Benedikt XVI.: Christliches Leben – „Weg des geistlichen Aufstiegs“

Generalaudienz über eine zentrale Lehre des Kirchenlehrers Gregor von Nyssa

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ROM, 5. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, während der Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom gehalten hat.



Der Heilige Vater erinnerte die Gläubigen daran, dass das christliche Leben ein Sich-Ausstrecken nach dem ist, was größer ist als der Mensch, nach Gott – „zur Wahrheit und zur Liebe“. Um die Etappen dieses „Weges des geistlichen Aufstiegs“, auf dem Christus Vorbild und Lehrmeister zugleich ist, zu beschreiben, bediente er sich der Schriften des heiligen Bischofs Gregor von Nyssa (* um 335, † nach 394).

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Liebe Brüder und Schwestern!

Ich lege euch einige Aspekte der Lehre des heiligen Gregor von Nyssa von, von dem wir schon am letzten Mittwoch gesprochen haben. Vor allem weist Gregor von Nyssa eine sehr hohe Auffassung der Würde des Menschen vor. Das Ziel des Menschen, so sagt der heilige Bischof, besteht darin, Gott ähnlich zu werden, und dieses Ziel erreicht man vor allem durch die Liebe, die Erkenntnis und die Praxis der Tugend, „leuchtende Strahlen, die aus der göttlichen Natur hervorgehen“ (De beatitudinibus 6: PG 44,1272C), in einer immerwährenden Bewegung der Zustimmung zum Guten, so wie der Läufer nach vorne ausgestreckt ist. Gregor gebraucht diesbezüglich ein wirksames Bild, das schon im Brief des Paulus an die Philipper vorliegt: épekteinómenos (3,13), das heißt „mich ausstreckend“ nach dem, was größer ist, hin zur Wahrheit und zur Liebe.

Dieser bildhafte Ausdruck weist auf eine tiefe Wirklichkeit hin: Die Vollkommenheit, die wir finden wollen, ist nicht etwas, was für immer erworben wäre. Vollkommenheit ist dieses auf dem Wegbleiben; sie besteht in der ständigen Bereitschaft vorwärts zu gehen, da man nie zur vollen Ähnlichkeit mit Gott gelangt. Wir sind immer unterwegs (vgl. Homilia in Canticum 12: PG 44,1025d). Die Geschichte jeder Seele ist die Geschichte einer jedes Mal erfüllten Liebe, die gleichzeitig für neue Horizonte offen ist, da Gott ständig die Möglichkeiten der Seele ausweitet, um sie zu immer größeren Gütern zu befähigen. Gott selbst, der in uns die Keime des Guten hineingelegt hat und von dem jede Initiative zur Heiligkeit ausgeht, „modelliert den Block… Indem er unseren Geist feilt und poliert, formt er in uns Christus“ (In Psalmos 2,11: PG 44,544B).

Gregor sorgt sich darum zu präzisieren: „Denn nicht unser Werk ist es, und ebenso wenig liegt es im Gelingen einer menschlichen Macht, der Gottheit ähnlich zu werden; vielmehr ist es das Ergebnis der großzügigen Freigiebigkeit Gottes, der von unserer Natur von Anbeginn die Gnade der Ähnlichkeit mit ihm hat zuteil werden lassen“ (De virginitate 12,2: SC 119,408-410). Für die Seele also „geht es nicht darum, etwas von Gott zu erkennen, sondern Gott in sich zu haben“ (De beatitudinibus 6: PG 44,1269c). Des Weiteren merkt Gregor scharfsinnig an: „Die Gottheit ist Reinheit, Freiheit von Leidenschaft und Abwesenheit jeglichen Übels. Wenn all dies in dir wohnt, so ist Gott wirklich in dir“ (De beatitudinibus 6: PG 44,1272C).

