Benedikt XVI.: Das Christentum ist ein „großes Ja“

Ansprache an die Mitglieder der italienischen Bischofskonferenz

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ROM, 28. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 24. Mai an die Teilnehmer der Vollversammlung der italienischen Bischofskonferenz gerichtet hat.



Der Heilige Vater wies auf die Prioritäten des bischöflichen Dienstes in einer Zeit hin, in der man tagtäglich „die Last einer vom moralischen Relativismus geprägten Kultur“ wahrnehmen könne, und bekräftigte, dass es im Wesentlichen darum gehe, „den Weg fortzusetzen, um das ‚große Ja‘ Gottes in Jesus Christus zum Menschen und zu seinem Leben, zur menschlichen Liebe, zu unserer Freiheit und zu unserer Intelligenz immer wirklicher und konkreter zu machen.“

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Liebe italienische Mitbrüder im Bischofsamt!

Aus Anlaß eurer 57. Generalversammlung haben wir heute noch einmal die glückliche Gelegenheit, einander zu begegnen und einen Augenblick tiefer Gemeinschaft zu erleben. Ich begrüße euren neuen Vorsitzenden, Erzbischof Angelo Bagnasco, und danke ihm von Herzen für die freundlichen Worte, die er in eurem Namen an mich gerichtet hat. Kardinal Camillo Ruini, der viele Jahre lang eurer Bischofskonferenz als Vorsitzender gedient hat, bringe ich erneut meine Dankbarkeit zum Ausdruck. Ich begrüße die drei stellvertretenden Vorsitzenden und den Generalsekretär. Ich begrüße jeden von euch sehr herzlich und erlebe dabei wieder die Freundschaft und die Gemeinschaft, die ich euch aus Anlaß eures »Ad-limina«-Besuches persönlich zeigen konnte. Diese Begegnung mit allen Hirten der Kirche in Italien ist für mich eine wunderbare Erinnerung. Ich habe auf diese Weise sozusagen die »äußere«, vor allem aber die »geistliche« Geographie des schönen Italiens kennengelernt. Ich konnte wirklich ins Innerste des Lebens der Kirche eintreten, wo noch immer ein großer Reichtum vorhanden ist und der Glaube viel Lebenskraft besitzt. Es fehlt dort in unserer schwierigen Zeit nicht an Problemen, aber man sieht auch, daß die Kraft des Glaubens tief in den Seelen wirkt. Auch dort, wo der Glaube ausgelöscht zu sein scheint, bleibt eine kleine Flamme erhalten; und wir können sie neu entfachen.

Ich möchte vor allem über den »Ad-limina«-Besuch sprechen, den ihr in den vergangenen Monaten durchgeführt habt, denn er ließ mich großen Trost und Freude erfahren, und er hat mir außerdem Gelegenheit gegeben, euch und eure Diözesen besser kennenzulernen und die Freuden und Sorgen, von denen der Hirtendienst begleitet ist, mit euch zu teilen. Diese Begegnungen mit euch haben mich insgesamt vor allem in der Gewißheit bestätigt, daß in Italien der Glaube lebendig und tief verwurzelt ist und daß die Kirche eine Wirklichkeit des Volkes ist, die den Menschen und den Familien sehr nahesteht. Zweifellos gibt es unterschiedliche Situationen in diesem Land, das so reich ist an Geschichte, auch an religiöser Geschichte, und das gekennzeichnet ist durch viele verschiedene Traditionen und unterschiedliche Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie Einkommensverhältnisse. Der katholische Glaube und die Anwesenheit der Kirche sind jedoch auch weiterhin der große einigende Faktor dieser geliebten Nation und ein wertvoller Quell sittlicher Kraft für ihre Zukunft.

