Benedikt XVI.: Christus gelangt dank der apostolischen Nachfolge bis zu uns

Katechesenreihe über Christus und seine Kirche

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ROM, 11. Mai 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. gestern, Mittwoch, während der Generalaudienz in Rom gehalten hat. Vor Tausenden von Gläubigen aus aller Welt, die auf dem Petersplatz zusammengekommen waren, zeigte der Heilige Vater, dass die apostolische Nachfolge die Authentizität der Lehre Jesu garantiert.



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Liebe Brüder und Schwestern!

In den letzten beiden Audienzen haben wir betrachtet, was die Tradition der Kirche ist, und wir haben gesehen, dass sie die andauernde Gegenwart des Wortes und des Lebens Jesu in seinem Volk ist. Aber damit das Wort gegenwärtig sein kann, bedarf es einer Person, eines Zeugen. Auf diese Weise entsteht die folgende Gegenseitigkeit: Auf der einen Seite braucht das Wort die Person, aber auf der anderen ist die Person, der Zeuge, an das Wort gebunden, das ihm anvertraut worden ist und das er nicht selbst erfunden hat. Diese Gegenseitigkeit zwischen dem Inhalt – dem Wort Gottes, dem Leben des Herrn – und der Person, die es weitergibt, ist ein Charakteristikum der Struktur der Kirche. Und heute wollen wir über diesen personalen Aspekt der Kirche nachdenken.

Der Herr hat ihn, wie wir gesehen haben, mit der Berufung der Zwölf eingeführt, die das zukünftige Volk Gottes repräsentieren. In der Treue zum Auftrag, den sie vom Herrn empfingen, vervollständigen die Zwölf nach dessen Auferstehung in einem ersten Moment ihre ursprüngliche Zahl mit der Wahl von Matthias anstelle des Judas (vgl. Apg 1,15-26), und dann ziehen sie nach und nach andere hinzu, denen sie die ihnen anvertrauten Aufgaben übergeben, auf dass ihr Dienst fortgeführt werde. Der Auferstandene selbst beruft den Paulus (vgl. Gal 1,1), und dennoch vergleicht dieser – obwohl er vom Herrn selbst zum Apostel berufen wurde – sein Evangelium dem Evangelium der Zwölf (vgl. ebd., 1,18), sorgt sich darum, das weiterzugeben, was er empfing (vgl. 1 Kor 11,23; 15,3-4), und ist bei der Verteilung der missionarischen Aufgaben zusammen mit anderen, zum Beispiel mit Barnabas, mit den Aposteln verbunden (vgl. Gal 2,9). So wie am Anfang des Aposteldaseins eine Berufung und Sendung durch den Auferstandenen steht, so wird die nachfolgende Berufung und Einladung an andere dank der Kraft des Heiligen Geistes durch das Werk dessen stattfinden, der bereits in das apostolische Amt eingeführt wurde. Das ist der Weg, auf dem dieses Amt fortdauern wird, das in der zweiten Generation "Bischofsamt" heißen wird, "episcopé".

Vielleicht ist es nützlich, kurz zu erklären, was "Bischof" bedeutet. Es handelt sich um die italienische Form ["vescovo", Anm. d. Übers.] des griechischen Wortes "epískcopos". Dieses Wort meint jemanden, der eine Sicht von oben hat, der mit dem Herzen schaut. So nennt der heilige Petrus selbst in seinem ersten Brief den Herrn Jesus den "Hirten und Bischof eurer Seelen" (2,25). Und nach diesem Vorbild des Herrn, der der erste Bischof ist – Beschützer und Hirte der Seelen –, wurden die Nachfolger der Apostel später "Bischöfe" – "episkopoi" – genannt. Ihnen ist das Amt der "episkopé" anvertraut. Genau diese Aufgabe des Bischofs wird sich vom Ursprung ausgehend nach und nach entwickeln, bis es jene Gestalt annimmt, die bereits von Ignatius von Antiochien zu Beginn des zweiten Jahrhunderts in aller Deutlichkeit bezeugt wird (vgl. "Ad Magnesios", 6,1: PG 5,668): das dreifache Amt des Bischofs, des Priesters und des Diakons. Es handelt sich um eine Entwicklung, die vom Geist Gottes geführt worden ist, der der Kirche bei der Unterscheidung der wahren Formen der apostolischen Nachfolge beisteht, die in der Mannigfaltigkeit der Erfahrungen und charismatischen und amtlichen Ausdrucksformen, die in der Urgemeinde gegenwärtig sind, immer besser definiert werden.

Auf diese Weise erweist sich die Nachfolge im Bischofsamt als Kontinuität des apostolischen Amtes, Garantie für das Verbleiben in der apostolischen Tradition, die Wort und Leben ist und uns vom Herrn anvertraut wurde. Das Band zwischen dem Bischofskollegium und der Urgemeinde der Apostel versteht man vor allem in der Linie der geschichtlichen Kontinuität. Wie wir gesehen haben, wird den Zwölfen zuerst Matthias hinzugefügt, dann Paulus und danach Barnabas; und später kommen andere, bis es in der zweiten und dritten Generation zur Ausformung des Bischofsamtes kommt. So kommt die Kontinuität in dieser geschichtlichen Kette zum Ausdruck. Und in der Kontinuität der Nachfolge liegt die Garantie für das Ausharren in der kirchlichen Gemeinschaft, im Apostelkollegium, das Christus um sich gesammelt hat. Aber diese Kontinuität, die wir zunächst in der historischen Kontinuität der Ämter sehen, muss auch im geistigen Sinn verstanden werden, denn die apostolische Nachfolge im Amt wird als bevorzugter Ort des Wirkens und der Weitergabe des Heiligen Geistes betrachtet. Ein unmissverständliches Echo dieser Überzeugungen kann beispielsweise im folgenden Text des Irenäus von Lyon (zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts) entdeckt werden: "Die in der ganzen Welt sichtbare Tradition der Apostel zeigt sich in jeder Kirche all denjenigen, die die Wahrheit sehen wollen, und wir können die Bischöfe aufzählen, die von den Aposteln in den Kirchen eingesetzt wurden, und deren Nachfolger bis zu uns(...) [Die Apostel] hatten den Wunsch, dass diejenigen, die sie als ihre Nachfolger zurückließen, in allem 'vollkommen und ohne Tadel' seien (1 Tim 3,2; Tit 1,6-7), und übertrugen ihnen so die ihnen eigene Sendung der Lehre. Wenn sie richtig verstanden hätten, so hätten sie weiterhin große Vorteile geerntet; wenn sie gefehlt hätten, so hätten sie einen sehr großen Schaden erlitten" ("Adversus haereses" III, 3,1: PG 7,848).

Irenäus stellt anschließend dieses Netz der apostolischen Nachfolge als höchsten Garant für das Verbleiben im Wort des Herrn vor und geht dann gezielt auf jene "höchste und älteste und allen bekannte" Kirche ein, "die von den beiden glorreichsten Aposteln Petrus und Paulus in Rom gegründet und eingerichtet worden ist". Damit betont er die Tradition des Glaubens, die in ihr von den Aposteln über die Nachfolge der Bischöfe bis zu uns gelangt. Für Irenäus und die universale Kirche wird die bischöfliche Nachfolge der Kirche Roms auf diese Weise Zeichen, Kriterium und Garantie der ununterbrochenen Weitergabe des apostolischen Glaubens: "Aufgrund ihrer besonderen Vorrangigkeit ('propter potiorum principalitatem') mit dieser Kirche muss eine jede Kirche in Einklang stehen, das heißt die Gläubigen überall auf der Welt, weil in ihr die Tradition der Apostel immer bewahrt worden ist("Adversus haereses" III, 3, 2: PG 7,848).

