Bemühen wir uns darum, die Auferstehung Christi nicht wirkungslos zu machen!

Ein Interview mit der Professorin Anne-Marie Pelletier, die 2014 als erste Frau mit dem Ratzinger-Preis ausgezeichnet wurde

Rom, (ZENIT.org) Anne Kurian | 286 klicks

„In meiner gesamten akademischen Laufbahn hat der Grenzbereich zwischen Kirche und Welt, Glaube und Kultur, Gläubigen und Nichtgläubigen stets eine große Anziehungskraft auf mich ausgeübt“. „Meines Erachtens gibt es keine christliche Verneinung der Welt“. „Die Bibel fungiert als Kompass meines Lebens“ und „ich glaube an die in der Tiefe des Alltagslebens verborgene Kraft des anderen!“

Bereits diese wenigen Stellungnahmen geben einen Einblick in die starke und tiefgründige Persönlichkeit der Theologin Professor Anne-Marie Pelletier, die im Jahre 2014 als erste Frau den renommierten Ratzinger-Preis entgegengenommen hat. In einem Interview mit ZENIT beschreibt Pelletier diese Auszeichnung als eine „große Überraschung“, womit bestätigt wird, dass „der Großteil der Ereignisse, die Geschichte schreiben, zu den meisten Menschen oft nicht vordringen”.

Trotz ihrer Bewunderung für viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens glaubt Pelletier ihren eigenen Angaben zufolge „an die in der Tiefe des Alltagslebens verborgene Kraft des anderen“. Als Mutter und Großmutter bringt die Theologin ihre „Dankbarkeit der Ratzinger-Stiftung“ gegenüber zum Ausdruck sowie die Freude darüber, eine zum Leben der Taufe berufene Christin mitten in der Welt von heute und im Kulturbereich tätig zu sein.

„In meiner gesamten akademischen Laufbahn“, so Pelletier, „hat der Grenzbereich zwischen Kirche und Welt wie in „Gaudium et Spes“ beschrieben, Glaube und Kultur, Gläubigen und Nichtgläubigen stets eine große Anziehungskraft auf mich ausgeübt“.

Anschließend spricht die Theologin über ihr Leben in der Welt, ihrer Leidenschaft zum Schreiben, ihre Lektüren, Interpretationen und Lehren von der Begegnung der menschlichen und der göttlichen Sprache im Mysterium der Inkarnation. Ihren intellektuellen und spirituellen Bezugspunkt bildet der große Exeget Pater Paul Beauchamp und die von Papst Benedikt XVI. im September 2008 am Bernardine College gehaltene Rede an die Welt der Kultur.

Anne-Marie Pelletier hatte während der Synode von 2001 die Gelegenheit zu einer persönlichen Begegnung mit dem Papst. Allerdings bestand zu diesem Zeitpunkt bereits ein Briefwechsel über anthropologische und theologische Fragen.

Pelletier bezeichnet Ratzinger als einen Menschen von großer Einsicht und Demut, der die Fähigkeit zu einer leuchtenden Lehre besitze, was aus den von ihm verfassten Schriften erkennbar werde. Ratzinger widme sich voll und ganz dem Dienst der Einsicht und Wahrheit, der sich nicht an einer Gesamtheit von Gedanken und Themen ausrichte, sondern an der Person Christi. Man dürfe nie darauf vergessen, dass der „Glanz der Wahrheit“ nichts anderes sei als die Herrlichkeit der Person Jesu, die in den Erzählungen des Evangeliums aufleuchte.

Auf die Frage nach den Gemeinsamkeiten mit dem hl. Benedikt antwortet die französische Professorin folgendermaßen: „Ich stehe dem heiligen Benedikt keineswegs gleichgültig gegenüber. Das Klosterleben zählte zu den Quellen meines Lebens (…) Die Einzigartigkeit des Klosterlebens ist nicht nur ein Ideal einer christlichen Elite … Vielmehr handelt es sich um ein Leben, das das Leben offenbart! Seine Aufgabe besteht darin, die Beziehung zu Gott, zu den Mitmenschen und zu der Zeit zu suchen und zu ergänzen. Dies betrifft einen jeden Christen!“.

Die Theologin führt aus: „Das Klosterleben führt uns in das Herz des christlichen Lebens. Dabei handelt es sich um das von der Taufe gekennzeichnete Leben, das uns alle  - vom Größten bis zum Kleinsten – dazu einlädt, durch Christus Kinder Gottes zu sein. Nicht mehr und nicht weniger als das! Davon ausgehend sind viele Dinge geordnet. Dies scheint mir der Ausgangspunkt zu sein, das Fundament jeder Ekklesiologie, der Bezugspunkt aller unserer Diskussionen über das Leben der Kirche“.

Spricht die Verleihung des Ratzinger-Preises an die erste Frau für die Existenz einer weiblichen Lesart der Bibel und der Theologie? Die Antwort der französischen Wissenschaftlerin auf diese Frage lautete: „Ja, zwischen der Exegese und der Theologie besteht eine fundamentale Einheit, wobei es jedoch zerstörerisch wäre, wenn die Frauen in einem nur ihnen vorbehaltenen Stil stecken blieben. Dennoch können wir im Lichte der in einem Dokument zur Interpretation der Bibel in der Kirche aus dem Jahr 1993 dargelegten zeitgenössischen Hermeneutik sagen, dass die weibliche oder männliche Lesart alles andere als gleichgültig ist“. Somit habe die weibliche Beschäftigung mit der Heiligen Schrift heute neue Fragen, neue Gestalten und in den biblischen Erzählungen vergessene Rollen zutage treten lassen. Sie erlaubt die Entdeckung der anthropologischen Vielschichtigkeit der biblischen Offenbarung und insbesondere der  Begegnung zwischen Mann und Frau.

Ihre persönliche Auffassung hinsichtlich der bevorstehenden Synode über die Familie schildert die Professorin wie folgt: „Das Leben der Familie ist eine Lebensschule. Die Familie ist die vollkommenste Form der Erfahrung des Reichtums, der Komplexität und der Schwierigkeit der menschlichen Beziehungen. Sie ist der Ort der vollkommensten Freude und der bisweilen größten Ereignissen“.

Die Theologin ergänzt: „Eine Synode über die Familie muss von der Annahme ausgehen, dass die Realität mit all ihren zeitgenössischen Ausdrucksformen zu analysieren und zu berücksichtigen ist. Dies entspricht auch den guten Absichten der Veranstalter. Dennoch darf man sich meines Erachtens nicht in irrealen  Vorstellungen verlieren. Wenn Gott in allem gegenwärtig ist, das Freundlichkeit, Großzügigkeit, Freiheit, treue und geduldige Liebe belebt, ist er nicht weniger gegenwärtig in den Familien, die Schweres durchleben. Ich würde sagen, dass unsere hochmütigen Perfektionsideale Gott einschüchtern.

Abschließend äußert die Empfängerin des Ratzinger-Preises die folgenden Gedanken: „Als Mutter möchte ich sagen, dass die Kirche vor allem ein Zeugnis der Barmherzigkeit abgeben muss. Dies entspricht jenem Blick Christi, der das Vertrauen aller erbittet. Lassen Sie uns ehrlich sein: Barmherzigkeit hat das Potenzial zu verwandeln, was in unseren Gesellschaften existieren sollte. Positiv zu bewerten ist der Umstand, dass sich Gott weder gebeugt noch verirrt hat.  Bemühen wir uns darum, in dieser oft von Schwierigkeiten gekennzeichneten Welt die Auferstehung Christi nicht wirkungslos zu machen!“.