Natürlich lassen uns diese trostreichen positiven Tatsachen nicht an den bereits vorhandenen Schwierigkeiten und den Gefahren, die im Laufe der Zeit und der Generationen zunehmen können, vorbeisehen oder sie unterbewerten. In den von der öffentlichen Debatte vorgebrachten und durch das Kommunikationssystem verstärkten Bildern, aber auch – wenn auch in anderem Ausmaß – im Leben und im Verhalten der Menschen, nehmen wir tagtäglich die Last einer vom moralischen Relativismus geprägten Kultur wahr, die arm ist an Gewißheiten und reich dagegen an Forderungen, die nicht selten unberechtigt sind. Wir nehmen auch die Notwendigkeit wahr, die christliche Unterweisung durch eine gehaltvollere Katechese zu stärken, wobei uns das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche einen großen Dienst erweisen kann. Notwendig ist auch das ständige Bemühen, Gott immer mehr in den Mittelpunkt unserer Gemeinschaften zu stellen, indem wir dem Gebet und der persönlichen Freundschaft mit Jesus und daher dem Ruf zur Heiligkeit den Vorrang geben. Insbesondere muß große Sorge getragen werden für die Berufungen zum Priestertum und zum geweihten Leben, ebenso wie für die ständige Weiterbildung und für die Bedingungen, unter denen die Priester leben und wirken: denn besonders in einigen Regionen stellt die zu geringe Zahl junger Priester bereits jetzt ein ernstes Problem für die Pastoralarbeit dar. Bitten wir zusammen mit der ganzen christlichen Gemeinschaft den Herrn vertrauensvoll, inständig und demütig um das Geschenk neuer und heiliger Arbeiter für seine Ernte (vgl. Mt 9,37–38). Wir wissen, daß der Herr uns manchmal warten läßt, aber wir wissen auch, daß derjenige, der anklopft, dies nicht vergebens tut. Bitten wir daher auch weiterhin den Herrn mit Vertrauen und mit Geduld, uns neue heilige »Arbeiter« zu schenken.

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, kurz vor Beginn des »Ad-limina«-Besuchs waren diese Themen Gegenstand des Kongresses der katholischen Kirche in Italien, die sich in Verona versammelt hatte. In meinem Herzen bewahre ich eine große und dankbare Erinnerung an den Tag, den ich bei dieser Gelegenheit mit euch verbracht habe, und ich freue mich über die Ergebnisse, die während des Kongresses herangereift sind. Im Wesentlichen geht es jetzt darum, den Weg fortzusetzen, um das »große Ja« Gottes in Jesus Christus zum Menschen und zu seinem Leben, zur menschlichen Liebe, zu unserer Freiheit und zu unserer Intelligenz immer wirklicher und konkreter zu machen: Dieses »Ja« faßt den Sinn des Kongresses selbst zusammen. Von dieser Tatsache auszugehen und sie für alle Menschen spürbar zu machen – daß also das Christentum ein großes »Ja« ist, ein »Ja«, das von Gott selbst kommt und das in der Menschwerdung des Sohnes konkret geworden ist – scheint mir sehr wichtig zu sein. Nur wenn wir unser christliches Dasein in dieses »Ja« hineinstellen, wenn wir tief in die Freude dieses »Ja« eindringen, können wir das christliche Leben in allen Bereichen unseres Daseins verwirklichen, auch in den Bereichen, in denen es schwer ist, heute als Christen zu leben.

Ich freue mich daher, daß ihr in dieser Versammlung das pastorale Schreiben approbiert habt, das die Ergebnisse der Arbeiten des Kongresses wieder aufgreift und sie noch einmal hervorhebt. Es ist sehr wichtig, daß die Hoffnung auf den auferstandenen Jesus, der Geist der Gemeinschaft und der Wille zum missionarischen Zeugnis, die die Vorbereitungen und dann die Feier des Kongresses beseelt und gestützt haben, auch weiterhin das Leben und den vielfältigen Einsatz der Kirche in Italien nähren.

