Benedikt XVI.: Das Gegengift zum Absolutheitsanspruch der Technik

Die Lösungen zu den Problemen der Menschheit dürfen nicht nur technischer Natur sein

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ROM, 13. Juli 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. gestern, Sonntag, beim Angelusgebet gehalten hat.

Der Papst blickte auf den G8-Gipfel in L'Aquila zurück und erneuerte seinen Appell zum Einsatz für eine menschenwürdige Zukunft und eine gerechtere Welt für alle, wie er in seiner neuen Enzylika Caritas in veritate zum Ausdruck kommt.

Die Pilger aus dem deutschsprachigen Raum ermutigte er, das Leben ganz auf Christus auszurichten und seiner Kraft und Liebe Raum zu geben. „Dann sind wir wirklich 'Christen': nicht jemand, der sich selbst verkündet, sondern Mitarbeiter Christi in der Liebe und in der Wahrheit zum Heil der Mitmenschen.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

In den vergangenen Tagen haben alle ihre Aufmerksamkeit auf den G8-Gipfel gerichtet, der in der Stadt L’Aquila stattgefunden hat, die von einem Erdbeben so stark in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Die Probleme, die auf der Tagesordnung standen, waren zum Teil von dramatischer Dringlichkeit. Auf der Welt gibt es soziale Missverhältnisse und strukturelle Ungerechtigkeiten, die nicht mehr tolerierbar sind und außer einem gebotenen sofortigen Eingreifen eine koordinierte Strategie erforderlich machen, damit dauerhafte globale Lösungen gefunden werden können. Während des Gipfels haben die Staats- und Regierungschefs der G8-Staaten die Notwendigkeit bekräftigt, zu einem gemeinsamen Einverständnis zu gelangen, um der Menschheit eine bessere Zukunft zu gewährleisten.

Die Kirche besitzt keine technischen Lösungen, die sie vorlegen könnte, doch aufgrund ihrer Erfahrung in allem, was den Menschen betrifft, bietet sie allen die Lehre der Heiligen Schrift über die Wahrheit des Menschen an und verkündet das Evangelium der Liebe und der Gerechtigkeit. Am vergangenen Mittwoch habe ich bei der Generalaudienz die Enzyklika „Caritas in veritate“ kommentiert, die ja gerade am Vorabend des G8-Gipfels veröffentlicht wurde, und gesagt: „Es bedarf einer neuen wirtschaftlichen Planung, die die Entwicklung in globaler Weise neu absteckt und sich dabei auf das ethische Fundament der Verantwortung vor Gott und dem Menschen als Geschöpf Gottes basiert.“ Denn – so habe ich in der Enzyklika geschrieben: „In einer Gesellschaft auf dem Weg zur Globalisierung müssen das Gemeinwohl und der Einsatz dafür unweigerlich die Dimensionen der gesamten Menschheitsfamilie... annehmen“ (Nr. 7).

Schon der große Papst Paul VI. hat in seiner Enzyklika Populorum progressio den weltweiten Horizont der sozialen Frage erkannt und aufgezeigt. Diesem Weg folgend habe auch ich das Bedürfnis verspürt, „Caritas in veritate“ dieser Frage zu widmen, die in unserer Zeit „in radikaler Weise zu einer anthropologischen Frage geworden ist“, insofern sie die Art und Weise selbst einbezieht, das menschliche Dasein aufzufassen, „das von den Biotechnologien immer mehr in die Hände des Menschen gelegt wird“ (vgl. ebd. Nr. 75).

Die Lösungen zu den derzeitigen Problemen der Menschheit dürfen nicht nur technischer Natur sein, sondern sie müssen allen Bedürfnissen der Person Rechnung tragen, die Leib und Seele besitzt, und somit müssen sie auch dem Schöpfer, Gott, Rechnung tragen. Der „Absolutheitsanspruch der Technik“, der seinen höchsten Ausdruck in einigen lebensfeindlichen Praktiken findet, könnte tatsächlich düstere Szenarien für die Zukunft der Menschheit vorzeichnen. Die Handlungen, die die wahre Würde der Person nicht respektieren, sind auch dann, wenn sie durch eine „Entscheidung aus Liebe“ motiviert scheinen, in Wirklichkeit die Frucht einer „materiellen und mechanistischen Auffassung vom menschlichen Leben“, die die Liebe ohne Wahrheit auf „ein leeres Gehäuse“ reduziert, „das man nach Belieben füllen kann“ (vgl. Nr.3) und die auf diese Weise zu negativen Auswirkungen auf die ganzheitliche menschliche Entwicklung führen kann.

Die Kirche blickt trotz der Komplexität der gegenwärtigen Weltlage mit Hoffnung in die Zukunft und erinnert die Christen daran, dass „die Verkündigung Christi der erste und hauptsächliche Entwicklungsfaktor ist“. Gerade heute lädt uns die Liturgie im Tagesgebet dazu ein zu beten: „Gib, o Vater, dass wir nichts mehr lieben als deinen Sohn, der der Welt das Geheimnis deiner Liebe und die wahre Würde des Menschen offenbart.“ Die Jungfrau Maria erwirke uns die Gnade, „auf dem Weg der Entwicklung mit unserem Herzen und all unserer Intelligenz voranzugehen, das heißt mit dem Feuer der Liebe und der Weisheit der Wahrheit“ (vgl. Nr. 8).

[Auf Deutsch erklärte der Papst:]


Ein herzliches Grüß Gott sage ich den Pilgern und Besuchern deutscher Sprache. Die Bezeichnung „Christ“ ist mehr als ein Name, es ist ein Auftrag und eine Sendung. So beten wir im heutigen Tagesgebet: „Gott, gib allen, die sich Christen nennen, die Kraft, zu meiden, was diesem Namen widerspricht, und zu tun, was unserem Glauben entspricht.“ Dies gelingt uns, wenn wir unser Leben ganz auf Jesus ausrichten und seiner Kraft und Liebe in uns Raum geben. Dann sind wir wirklich „Christen“: nicht jemand, der sich selbst verkündet, sondern Mitarbeiter Christi in der Liebe und in der Wahrheit zum Heil der Mitmenschen. Der Heilige Geist helfe uns dabei mit seiner Gnade. Ich wünsche euch einen schönen Sonntag und eine gesegnete Urlaubszeit.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana]