Benedikt XVI.: Das Charisma Don Boscos, Geschenk des Heiligen Geistes für das ganze Volk Gottes

Fügsames Hören und Verfügbarkeit gegenüber dem göttlichen Wirken sind erforderlich, um es fruchtbar zu machen

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ROM, 15. April 2008 (ZENIT.org).- Am 12. April ging in Rom das 26. Generalkapitel der Salesianer Don Boscos zu Ende. Die Tagung von 3. März bis 12. April 2008 stand unter dem Thema „Da mihi animas, cetera tolle”. Dieses kurze Gebet aus der Heiligen Schrift - frei übersetzt: „Gib mir Seelen, alles andere nimm!" - ist das Motto, das Ordensgründer Don Bosco (1815-1888) von Anfang an für sein Apostolat unter den Jugendlichen gewählt hat. „Es bringt gleichzeitig seine Hingabe an Gott und eine große apostolische Leidenschaft zum Ausdruck, die von der Bereitschaft geprägt ist, jeden Verzicht auf sich zu nehmen, damit seine Mission zu ihrer Erfüllung gelangt", erläuterte der Generalobere der Salesianer, Don Pascual Chávez Villanueva.

Für die kommenden sechs Jahre haben die Salesianer den Auftrag, „mit der Jugend das Evangelium neu zu entdecken – und mit Don Bosco neu durchzustarten“, so der designierte österreichische Provinzial P. Rudolf Osanger SDB. „Das heißt aber auch: gerade für die Schwächsten unter den jungen Menschen müssen wir da sein.“

Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Botschaft, die Papst Benedikt XVI. dem Generaloberen der Salesianer aus Anlass des Generalkapitels zukommen ließ.

 

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An den Hochwürdigsten Herrn
Don Pascual Chávez Villanueva, SDB
Großrektor der Salesianer Don Boscos

1. Es ist mir eine besondere Freude, Ihnen und den Teilnehmern am 26. Generalkapitel meinen herzlichen Gruß zukommen zu lassen. Das Generalkapitel ist ein Augenblick der Gnade im Leben dieser Kongregation, die nunmehr auf allen Kontinenten vertreten ist. Bei diesem Anlaß sollen der Reichtum und die Vielfalt der Erfahrungen, der Kulturen und der Erwartungen der Salesianer, die in viele verschiedene apostolische Aktivitäten eingebunden sind und ihren Dienst in der Kirche immer fruchtbarer machen wollen, einander gegenübergestellt werden. Das Charisma Don Boscos ist ein Geschenk des Heiligen Geistes für das ganze Volk Gottes, aber nur im fügsamen Hören und in der Verfügbarkeit gegenüber dem göttlichen Wirken ist es möglich, es zu interpretieren und auch in unserer Zeit aktuell und fruchtbar zu machen. Der Heilige Geist, der an Pfingsten in Fülle auf die entstehende Kirche herabkam, fährt auch weiterhin fort, als Wind zu wehen, wo er will, als Feuer das Eis des Egoismus zu schmelzen, als Wasser zu tränken, was da dürre steht. Indem er auf die Kapitelväter die Fülle seiner Gaben ausgießt, wird er die Herzen der Mitbrüder erreichen, sie durch seine Liebe entzünden, in ihnen das Verlangen nach Heiligkeit entflammen, sie anspornen, sich der Umkehr zu öffnen, und ihren apostolischen Mut stärken.

2. Die Söhne Don Boscos gehören zur großen Schar jener Jünger, die Christus durch seinen Geist mit einem besonderen Akt der Liebe für sich geweiht hat. Er hat sie sich selbst vorbehalten; daher muß der Primat Gottes und seiner Initiative in ihrem Zeugnis aufscheinen. Wenn man auf alles verzichtet, um dem Herrn nachzufolgen, wenn man ihm das Liebste gibt, was man hat, und jedes Opfer auf sich nimmt, dann darf es nicht überraschen, wenn man wie der göttliche Meister zum Zeichen wird, »dem widersprochen wird«, denn die Art der geweihten Person zu denken und zu leben steht am Ende oft im Gegensatz zur Logik der Welt. In Wirklichkeit ist das ein Grund des Trostes, weil es zeigt, daß ihr Lebensstil zur Kultur der Zeit eine Alternative darstellt und in ihr gewissermaßen eine prophetische Funktion ausüben kann. Zu diesem Zweck ist es jedoch notwendig, wachsam zu sein gegenüber möglichen Einflüssen des Säkularismus, um sich zu verteidigen und so den begonnenen Weg mit Entschlossenheit fortsetzen zu können, indem man ein »liberales Modell« des geweihten Lebens überwindet und ein Leben führt, das ganz auf den Primat der Gottes- und Nächstenliebe ausgerichtet ist.