Das Hauptthema eurer Versammlung schließt seinerseits eng an die Ziele des Kongresses von Verona an. Thema eurer Reflexion ist nämlich »Jesus Christus, der einzige Retter der Welt: die Kirche in Mission, ›ad gentes‹ und unter uns«. Im Hinblick auf eine Evangelisierung, die zwar untergliedert, letztendlich aber natürlich einheitlich ist, weil es immer darum geht, Jesus Christus selbst zu verkündigen und zu bezeugen, betrifft eure Reflexion also sowohl die Völker, die sich zum ersten Mal dem Glauben gegenüber öffnen, als auch die Angehörigen jener Völker, die heute nach Italien kommen, um hier zu leben und zu arbeiten, sowie unsere Landsleute, die sich manchmal vom Glauben entfernt haben und dem Druck jener Säkularisierungstendenzen unterworfen sind, die die Gesellschaft und die Kultur in diesem Land und in ganz Europa beherrschen möchten. Auf alle und auf jeden einzelnen muß die Sendung der Kirche und unsere Hirtensorge ausgerichtet sein: Es scheint mir angebracht, dies besonders in diesem Jahr, zum 50. Jahrestag der Enzyklika Fidei donum von Pius XII., in Erinnerung zu rufen.

Ich freue mich, daß ihr die Grundwahrheit, daß Jesus Christus der einzige Retter der Welt ist, zum Fundament des missionarischen Einsatzes gemacht habt: Die Gewißheit über diese Wahrheit war nämlich von Anfang an der entscheidende Antrieb der christlichen Mission. Auch heute müssen wir, wie die Erklärung Dominus Iesus noch einmal betont hat, uns vollkommen bewußt sein, daß dem Mysterium Jesu Christi, des wahren Gottes und wahren Menschen, der in der Kirche lebt und gegenwärtig ist, die Einzigkeit und Heilsuniversalität der christlichen Offenbarung entspringt – und daher die unverzichtbare Aufgabe, unermüdlich und ohne zu resignieren allen Menschen Jesus Christus zu verkündigen, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Joh 14,6). Wenn wir die Situation der heutigen Welt betrachten, dann scheint mir, daß man – bereits auf rein menschlicher Ebene, würde ich sagen, fast ohne die Notwendigkeit, sich auf den Glauben zu berufen – verstehen kann, daß der Gott, der ein menschliches Antlitz angenommen hat, der Gott, der Mensch geworden ist, der den Namen Jesus Christus trägt und der für uns gelitten hat, daß dieser Gott für alle Menschen notwendig ist, daß er die einzige Antwort ist auf alle Herausforderungen dieser Zeit.

Die Wertschätzung und Achtung der anderen Religionen und Kulturen mit den Samen der Wahrheit und des Guten, die in ihnen enthalten sind und eine Vorbereitung auf das Evangelium darstellen, sind heute, in einer Welt, die immer mehr zusammenwächst, besonders notwendig. Das Bewußtsein der Originalität, der Fülle und der Einzigkeit der Offenbarung des wahren Gottes, die uns in Christus endgültig geschenkt wurde, darf jedoch nicht nachlassen, und auch die missionarische Berufung der Kirche darf nicht weniger oder schwächer werden. Das vom Relativismus geprägte kulturelle Klima, das uns umgibt, macht es immer wichtiger und dringlicher, die Gewißheit, daß Christus, der Gott mit dem menschlichen Antlitz, unser wahrer und einziger Retter ist, im ganzen Leib der Kirche tief zu verankern und sie zur Reife zu bringen. Das Buch »Jesus von Nazareth« – ein sehr persönliches Buch, das nicht der Papst, sondern Joseph Ratzinger verfaßt hat – ist mit dieser Absicht geschrieben: daß wir, mit dem Herzen und mit dem Verstand, wieder sehen können, daß Christus wirklich derjenige ist, auf den das Herz des Menschen wartet.

Liebe Mitbrüder, als Bischöfe Italiens tragt ihr eine konkrete Verantwortung nicht nur gegenüber den euch anvertrauten Kirchen, sondern gegenüber der ganzen Nation. Mit vollem und tiefem Respekt vor der Trennung von Kirche und Politik – von dem, was dem Kaiser gehört und dem, was Gott gehört (vgl. Mt 22,21) – müssen wir nämlich für das Sorge tragen, was gut ist für den Menschen, das Geschöpf und Abbild Gottes: also konkret gesprochen für das Gemeinwohl Italiens. Von dieser Aufmerksamkeit gegenüber dem Gemeinwohl habt ihr deutlich Zeugnis gegeben durch das durch den Ständigen Bischofsrat approbierte Schreiben zu der auf der Ehe gegründeten Familie und zu den Gesetzesinitiativen bezüglich der De-facto-Partnerschaften. Dabei habt ihr in völliger Übereinstimmung mit der ständigen Lehre des Apostolischen Stuhls gehandelt.