Die apostolische Nachfolge, die auf der Basis der Gemeinschaft mit der Kirche Roms verifiziert wird, ist also das Kriterium für das Verbleiben jeder einzelnen Kirche in der Tradition des gemeinsamen apostolischen Glaubens, der durch diesen Kanal vom Ursprung bis zu uns gelangen konnte: "Durch diese Ordnung und durch diese Sukzession sind die Tradition, die in der Kirche seit den Aposteln vorhanden ist, und die Verkündigung der Wahrheit bis zu uns gelangt. Und das ist der vollständigste Beweis dafür, dass der Glaube der eine und derselbe lebendig machende Glaube ist, der von den Aposteln herkommt, der bis heute in der Wahrheit bewahrt und weitergegeben worden ist" (ebd. III, 3, 3: PG 7,851).

Nach diesen Zeugnissen der antiken Kirche besteht die Apostolizität der kirchlichen Gemeinschaft in der Treue zur Lehre und Praxis der Apostel, durch die die historische und geistige Einheit der Kirche mit Christus garantiert wird. Die apostolische Nachfolge des Bischofsamtes ist jener Weg, der die getreue Weitergabe des apostolischen Zeugnisses gewährleistet. Das, was die Apostel in der Beziehung zwischen dem Herrn Jesus und der Kirche der Anfänge darstellen, das stellt auf analoge Weise die amtliche Nachfolge in der Beziehung zwischen der Kirche der Anfänge und der gegenwärtige Kirche dar. Es handelt sich nicht um eine rein materielle Verkettung; es handelt sich vielmehr um das historische Werkzeug, dessen sich der Geist bedient, um den Herrn Jesus, Haupt Seines Volkes, durch diejenigen gegenwärtig zu machen, die für das Amt durch die Handauflegung und das Gebet der Bischöfe geweiht worden sind. Durch die apostolische Nachfolge ist es Jesus Christus, der zu uns kommt: im Wort der Apostel und ihrer Nachfolger ist Er es, der mit uns spricht; durch ihre Hände ist Er es, der in den Sakramenten wirkt; in ihrem Blick ist es Sein Blick, der uns umfängt und uns spüren lässt, dass wir geliebt werden und im Herzen Gottes geborgen sind. Und auch heute – genauso wie am Anfang – ist Christus selbst der wahre Hirte und Hüter unserer Seelen, dem wir voller Vertrauen, in großer Dankbarkeit und Freude folgen wollen.

[Am Ende der Generalaudienz begrüßte der Papst in verschiedenen Sprachen die Pilgergruppen. Auf Deutsch sagte er:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Kirche hat ihren Ursprung im Willen und im historischen Wirken Christi, der die Apostel um sich gesammelt und sie mit seiner Vollmacht als Hirten der Kirche eingesetzt hat. Die Zwölf berufen ihrerseits weitere Männer und senden sie aus, damit sie in der Kraft des Geistes Aufgaben der missionarischen Verkündigung und der Gemeindeleitung übernehmen. Auch der vom Auferstandenen selbst berufene Apostel Paulus übt seinen Dienst in Übereinstimmung mit den übrigen Aposteln aus. Unter der Führung des Geistes Gottes nimmt so das von Christus begründete kirchliche Amt der Bischöfe, Priester und Diakone konkrete Formen an.

Die apostolische Sukzession, die ununterbrochene Kette der Inhaber des Bischofsamtes, verbindet die Kirche unserer Zeit auf historische und auf geistliche Weise mit dem Apostelkollegium des Ursprungs. Sie gibt die Garantie für das treue Festhalten an Worten und Werken der Apostel und damit an Jesus Christus selbst. Der Heilige Geist bewirkt, dass in den jeweils von ihren Vorgängern geweihten Bischöfen Christus selbst als Haupt und Hirte seines Volkes gegenwärtig ist.

Als Bischof der Kirche von Rom, die auf dem Fundament der Apostel Petrus und Paulus gegründet ist und in der durch Gottes Gnade die apostolische Tradition immer bewahrt worden ist, begrüße ich euch alle, liebe Pilger und Besucher aus den deutschsprachigen Ländern. Danken wir Christus für das Geschenk der Kirche, für die Worte, die er durch ihre Hirten an uns richtet, und für die Sakramente, mit denen er uns heiligt. Euch allen wünsche ich einen gesegneten Tag!

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen; © Copyright 2006 - Libreria Editrice Vaticana]