Belgischer Kardinal Julien Ries mit 92 Jahren verstorben

Großer Religionsanthropologe, von Benedikt XVI. am 18. Februar 2012 ins Kardinalskollegium aufgenommen

Rom, (ZENIT.org) | 923 klicks

Im Alter von 92 Jahren starb am vergangenen Samstag Kardinal Julien Ries, emeritierter Professor für Religionsgeschichte an der Katholischen Universität Louvain-la-Neuve. Kardinal Ries galt als der größte Religionsanthropologe unserer Zeit. Benedikt XVI. hatte ihn im feierlichen Konsistorium vom 18. Februar 2012 als Kardinaldiakon mit der Titeldiakonie „Sant’Antonio di Padova a Circonvallazione Appia“ ins Kardinalskollegium aufgenommen.

Kardinal Ries, der am 19. April seinen 93. Geburtstag gefeiert hätte, starb in Tournai, Belgien. Die belgische Bischofskonferenz gab bekannt, dass die Begräbnisfeier am 2. März in der Kathedrale von Tournai stattfinden wird.

Geboren in Fouches, in der belgischen Provinz Luxemburg, empfing Ries am 12. August 1945 die Priesterweihe. An der Katholischen Universität Löwen machte er 1948 seinen Abschluss in Theologie, ein Jahr später auch in Philosophie und Altorientalistik.

Nach seiner Promotion 1957 blieb Ries an der Katholischen Universität Löwen, wo er verschiedene Lehraufgaben erfüllte; am längsten (1968 – 1991) hatte er den Lehrstuhl für Religionsgeschichte an der theologischen Fakultät und am Institut für Altorientalistik inne. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel über orientalische Religionen, insbesondere über Hinduismus, Buddhismus und Islam. In seinen Vorlesungen setzte er den Schwerpunkt auf Mythen, Riten und Symbole.

Kardinal Ries besaß auch tiefe Kenntnisse über die antiken Religionen Ägyptens, Germaniens und Skandinaviens und über den Gnostizismus. Er gründete das Zentrum für Religionsgeschichte der Katholischen Universität Louvain-la-Neuve und veröffentlichte verschiedene Bücher zum Thema Religionsgeschichte.

Von 1979 bis 1985 war er Mitglied des päpstlichen „Sekretariats für die Nichtchristen“ (heute Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog). Zwischen 1982 und 2000 nahm er insgesamt 17mal am Rimini-Treffen für Freundschaft zwischen den Völkern teil, das jedes Jahr von „Comunione e Liberazione“ organisiert wird.

Das Gesamtwerk von Kardinal Ries umfasst etwa 645 wissenschaftliche Werke, darunter Bücher, Artikel und Essays. Für dieses monumentale Werk erhielt er 1986 den Dumas-Miller-Preis der Académie Française, die ihm ein Jahr später auch noch den Furtado-Preis „für sein wissenschaftliches Gesamtwerk“ zusprach.

Kardinal Ries pflegte häufige Kontakte zur Katholischen Universität vom Heiligen Herzen (Università Cattolica del Sacro Cuore) in Mailand, der er 2009 seine gesamte Bibliothek schenkte, zusammen mit all seinen Manuskripten, Notizen, Arbeitsblättern für Kurse und der wissenschaftlichen Korrespondenz, die er mit Religionshistorikern der ganzen Welt geführt hatte. Diese Fachbibliothek umfasst insgesamt etwa 8000 veröffentlichte und nicht veröffentlichte Objekte, die nun in Mailand das von Prof. Silvano Petrosino geleitete „Julien-Ries-Archiv für symbolische Anthropologie“ bilden.

Die Katholische Universität vom Heiligen Herzen in Mailand verlieh ihm auch am 27. Oktober 2010 das philosophische Ehrendoktorat für den Bereich Bioethik „für den inneren Wert seiner Studien, seine unermüdliche Arbeit im Bereich der Kulturwissenschaften, für seinen entscheidenden Beitrag, den er mit seinen Forschungen für das Verständnis des Phänomens Religion geleistet hat, insbesondere, was das Wesen des Homo religiosus angeht.“