3. Das Thema, das für dieses Generalkapitel gewählt wurde, ist Don Boscos Programm des geistlichen und apostolischen Lebens selbst: »Da mihi animas, cetera tolle«. Es umfaßt die ganze Persönlichkeit des großen Heiligen: eine tiefe Spiritualität, den kreativen Unternehmungsgeist, den apostolischen Elan, den unermüdlichen Fleiß, den pastoralen Mut und vor allem seine vorbehaltlose Hingabe an Gott und an die jungen Menschen. Er war ein Heiliger mit nur einer Leidenschaft: »die Ehre Gottes und das Heil der Seelen«. Es ist für jeden Salesianer lebenswichtig, sich stets an Don Bosco zu orientieren: ihn kennenzulernen, ihn zu studieren, ihn zu lieben, ihn nachzuahmen, ihn anzurufen, sich seine apostolische Leidenschaft zu eigen zu machen, die dem Herzen Christi entspringt. Diese Leidenschaft ist die Fähigkeit, sich hinzuschenken, sich für die Seelen zu begeistern, um der Liebe willen zu leiden, die täglichen Anforderungen und Entbehrungen des apostolischen Lebens mit innerem Frieden und Freude anzunehmen. Das Motto »da mihi animas, cetera tolle« bringt die Mystik und die Aszetik des Salesianers zusammenfassend zum Ausdruck. Es kann keine leidenschaftliche Mystik geben ohne eine starke Askese, die sie unterstützt; und umgekehrt ist niemand bereit, einen hohen und anspruchsvollen Preis zu zahlen, wenn er keinen anziehenden und unermeßlichen Schatz entdeckt hat. In einer Zeit der Zersplitterung und der Schwäche wie der unseren ist es notwendig, die Zerstreuung des Aktivismus zu überwinden und Sorge zu tragen für die Einheit des geistlichen Lebens durch den Erwerb einer tiefen Mystik und einer starken Aszetik. Das nährt den apostolischen Einsatz und ist Gewährleistung pastoraler Wirkkraft. Darin soll der Weg der Heiligkeit jedes Salesianers bestehen, darauf muß die Ausbildung der neuen Berufungen zum geweihten salesianischen Leben ausgerichtet sein. Die täglich gelebte »lectio divina« und Eucharistie sind Licht und Kraft des geistlichen Lebens des geweihten Salesianers. Er soll seinen Tag durch das Hören und die Betrachtung des Wortes Gottes nähren und auch den jungen Menschen und den gläubigen Laien helfen, es in ihrem täglichen Leben wertzuschätzen. Er muß sich außerdem bemühen, das, was das Wort sagt, zum Zeugnis werden zu lassen. »Die Eucharistie zieht uns in den Hingabeakt Jesu hinein. Wir empfangen nicht nur statisch den inkarnierten Logos, sondern werden in die Dynamik seiner Hingabe hineingenommen« (Enzyklika Deus caritas est, 13). Ein einfacher, armer, nüchterner, schlichter und strenger Lebenswandel: Das wird den Salesianern helfen, ihre Antwort auf die Berufung zu stärken angesichts der Risiken und Gefahren der Mittelmäßigkeit und der Verbürgerlichung und wird sie den Notleidenden und Ausgegrenzten näher bringen.