Die Kundgebung für die Familie, die erst kürzlich auf Initiative der katholischen Laien stattgefunden hat, an der sich aber auch viele Nichtkatholiken beteiligt haben, war in diesem Zusammenhang ein großes und außerordentliches Fest des Volkes – eine Bestätigung, daß die Familie im Herzen und im Leben der Italiener tief verwurzelt ist. Dieses Ereignis hat mit Sicherheit dazu beigetragen, allen die Bedeutung und jene Rolle der Familie in der Gesellschaft vor Augen zu führen, die besonders heute Verständnis und Anerkennung erfordert, dies angesichts einer der Täuschung unterlegenen Kultur, daß sie die Menschen glücklicher macht, wenn sie einseitig auf der Freiheit des einzelnen beharrt. Daher ist jede Initiative des Staates zugunsten der Familie als solcher zu schätzen und zu ermutigen.

Dieselbe Aufmerksamkeit gegenüber den wahren Nöten der Menschen findet ihren Ausdruck im täglichen Dienst an den vielen – alten und neuen, sichtbaren oder versteckten – Formen der Armut. Diesem Dienst widmen sich viele kirchliche Realitäten, angefangen bei euren Diözesen, bei den Pfarreien, bei der »Caritas« und bei vielen anderen Organisationen des Volontariats. Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, fördert und beseelt beharrlich diesen Dienst, damit in ihm stets die wahre Liebe Christi aufleuchtet und alle Menschen konkret erfahren können, daß es keine Trennung gibt zwischen der Kirche als Hüterin des Sittengesetzes, das Gott in das Herz des Menschen eingeschrieben hat, und der Kirche, die die Gläubigen einlädt, barmherzige Samariter zu werden und in jedem leidtragenden Menschen den Nächsten zu erkennen.

Zum Schluß möchte ich an das Ereignis erinnern, das uns Anfang September wieder gemeinsam nach Loreto führen wird, zu jener Pilgerfahrt und Begegnung, die den Namen »Agorà dei giovani italiani« (Agorà der Jugend Italiens) trägt. Sie will die Jugendlichen tiefer in den Weg der Kirche nach dem Kongreß von Verona hineinnehmen und sie auf den »Weltjugendtag« vorbereiten, der nächstes Jahr in Sydney stattfinden wird. Wir wissen gut, daß die christliche Unterweisung der jungen Generationen die vielleicht schwerste, aber eine äußerst wichtige Aufgabe ist, vor der die Kirche steht. Wir werden daher gemeinsam mit unseren Jugendlichen nach Loreto gehen, auf daß die Jungfrau Maria ihnen helfen möge, sich immer mehr in Jesus Christus zu verlieben, ihren Platz innerhalb der Kirche einzunehmen, die sie als zuverlässige Gemeinschaft erkennen, und den Brüdern die freudige Gewißheit zu vermitteln, von Gott geliebt zu sein.

Liebe Bischöfe Italiens, bei der Ausübung unseres Amtes begegnen wir heute wie zu allen Zeiten nicht wenigen Schwierigkeiten, aber auch dem noch viel größeren Trost des Herrn, der auch durch die Bezeugung der Zuneigung unseres Volkes vermittelt wird. Danken wir Gott für all das, und setzen wir unseren Weg fort, gestärkt durch die Gemeinschaft, die uns vereint und die wir heute wieder erfahren haben. In diesem Geiste versichere ich euch, eure Kirchen und Italien eines Gebetsgedenkens und erteile euch und allen euren Gläubigen von Herzen den Apostolischen Segen.

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