Wenn wir Gott in uns tragen, wenn der Mensch Gott liebt, will er aufgrund der Gegenseitigkeit, die dem Gesetz der Liebe zu Eigen ist, das, was Gott selbst will (vgl. Homilia in Canticum 9: PG 44,956ac). Und so arbeitet er mit Gott zusammen, um in sich das göttliche Abbild zu modellieren, so dass „unsere geistliche Geburt der Ertrag einer freien Wahl ist und wir gleichsam die Eltern unserer selbst sind, indem wir uns so schaffen, wie wir selbst sein wollen, und uns durch unseren Willen nach dem Vorbild gestalten, das wir wählen“ (Vita Moysis 2,3: SC 1bis,108). Um zu Gott aufzusteigen, muss der Mensch sich läutern: „Der Weg, der die menschliche Natur zum Himmel zurückführt, ist nichts Anderes als das Sich-Entfernen von den Übeln dieser Welt… Gott ähnlich werden heißt: gerecht, heilig und gut werden… Wenn also, wie der Ekklesiastes sagt (Koh 5,1) ‚Gott im Himmel ist‘, und wenn ihr nach Worten des Propheten (Ps 73,28) ‚Gott nahe seid‘, so folgt daraus notwendig, dass ihr dort sein müsst, wo Gott ist, da ihr ja mit ihm vereint seid. Denn er hat euch geboten, dass ihr – wenn ihr betet –Gott Vater nennt. Er sagt euch, ohne Weiteres eurem himmlischen Vater ähnlich zu werden, mit einem Leben, das Gottes würdig ist, wie der Herr uns klarer an einer anderen Stelle gebietet, wenn er sagt: ‚Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist‘ (Mt 5,48)“ (De oratione dominica 2: PG 44,1145ac).

Auf diesem Weg des geistlichen Aufstiegs ist Christus das Vorbild und der Meister, der uns das schöne Bild Gottes sehen lässt (vgl. De perfectione christiana: PG 46,272a). Jeder von uns findet sich mit dem Blick auf Gott als „Maler seines eigenen Lebens“ vor, der den Willen als Ausführer der Arbeit und die Tugend als Farben erhalten hat, deren er sich bedient (ebd.: PG 46,272b). Wenn also der Mensch des Namens Christi für würdig befunden werden soll, wie sollte er sich dann verhalten? Gregor antwortet so: „Er [muss] immer in seinem Innern seine Gedanken, seine Worte und seine Taten prüfen, um zu sehen, ob sie auf Christus ausgerichtet sind oder sich von ihm entfernen“ (ebd.: PG 46,284c). Und dieser Punkt ist wichtig für den Wert, den er dem Wort „Christ“ gibt. Christ ist einer, der den Namen Christi trägt und diesem auch im Leben ähnlich werden muss. Wir Christen nehmen mit der Taufe eine große Verantwortung auf uns.

Christus aber – bringt Gregor in Erinnerung – ist auch in den Armen gegenwärtig, weshalb diese nie geschmäht werden dürfen: „Verachte nicht die, die daniederliegen, als wären sie deshalb nichts wert. Denk daran, wer sie sind, und du wirst entdecken, was ihre Würde ist: Sie stellen für uns die Person des Heilands dar. Und so ist es, denn der Herr gab ihnen in seiner Güte seine eigene Person, damit sie durch sie diejenigen zum Mitleid veranlassen würden, die harten Herzens und Feinde der Armen sind“ (De pauperibus amandis: PG 46,460bc). Gregor, so sagten wir, spricht von einem Aufstieg: vom Aufstieg zu Gott im Gebet durch die Reinheit des Herzens, aber auch von einem Aufstieg durch die Liebe zum Nächsten. Die Liebe ist die Leiter, die hin zu Gott führt. Folglich spricht der Nyssener eindringlich jeden seiner Zuhörer an: „Sei großherzig mit diesen Brüdern, den Opfern des Missgeschicks. Gib dem Hungernden, was du deinem Bauch wegnimmst“ (ebd.: PG 46,457c).

Mit großer Klarheit erinnert Gregor daran, dass alle von Gott abhängig sind, und deshalb ruft er aus: „Glaubt nicht, dass alles euch gehören würde! Es muss da auch ein Teil für die Armen sein, die Freunde Gottes. Die Wahrheit ist nämlich, dass alles von Gott kommt, dem universalen Vater, und dass wir Brüder sind und ein und demselben Geschlecht angehören“ (ebd: PG 46,465b). Und der Christ prüfe sich also: „Was aber nützt es dir, zu fasten und dich des Fleisches zu enthalten, wenn du dann in deiner Bosheit nichts anderes tust, als deinen Bruder mit den Zähnen zu packen? Welchen Verdienst ziehst du vor Gott daraus, nicht von dem zu essen, was dir gehört, wenn du dann ungerecht handelst und den Händen des Armen das entreißt, was Sein ist?“ (ebd.: PG 46,456a).

