Benedikt XVI. antwortet italienischem Mathematiker

"Der Glaube, die Wissenschaft, das Schlechte" - 11 Seiten Klarstellung

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 602 klicks

Die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ publiziert heute Auszüge aus einem Antwortbrief von Benedikt XVI. an den italienischen Mathematiker Pierluigi Odifreddi. Der Essayist hatte 2011 ein Buch mit dem Titel „Lieber Papst, ich schreibe dir“ („Caro Papa ti scrivo“, Mondadori 2011) herausgebracht, in dem er sich von dem Buch Joseph Ratzingers „Einführung in das Christentum“ inspirieren ließ. Die Antwort des emeritierten Papstes erhielt der Mathematiker und bekennende Atheist am 3. September via Post in Form eines 11 seitigen Protokolls, das auf den 30. August datiert ist. 

In dem Brief bedankt sich der emeritierte Papst zunächst für den Versuch Odifreddos, sich bis ins kleinste Detail mit seinem Buch und somit mit seinem Glauben auseinandergesetzt zu haben, sowie für die „loyale“ Auseinandersetzung mit dem Text. Er behält sich jedoch vor, eine vom Buch Odifreddis divergierende Meinung zu haben, das er in Teilen mit Freude und Gewinn gelesen habe, in anderen Teilen aber auch überrascht die „gewisse Aggressivität und Unbesonnenheit in der Argumentation“ zur Kenntnis genommen habe.

Er sei mit Odifreddi einer Meinung, dass die Mathematik die einzig „wahre Wissenschaft“ sei, bittet aber den Mathematiker anzuerkennen, dass die Theologie bemerkenswerte Ergebnisse „im Bereich der Geschichte und Philosophie“ erzielt habe und keine „Science-Fiction“ sei, wie sich der Mathematiker ausdrücke. Er zeige sich überrascht, dass Odifreddo sich trotz dieser Meinung so detailliert mit seinem, Ratzingers, Buch auseinandergesetzt habe. Benedikt XVI. unterstreicht im Folgenden mit gewohntem Scharfsinn in vier Punkten die wichtige Rolle der Theologie, „die Religion an die Vernunft zu binden und die Vernunft an die Religion, da es durchaus gefährliche Pathologien der Religion gebe, wie auch nicht minder gefährliche Pathologien der Vernunft.“

Wenn es nicht erlaubt sei, über das Schlechte in der Kirche zu schweigen, so dürfe man aber auch nicht über die leuchtende Güte und Reinheit schweigen, die der christliche Glaube über die Jahrhunderte mit sich gebracht habe, so Benedikt XVI. weiter. Überdies sei es nicht von der Hand zu weisen, dass der Glaube auch heute viele Menschen dazu antreibe, sich in den Dienst anderer zu stellen sowie der Aufrichtigkeit und der Gerechtigkeit zu verpflichten.

Die intellektuelle Auseinandersetzung zwischen Ratzinger und Odifreddi findet jedoch bei anderen Themen statt, wie der Figur von Jesus Christus. So schreibt der emeritierte Papst: „Das, was Sie über Jesus sagen, ist Ihres wissenschaftlichen Ranges nicht würdig.“ Er, Odifreddo, habe nicht Recht, wenn er sage, man wisse nichts über Jesus, es gebe keine historischen Belege für seine Existenz, und empfiehlt ihm in diesem Zusammenhang das vierbändige Werk Martin Hengels (der Exegese an der Fakultät für evangelische Theologie in Tübingen lehrte) und Maria Schwemer „Der messianische Anspruch Jesu und die Anfänge der Christologie“ (4 Bd., Tübingen 2001) zu lesen. Was Odifreddi über Jesus sage, sei leichtfertig und solle nicht wiederholt werden. Benedikt XVI. wehrt sich im Folgenden entschieden gegen den Vorwurf des Mathematikers, er interessiere sich nur für Metageschichte; das Gegenteil sei der Fall. Mit all seiner Kraft wolle er zeigen, dass der in den Evangelien beschriebene Jesus ein realer Jesus sei.

Bezüglich des Vorwurfs der sexuellen Misshandlung Minderjähriger von Priestern schreibt der emeritierte Papst, er könne dies nur mit tiefer Konsternation zur Kenntnis nehmen und betont, dass er versucht habe, diese Dinge zu entlarven. Dass die Macht des Schlechten auch die Welt des Glaubens durchdringe, sei nichtsdestotrotz kein Grund, dies unentwegt in den Vordergrund zu stellen, als sei dies spezifischer Schmutz des Katholizismus, zumal der prozentuale Anteil an Priestern, die diese kriminellen Taten begangen hätten, nicht höher sei als derjenige der Vergehen in anderen vergleichbaren Berufssparten.

Abschließend räumt Benedikt XVI. ein, dass seine Kritik an Odifreddis Buch in Teilen hart sei, jedoch sei „der Dialog Teil der Aufrichtigkeit“, denn nur so könne die Erkenntnis wachsen. Odifreddi sei sehr offen in seiner Meinungsäußerung gewesen, und so nehme er, Benedikt XVI., sich dasselbe Recht. Trotz aller Unterschiede in der Auffassung zeige er sich erfreut darüber, dass Odifreddi die „Einführung in das Christentum“ als Anlass genommen habe, einen so offenen Dialog über den Glauben der katholischen Kirche zu führen.