4. Nach dem Vorbild ihres geliebten Gründers sollen die Salesianer von apostolischer Leidenschaft verzehrt sein. Die Universalkirche und die Teilkirchen, zu denen sie gehören, erwarten von ihnen eine Präsenz, die gekennzeichnet ist von pastoralem Elan und von einem mutigen Eifer für die Evangelisierung. Die Nachsynodalen Apostolischen Schreiben, die die Evangelisierung in den verschiedenen Kontinenten betreffen, können ihnen Ansporn und Orientierung sein für eine inkulturierte Evangelisierung in den verschiedenen Gebieten. Die kürzlich erschienene Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung kann ihnen helfen zu vertiefen, wie man allen, besonders den ärmsten jungen Menschen, den Reichtum der Gaben des Evangeliums nahebringen kann. Die Evangelisierung muß heute das erste und vorrangige Ziel ihrer Sendung sein. Sie umfaßt vielfältige Aufgaben, dringende Herausforderungen und breitangelegte Einsatzgebiete, aber ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, allen vorzuschlagen, die menschliche Existenz so zu leben, wie Jesus gelebt hat. In multireligiösen und in säkularisierten Umfeldern müssen neue Wege gefunden werden, um Jesus besonders den jungen Menschen nahezubringen, damit sie seine fortwährende Anziehungskraft wahrnehmen. In ihrem apostolischen Wirken muß daher die Verkündigung Jesu Christi und seines Evangeliums im Mittelpunkt stehen, zusammen mit dem Aufruf zur Umkehr, zur Annahme des Glaubens und zur Einfügung in die Kirche; daraus entstehen dann Wege des Glaubens und der Katechese, liturgisches Leben und das Zeugnis der tätigen Nächstenliebe. Ihr Charisma versetzt sie in die bevorzugte Lage, die Bedeutung ermessen zu können, die der Erziehung bei der Evangelisierung der jungen Menschen zukommt. Ohne Erziehung gibt es tatsächlich keine dauerhafte und tiefe Evangelisierung, gibt es kein Wachstum und kein Heranreifen, gibt es keinen Wandel der Mentalität und der Kultur. Die jungen Menschen haben ein tiefes Verlangen nach einem erfüllten Leben, nach wahrer Liebe, nach konstruktiver Freiheit; aber leider werden ihre Erwartungen oft enttäuscht und gelangen nicht zur Verwirklichung. Es ist unerläßlich, den jungen Menschen zu helfen, den Wert der Ressourcen zu erkennen, die sie in sich tragen – wie Dynamik und positive Wünsche –, sie mit Angeboten zu konfrontieren, die reich sind an Menschlichkeit und Werten des Evangeliums, und sie anzuspornen, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen durch Arbeit, Engagement und Einsatz für das Gemeinwohl. Das verlangt von denen, die sie führen, den Bereich der Erziehungsarbeit zu erweitern und Aufmerksamkeit walten zu lassen gegenüber neuen Formen der Armut unter den jungen Menschen, gegenüber der höheren Bildung und der Einwanderung. Darüber hinaus muß auf die Familie geachtet und diese einbezogen werden. Diesen so wichtigen Aspekt habe ich im Schreiben über die dringende Aufgabe der Erziehung hervorgehoben, das ich kürzlich an die Gläubigen in Rom gerichtet habe und das ich jetzt im Geiste allen Salesianern überreiche.

5. Von Anfang an hat sich die Salesianische Kongregation für die Evangelisierung in verschiedenen Teilen der Welt eingesetzt: von Patagonien und Lateinamerika bis hin zu Asien und Ozeanien, Afrika und Madagaskar. In einem Augenblick, in dem in Europa die Zahl der Berufungen rückläufig ist und die Herausforderungen der Evangelisierung wachsen, muß die Salesianische Kongregation darauf achten, das christliche Angebot, die Präsenz der Kirche und das Charisma Don Boscos in diesem Kontinent zu stärken. So wie Europa großherzig war in der Entsendung zahlreicher Missionare in die ganze Welt, so muß sich jetzt die ganze Kongregation, indem sie besonders an die Regionen appelliert, die reich sind an Berufungen, Europa bereitwillig zur Verfügung stellen. Um die Sendung unter den jungen Menschen zeitlich andauern zu lassen, hat Don Bosco unter Führung des Heiligen Geistes verschiedene apostolische Kräfte ins Leben gerufen, die vom selben Geist beseelt und im selben Bemühen vereint sind. Die Aufgaben der Evangelisierung und der Erziehung erfordern nämlich viele Beiträge, die harmonisch zusammenwirken müssen; daher haben die Salesianer zahlreiche Laien, die Familien und die jungen Menschen selbst in dieses Werk eingebunden. So wurden unter ihnen apostolische Berufungen erweckt, die das Charisma Don Boscos lebendig und fruchtbar erhalten. Man soll diesen jungen Menschen die Schönheit des geweihten Lebens vor Augen halten, die Radikalität der gehorsamen, armen und keuschen Nachfolge Christi, den Primat Gottes und des Heiligen Geistes, das brüderliche Leben in Gemeinschaft, die totale Selbsthingabe an die Sendung. Die jungen Menschen sind empfänglich für Angebote, die anspruchsvoll und verpflichtend sind, aber sie brauchen Zeugen und Führer, die sie bei der Entdeckung und Annahme dieses Geschenks begleiten können. Ich weiß, daß die Kongregation in diesem Zusammenhang der Berufung des Salesianischen Mitarbeiters besondere Aufmerksamkeit widmet – ohne sie würde die Kongregation die Form verlieren, die Don Bosco ihr geben wollte. Gewiß, es ist eine Berufung, die zu erkennen und anzunehmen nicht einfach ist; sie kommt leichter dort zur Entfaltung, wo bei den jungen Menschen die apostolischen Berufungen im Laienstand gefördert werden und ihnen ein freudiges und begeistertes Zeugnis von der Ordensweihe gegeben wird. Durch das Vorbild und die Fürsprache des sel. Artemide Zatti und anderer verehrter Mitarbeiter unter den Laienbrüdern, die ihr Leben dem Reich Gottes gewidmet haben, möge die Salesianische Familie auch heute das Geschenk dieser Berufungen erlangen.

