretern und der Kirche nahestehenden Verbänden kritisiert worden; auch der Europarat hatte sich gegen eine Sterbehilfe Minderjähriger ausgesprochen. Ein Leben als lebensunwürdig einzustufen, sei mit dem Fundament einer zivilisierten Gesellschaft nicht vereinbar.

Dr. Constantin von Brandenstein-Zeppelin, Präsident des Malteser Hilfsdienstes hatte bereits im Januar dieses Jahres zum Thema Sterbehilfe erklärt: „Vertrauen und menschliche Nähe bieten die wirklich nötige Unterstützung in den schwierigen Phasen von Krankheit und Sterben. In keiner Situation stehen Malteser für die aktive Sterbehilfe bereit. Wenn Patienten und Angehörige wissen, dass eine bis an die Grenze der Belastbarkeit geleistete Pflege durch eine Selbsttötung beendet werden kann, entsteht ein großer Druck auf den Patienten, um den Angehörigen einen Gefallen zu tun! Da kann von freier Entscheidung des Patienten, sein Leben zu beenden, nicht mehr die Rede sein. Wer über die Möglichkeit der Schmerztherapie und Hospizarbeit informiert ist und sie angeboten bekommt, wünscht selten aktive Sterbehilfe.“ (ZENIT berichtete.)

In einem Interview mit domradio.de am 28. Januar 2014 hatte auch Weihbischof Losinger die Bedeutung der palliativmedizinischen Versorgung hervorgehoben: „…Den Menschen muss die Angst vor großen Schmerzen genommen werden. Und wir müssen darüber informieren, dass die palliativmedizinische Forschung in diesem Bereich heute sehr viel tun kann. Und das Angebot an Hospizen muss gestärkt werden in unserer Gesellschaft. Wir müssen Menschen in dieser letzten Lebensphase einen freiheitlichen, behüteten und begleiteten Raum anbieten, in dem sie die vielleicht wichtigste Phase ihres Lebens auch leben dürfen.“

Den Standpunkt der katholischen Kirche hatte er wie folgt zusammengefasst: „Erstens sind wir gegen jede Form kommerzieller Sterbehilfe-Angebote. Zweitens sind wir auch gegen den ärztlich assistierten Suizid, denn der Arzt im Krankenhaus darf nicht vom Helfer zum Vollstrecker mutieren. In dieser Sache sind wir uns mit der Ärztekammer absolut einig. Und drittens müssen wir jegliche aktive Sterbehilfe verhindern und verbieten. Gleichzeitig müssen wir aber dabei den Menschen klar machen, dass jeder Mensch ein natürliches Recht darauf hat, auch sterben zu dürfen. Gerade dort, wo ein Lebensbogen sich dem Ende zuneigt, müssen Menschen nicht mit der Angst leben, dass sie künstlich über alle Maßen hinaus am Leben erhalten werden. Die Vorstellung eines Lebens an Schläuchen macht den Menschen nicht selten Angst macht. Deshalb votiere ich dafür, dass die Kirche sich auch darum kümmern muss, dass in einer solchen zum Teil angstbesetzten Situation Menschen gestützt und beraten werden. Wir brauchen also nicht eine Hilfe zum Suizid, sondern eine Hilfe zum Leben.“