Benedikt XVI. an die Glaubenskongregation: Die Kirche ermutigt wissenschaftlichen Fortschritt

Kein wahrer Fortschritt ohne die Achtung der menschlichen Würde

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ROM, 31. Januar 2008 (ZENIT.org).- Die Lehre der Kirche und der Ökumenismus, die Prinzipien der Evangelisierung, die bioethischen Herausforderungen, die sich für Christen aus dem Fortschritt der biomedizinischen Technologien ergeben: dies waren die Inhalte der von Leidenschaft gezeichneten Ansprache Benedikts XVI. vor den Teilnehmern der diesjährigen Vollversammlung der Kongregation für die Glaubenslehre.



Der Papst beschäftigte sich mit drei Themenbereichen und brachte seine Dankbarkeit für die Arbeit des Dikasteriums zum Ausdruck, das er als Kardinal selbst leiten durfte. Die Hauptaufgabe bestehe darin, die Einheit zu stärken, „die in besonderer Weise dem Papst anvertraut ist“. Es handle sich um einen Dienst, der vor allem die Einheit stiftende Funktion zum Ausdruck bringe, der „auf dem ‚sacrum depositum’ gründet, dessen erster Hüter und Verteidiger der Nachfolger Petri ist“.

Benedikt XVI. ging zunächst auf die beiden Dokumente ein, die die Kongregation für die Glaubenslehre im Jahr 2007 veröffentlichte: die „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre der Kirche“ und die „Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung“.

Mit dem ersten Dokument werde in der Sprache des II. Vatikanischen Konzils und in Kontinuität mit der Lehre der katholischen Tradition bestätigt, dass „die eine und einzige Kirche Christi ihre Subsistenz, Permanenz und Stabilität in der katholischen Kirche hat“. Die Einheit, Unteilbarkeit und Unzerstörbarkeit der Kirche würden daher nicht durch die Spaltungen der Christen zunichte gemacht.

Dieses Dokument biete des weiteren den korrekten Sprachgebrauch gewisser ekklesiologischer Ausdrücke, die den Unterschied zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen und dem Kirchesein im theologischen Sinn betreffen. Dies sei ein Ansporn dafür, dass die Auseinandersetzung über Lehrfragen „immer mit Realismus und in dem vollen Bewusstsein jener Aspekte stattfindet, die die christlichen Konfessionen noch trennen“.

Papst Benedikt betonte: „Eine theologische Vision zu pflegen, die die Einheit und Identität der Kirche als ihre ‚in Christus verborgenen’ Gaben betrachtet, dies mit der Folge, dass die Kirche geschichtlich de facto in vielfältigen kirchlichen Ausgestaltungen existiert, die miteinander nur in einer eschatologischen Hinsicht zu versöhnen sind, könnte nichts anderes als eine Verlangsamung und im letzten eine Lähmung des Ökumenismus selbst hervorrufen.“

Das Subsistieren der Kirche Christi in der katholischen Kirche betreffe nicht nur die Beziehung mit den christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, sondern auch das Verhältnis zu den anderen Religionen.

Das zweite Dokument der Glaubenskongregation bekräftige angesichts der „Gefahr eines anhaltenden religiösen und kulturellen Relativismus“, dass die Kirche nicht von der Notwendigkeit der Evangelisierung und der Mission absehe und nicht aufhöre, die Menschen um die Annahme des allen Völkern angebotenen Heils zu bitten. Die Anerkennung von Elementen der Wahrheit und des Guten in den anderen Religionen dürften nicht als eine Beschränkung der missionarischen Sendung der Kirche verstanden werden.

Benedikt XVI. forderte dann als drittes die Mitglieder der Kongregation für die Glaubenslehre dazu auf, mit besonderer Aufmerksamkeit die schwierigen und komplexen bioethischen Problemen zu verfolgen. Die neuen biomedizinischen Technologien interessieren nicht nur einige Ärzte und Forscher, sondern fänden durch die Medien große Verbreitung und weckten so in breiten Bevölkerungsschichten Erwartungen und Fragen.

„Das Lehramt der Kirche kann und darf gewiss nicht hinsichtlich jeder Neuheit der Wissenschaft eingreifen; es hat jedoch die Aufgabe, die auf dem Spiel stehenden großen Werte zu betonen und den Gläubigen und allen Menschen guten Willens ethisch-moralische Prinzipien und Orientierungen zu den neuen wichtigen Fragestellungen zu geben.“

Der Bischof von Rom erläuterte die beiden fundamentalen Kriterien für die moralische Unterscheidung im Bereich der Biowissenschaften: „die unbedingte Achtung des Menschen als Person, von seiner Geburt bis zu einem natürlichen Tod“, sowie „die Achtung der Eigentümlichkeit der Weitergabe des menschlichen Lebens durch die den Eheleuten eigenen Akte“.

Benedikt XVI. erinnerte diesbezüglich auch an die Instruktion der Glaubenskongregation aus dem Jahr 1987 Donum vitae („Über die Achtung vor dem beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung“). Er wies darauf hin, dass viele das Lehramt nach dieser Veröffentlichung kritisiert und ihm vorgeworfen hätten, der Wissenschaft und dem wahren Fortschritt der Menschheit Hindernisse in den Weg zu legen.

„Die neuen Probleme jedoch, die mit der Einfrierung von menschlichen Embryonen, mit der embryonalen Reduktion [Reduktion der Zahl der Embryonen bis zur neunten Schwangerschaftswoche, Eliminierung von überzähligen Embryonen bei einer durch künstliche Befruchtung erzeugten Mehrlingsschwangerschaft, Anm. d. Red.], mit der Präimplantationsdiagnostik, mit der embryonalen Stammzellenforschung sowie mit den Versuchen zur Klonierung des Menschen verbunden sind, zeigen deutlich, wie mit der extrauterinen Befruchtung die zum Schutz der menschlichen Würde aufgestellte Barriere eingerissen worden ist.“

Werden menschliche Wesen in ihrem schwächsten und wehrlosesten Zustand ihres Seins selektioniert, aufgegeben, getötet oder gar als „biologisches Material“ gebraucht, wie sollte dann, so fragte der Papst, geleugnet werden, dass sie nicht mehr als „jemand“, sondern als „etwas“ behandelt werden? - wodurch der Begriff der Menschenwürde selbst in Frage gestellt werde.

Die Kirche schätze und ermutige den Fortschritt der biomedizinischen Wissenschaften, die bisher unbekannte therapeutische Perspektiven eröffnet habe. Gleichzeitig aber, so Benedikt XVI., fühle sich die Kirche verpflichtet, „die Gewissen aller zu erleuchten, damit der wissenschaftliche Fortschritt wirklich ein Fortschritt ist, der jeden Menschen achtet, dem die Würde der Person zuerkannt wird, da er als Gottes Ebenbild geschaffen ist“.

Zum Schluss seiner Ansprache würdigte der Papst die Studientagung der Vollversammlung dieser Tage sowie deren Beitrag zur Bildung der Gewissen der Menschen entsprechend der Aussage des II. Vatikanischen Konzils: „Bei ihrer Gewissensbildung müssen jedoch die Christgläubigen die heilige und sichere Lehre der Kirche sorgfältig vor Augen haben. Denn nach dem Willen Christi ist die katholische Kirche die Lehrerin der Wahrheit; ihre Aufgabe ist es, die Wahrheit, die Christus ist, zu verkündigen und authentisch zu lehren, zugleich auch die Prinzipien der sittlichen Ordnung, die aus dem Wesen des Menschen selbst hervorgehen, autoritativ zu erklären und zu bestätigen“ (Dignitatis humanae, 14).