Wir schließen diese unsere Katechesen über die drei kappadozischen Väter ab, indem wir unsere Aufmerksamkeit erneut auf jenen wichtigen Aspekt der geistlichen Lehre des Gregor von Nyssa lenken, der das Gebet darstellt. Um auf dem Weg zur Vollkommenheit fortzuschreiten und Gott in sich aufzunehmen, den Geist Gottes in sich zu tragen, muss sich der Mensch vertrauensvoll im Gebet an ihn wenden: „Durch das Gebet gelingt es uns, bei Gott zu sein. Wer aber bei Gott ist, ist fern vom Feind. Das Gebet ist Stütze und Verteidigung in der Keuschheit, Zügel des Zornes, Beruhigung und Beherrschung des Hochmutes. Das Gebet ist Obhut der Jungfräulichkeit, Schutz der Treue in der Ehe, Hoffnung für die, die wachen, Fülle an Früchten für die Landwirte, Sicherheit für die Seefahrer“ (De oratione dominica 1: PG 44,1124A-B).

Der Christ betet, indem er sich immer am Gebet des Herrn inspiriert: „Wenn wir also beten wollen, dass das Reich Gottes auf uns herab komme, so bitten wir ihn mit der Macht des Wortes um das: dass ich von der Verwesung ferngehalten werde, dass ich vom Tod befreit werde, dass ich von den Ketten des Irrtums losgelöst werde. Es herrsche nie der Tod über mich, die Tyrannei des Übels habe nie Macht über uns. Es herrsche nicht über mich der Feind, und er mache mich nicht zum Gefangenen durch die Sünde, sondern dein Reich komme über mich, auf dass sich die Leidenschaften, die mich beherrschen und das Szepter führen, von mir entfernen – oder besser noch: dass sie zu Nichts werden“ (ebd.: 3: PG 44,1156d-1157a).

Hat er sein Erdenleben beendet, so wird sich also der Christ mit Ruhe an Gott wenden können. Wenn Gregor so spricht, denkt er an den Tod seiner Schwester Makrina und schreibt, dass sie im Augenblick des Todes so zu Gott betete: „Du, der du auf Erden die Macht hast, die Sünden nachzulassen: Vergib mir, auf dass mir – in dem Augenblick, in dem ich meines Leibes entkleidet werde (vgl. Kol 2,11) – Erquickung zuteil werden kann (Ps 39,14) und auf dass ich vor deinem Angesicht für makellos befunden werde, so dass mein Geist, heilig und makellos (vgl. Eph 5,27), von deinen Händen aufgenommen wird wie ‚Weihrauch vor deinem Angesicht‘ (Ps 141,2)“ (Vita Macrinae 24: SC 178,224). Diese Lehre des heiligen Gregor bleibt immer gültig: nicht nur von Gott reden, sondern ihn in sich tragen. Wir tun dies, indem wir uns um das Gebet bemühen und in einem Geist der Liebe leben, die allen unseren Brüdern gilt.

[Der Heilige Vater bediente sich des folgenden Manuskripts, um seine Ausführungen auf Deutsch zusammenzufassen:]

Liebe Brüder und Schwestern!

In der heutigen Katechese möchte ich einzelne Aspekte der Lehre des heiligen Gregor von Nyssa vorstellen, über dessen Person und Leben ich bereits am vergangenen Mittwoch gesprochen habe. Gregor betont immer wieder die hohe Würde des Menschen, der berufen ist, Gott ähnlich zu werden und unablässig nach Vollkommenheit zu streben. Dabei wirken die Gnade Gottes und die Übung der Liebe und aller übrigen Tugenden harmonisch zusammen. Unser Vorbild und unser Lehrer ist Jesus Christus. Darum fordert uns Gregor von Nyssa auf, selbstkritisch zu prüfen, ob all unsere Gedanken, Worte und Werke auf Christus ausgerichtet sind oder ob sie uns gar von ihm entfernen.

[Die Pilger aus den Ländern deutscher Sprache begrüßte Benedikt XVI. wie folgt:]

Frohen Herzens begrüße ich die zahlreichen Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum, ganz besonders die vielen Gläubigen aus Bayern: die Pilger aus Bamberg, die zum 1000-jährigen Bistumsjubiläum mit ihrem Erzbischof Ludwig Schick nach Rom gekommen sind, die Teilnehmer der Diözesanwallfahrt des Bistums Passau mit Bischof Wilhelm Schraml sowie die Kirchenchöre und Musiker aus den Diözesen Regensburg und Würzburg in Begleitung der Weihbischöfe Reinhard Pappenberger und Helmut Bauer. Auch ich werde mich in diesen Tagen auf eine Pilgerfahrt begeben und freue mich auf den nahen Besuch in Österreich anlässlich der 850-Jahr-Feier des Heiligtums von Mariazell. Meine Reise steht unter dem Motto „Auf Christus schauen“. Diese Einladung gilt uns allen, denn Christus ist der Herr unseres Lebens. Gott segne euch und eure Familien!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]