6. Ich nehme gern die Gelegenheit wahr, der Salesianischen Kongregation besonderen Dank auszusprechen für die Forschungs- und Bildungsarbeit, die sie an der Päpstlichen Salesianeruniversität durchführt, wo auch einige meiner engsten und sehr geschätzten gegenwärtigen Mitarbeiter ausgebildet wurden und gelehrt haben. Sie erhält ihre Identität aus dem Charisma Don Boscos und leistet für die ganze Kirche einen eigenen und besonderen Beitrag. Als einzige unter den Päpstlichen Universitäten hat sie eine Fakultät für Erziehungswissenschaften und einen Fachbereich für Jugendpastoral und Katechetik, die durch andere Fakultäten unterstützt werden. Im Hinblick auf ein Studium, das aus der Unterschiedlichkeit der Kulturen Nutzen zieht und der Vielfalt der Kontexte Aufmerksamkeit entgegenbringt, ist ein Zuwachs von Dozenten, die aus der ganzen Kongregation kommen, wünschenswert. Im Bildungs- und Erziehungsnotstand, der in vielen Teilen der Welt herrscht, braucht die Kirche den Beitrag von Fachleuten, die die Methodologie der pädagogischen Prozesse und Bildungsvorgänge sowie die Evangelisierung der jungen Menschen und ihre sittliche Erziehung wissenschaftlich vertiefen, indem sie gemeinsam Antworten auf die Herausforderungen der Postmodernität, der Interkulturalität und der sozialen Kommunikation erarbeiten und gleichzeitig versuchen, den Familien zu Hilfe zu kommen. Das Präventivsystem Don Boscos und die salesianische Erziehungstradition werden die Kongregation sicher anspornen, eine zeitgemäße christliche Pädagogik anzubieten, die an ihrem besonderen Charisma ausgerichtet ist. Die Erziehung stellt einen der Knotenpunkte des heutigen anthropologischen Problems dar, zu dessen Lösung, da bin ich mir sicher, die Päpstliche Salesianeruniversität einen wertvollen Beitrag leisten wird.

7. Herr Großrektor, die Aufgabe, vor der die Salesianische Kongregation steht, ist schwierig, aber auch begeisternd: Denn jedes Mitglied eurer großen Ordensfamilie ist berufen, Don Bosco unter den jungen Menschen unserer Zeit gegenwärtig zu machen. Im Jahr 2015 werdet ihr seinen 200. Geburtstag feiern, und durch die Entscheidungen, die ihr auf diesem Generalkapitel trefft, beginnt ihr bereits mit der Vorbereitung der Feierlichkeiten dieses wichtigen Jubiläums. Das möge euch ein Ansporn sein, immer mehr »glaubwürdige Zeichen der Liebe Gottes zu den jungen Menschen« zu sein und dafür zu sorgen, daß die jungen Menschen wirklich Hoffnung der Kirche und der Gesellschaft sind. Die Jungfrau Maria, die Don Bosco euch gelehrt hat, als Mutter der Kirche und Helferin der Christen anzurufen, stütze euch in eurem Vorhaben. »Sie ist es, die alles getan hat«, wiederholte Don Bosco am Ende seines Lebens mit Bezug auf Maria. Sie wird also auch euch Führerin und Lehrerin sein. Sie wird euch helfen, »das Charisma Don Boscos« weiterzugeben. Sie wird für eure Kongregation und für die ganze Salesianische Familie, für die Erzieher und vor allem für die jungen Menschen Mutter und Stern der Hoffnung sein. Während ich diese Gedanken eurer aufmerksamen Betrachtung anvertraue und euch erneut meinen Dank zum Ausdruck bringe für den Dienst, den ihr der Kirche leistet, versichere ich euch meines ständigen Gebets und erteile Ihnen, Herr Großrektor, den Teilnehmern der Kapitelversammlung und der ganzen Salesianischen Familie einen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 1. März 2008

BENEDICTUS PP. XVI

 

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