Benedikt XVI.: Advent, Zeit der Hoffnung

Mit der Hilfe Gottes kann der Christ die Welt erneuern

| 632 klicks

ROM, 28. November 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am ersten Adventssonntag vor dem Angelusgebet gehalten hat. Vor tausenden Gläubigen aus aller Welt betonte der Heilige Vater, \"wie entscheidend es ist, bereit zu sein für den Herrn und ihn empfangen zu können, wenn er unerwartet kommt\".



* * *



Liebe Brüder und Schwestern!

Am heutigen Sonntag beginnt der Advent, eine vom religiösen Standpunkt aus betrachtet höchst bedeutsame Zeit, denn sie ist voller Hoffnung und geistiger Erwartung. Jedes Mal, wenn sich die christliche Gemeinschaft darauf vorbereitet, das Gedächtnis der Geburt des Erlösers zu begehen, überkommt sie eine Freude, die bis zu einem bestimmten Grad auch an die ganze Gesellschaft weitergegeben wird.

Im Advent erleben die Christen eine doppelte Bewegung des Geistes: Einerseits richten sie ihren Blick auf das letzte Ziel ihrer geschichtlichen Pilgerschaft, die glorreiche Rückkehr des Herrn Jesus, andererseits feiern sie ergriffen seine Geburt in Bethlehem und verbeugen sich vor seiner Krippe. Die Hoffnung der Christen ist auf die Zukunft gerichtet, bleibt aber immer fest in einem Ereignis der Vergangenheit verwurzelt: Als die Fülle der Zeit angebrochen war, wurde der Sohn Gottes von der Jungfrau Maria geboren – \"geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt\", wie der heilige Paulus schreibt (Gal 4,4).

Das Evangelium lädt uns heute dazu ein, wachsam zu bleiben, während wir das letzte Kommen Christi erwarten. \"Seid also wachsam!\", sagt Jesus, \"denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt\" (Mk 13,35-37). Das kurze Gleichnis vom Herrn, der sein Haus verlässt, um auf Reisen zu gehen, und seinen Dienern, die sich um das Gut zu kümmern haben, zeigt uns, wie entscheidend es ist, bereit zu sein für den Herrn und ihn empfangen zu können, wenn er unerwartet kommt. Die christliche Gemeinschaft erwartet seine \"Offenbarung\" voller Sehnsucht, und der Apostel Paulus ermahnt die Korinther in seinem Brief, auf die Treue Gottes zu vertrauen und so zu leben, dass er sie bei seiner Rückkehr am Tag des Herrn \"schuldlos\" vorfinde (vgl. 1 Kor 1,7-9). Aus diesem Grund legt uns die Liturgie zu Beginn des Advents so passend die Psalmbitte in den Mund: \"Erweise uns, Herr, deine Huld und gewähre uns dein Heil!\" (Ps 85,8).

Wir könnten sagen, der Advent ist jene Zeit, in der der Christ in seinem Herzen neu die Hoffnung aufflammen lassen soll, dass er mit der Hilfe Gottes fähig ist, die Welt zu erneuern. In diesem Zusammenhang möchte ich heute auch an die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche in der Welt von heute, \"Gaudium et Spes\", erinnern, da dieser Text ganz von der christlichen Hoffnung durchdrungen ist.

Konkret beziehe ich mich auf Punkt 39, der die Überschrift trägt: \"Die neue Erde und der neue Himmel\". Dort heißt es: \"Wir werden belehrt, dass Gott eine neue Wohnstätte und eine neue Erde bereitet, auf der die Gerechtigkeit wohnt\" (vgl. 2 Kor 5,2; 2 Petr 3,13). Dennoch \"darf die Erwartung der neuen Erde die Sorge für die Gestaltung dieser Erde nicht abschwächen, auf der uns der wachsende Leib der neuen Menschenfamilie eine umrisshafte Vorstellung von der künftigen Welt geben kann, sondern muss sie im Gegenteil ermutigen.\" Wir werden nämlich die guten Früchte unserer Anstrengungen wieder erkennen, wenn Christus dem Vater sein ewiges und universelles Reich übergibt. Die allerseligste Jungfrau Maria, Jungfrau des Advents, möge uns helfen, damit wir diese Zeit der Gnade wachsam und engagiert leben können, während wir auf den Herrn warten.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals. Nach dem Angelusgebet grüßte der Heilige Vater die Pilgergruppen. In seiner Muttersprache Deutsch sagte er:]

Einen herzlichen Gruß richte ich an alle deutschsprachigen Pilger und Besucher hier auf dem Petersplatz. Besonders heiße ich die zahlreichen Gäste willkommen, die anlässlich des Internationalen Festivals der geistlichen Musik und Kunst nach Rom gekommen sind. Die Adventszeit ruft alle Christen dazu auf, mit wachsamem Herzen und durch Taten der Liebe der Wiederkunft des Herrn die Wege zu bereiten. Gott schenke euch dazu das Licht seiner Gnade!