Benedikt XVI. beim Kreuzweg im Kolosseum: Jesu Antlitz sehen

Es spiegelt sich in jedem einsamen, verachteten und verfolgten Menschen wider

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ROM, 11. April 2009 (ZENIT.org).- Die Passion des Herrn „kann auch die härtesten Herzen zu Mitleid rühren“, bekräftigte gestern, am Karfreitag, Papst Benedikt XVI. zum Abschluss der traditionellen Kreuzweg-Andacht im römischen Kolosseum.

„Scharen von Männern und Frauen haben sich von diesem Geheimnis faszinieren lassen, indem sie diesem Gekreuzigten gefolgt sind“, so der Papst im Widerschein einer von Zehntausenden von Kerzenfackeln erhellten Nacht.

Die Kartage in Rom sind in diesem Jahr von den schrecklichen Ereignissen in L’ Aquila überschattet. Am gestrigen Vormittag hatte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone SDB mit den Angehörigen der Opfer und Bewohnern der betroffenen Region einen Trauergottesdienst gefeiert.

Einer langen Tradition zufolge betet der Papst alljährlich am Karfreitag am und im Kolosseum spätabends den Kreuzweg. Das Kolosseum steht symbolisch für die Zirkusarenen, in denen zahlreiche Christen der ersten Jahrhunderte in Rom und anderswo das Martyrium erlitten.

„Wir wollen uns vergegenwärtigen, dass es auch in Zeiten von Katastrophen Grund zur Hoffnung gibt“: Diese Einleitungsworte des Kreuzwegs trafen die anwesenden Römer und Pilger in diesem Jahr besonders ins Herz.

Mit Blick auf Hiob, der angesichts der persönlichen Schicksalsschläge versucht war, ganz und gar in Hoffnungslosigkeit zu versinken, luden die Einführungsworte des Kreuzwegs zu einem Weg der Hoffnung ein, einer Spurensuche nach dem Gott, „der verborgen gegenwärtig in der Welt ist“.

An die Zehntausenden von Gläubigen gewandt, die sich an diesem frisch-kalten, bewölkten Abend im Kolosseum eingefunden hatte, bekräftigte der Heilige Vater, dass auch die alltäglichen Opfer und Leiden im Verborgenen sich in die Geschichte der Heiligen und Märtyrer einreihten.

„Halten wir heute Abend inne, und schauen wir auf sein entstelltes Antlitz“, sagte Benedikt XVI. in seiner Abschlussbetrachtung: „Sein Antlitz spiegelt sich in jedem einsamen, verachteten und verfolgten Menschen wider“, so der Bischof von Rom.

Die Vorbereitung der Meditationen und Gebete zum traditionellen Karfreitags-Kreuzweg hatte der Papst dem Erzbischof von Guwahati (Indien), Msgr. Thomas Menamparampil SDB, anvertraut. Seine Ausführungen gaben den Gläubigen Gelegenheit, sich in die Lage all derer hineinzuversetzen, die von Leiden, Verfolgung und Schikanierung in ihrem Glauben heimgesucht worden sind.

„Auch heute werden wir Zeugen unglaublicher Grausamkeit: Mord, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Entführung, Erpressung, ethnische Konflikte, Gewalt in den Städten, körperliche und seelische Folter, Verletzung der Menschenrechte.

Jesus leidet immer noch, wenn Gläubige verfolgt werden, das Recht im Gericht gebeugt wird, die Korruption Wurzeln schlägt, ungerechte Strukturen die Armen ausbeuten, Minderheiten unterdrückt und Flüchtlinge und Migranten mißhandelt werden. Jesu Kleider werden ihm vom Leib gerissen, wenn die menschliche Person auf dem Bildschirm entwürdigt wird, wenn Frauen gezwungen werden, sich selbst zu erniedrigen, wenn Slum-Kinder durch die Straßen ziehen und Abfälle auflesen“, schreibt der indische Oberhirte in seiner Betrachtung zur sechsten Station.

In der siebten Station wurde das Kreuz indischen Ordensfrauen übergeben, die es bei der zehnten Station jungen Leuten aus Burkina Faso übergaben. So wurde das Kreuz von Vertretern katholischer Kirchen aus aller Welt vom Inneren des Kolosseums auf den benachbarten Palatin-Hügel getragen.

In der Betrachtung zur neunten Station – Jesus begegnet den Frauen von Jerusalem – heißt es: „Das Los der Gesellschaft ist eng verbunden mit dem Wohlbefinden ihrer Frauen. Wo immer sie gering geachtet werden oder ihre Rolle herabgewürdigt ist, kann die Gesellschaft ihre eigentlichen Möglichkeiten nicht ausschöpfen. Ebenso gestaltet sich überall, wo ihre Verantwortung für die heranwachsende Generation vernachlässigt, ignoriert oder marginalisiert wird, die Zukunft der Gesellschaft unsicher.

Es gibt viele Gesellschaftsformen in der Welt, in denen Frauen keine gerechte Behandlung erfahren. Über sie wird Christus wohl weinen. Es gibt auch Gesellschaften, die sich um ihre Zukunft keine Gedanken machen. Christus wird wohl über ihre Kinder weinen. Wo immer man der Zukunft mit Gleichgültigkeit begegnet – durch Ausbeutung der Ressourcen, Beschädigung der Umwelt, Unterdrückung der Frauen, Vernachlässigung der Werte der Familie, Ignorierung der ethischen Normen, Aufgabe der religiösen Traditionen –, sagt Jesus wohl immer noch zu den Menschen: Weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder.“

Auf den farbigen Zeichnungen zu den einzelnen Kreuzweg-Stationen, die in dem Heft zu finden sind, das unter den Anwesenden verteilt wurde und das Herder in der deutschsprachigen Fassung veröffentlicht hat, tritt uns ein Jesus mit den Zügen des indischen Volkes entgegen. Auch die anderen Gestalten aus dem Evangelium zeugen von indischer religiöser Kunst.

„Wir richten unseren Blick auf die Morgenröte des morgigen Tages“, erklärte Benedikt XVI., der die Gläubigen dazu aufrief, am Karsamstag „gemeinsam mit Maria der Schmerzensmutter zu wachen“. Und ehe er alle seinen Apostolischen Segen spendete, gedachte er der Erdbebenopfer in Mittelitalien: „Mögen die Leidenden in L’Aquila vom Auferstandenen tröstliches Licht empfangen.“

Von Angela Reddemann