Benedikt XVI.: Das Kreuz kehrt die Logik der Macht um

Die Kreuzestheologie des heiligen Paulus, zehnte Katechese über den Völkerapostel

| 1558 klicks

ROM, 29. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Das Kreuz stürzt die Logik der Macht um: In Fortsetzung seiner Katechesenreihe über den heiligen Völkerapostel beschäftigte sich Papst Benedikt XVI. während der heutigen Mittwochsaudienz auf dem Petersplatz mit der paulinischen Kreuzestheologie.



Vor rund 20.000 Gläubigen und Pilgern aus aller Welt wies der Heilige Vater darauf hin, dass das Kriterium zum Widerstand gegen das Christentum heute wie damals, zur Zeit der Griechen, ein rationales gewesen sei. Das Kreuz sei „Torheit, eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes“. Bereits der heilige Paulus habe bei mehr als einer Gelegenheit die bittere Erfahrung der Ablehnung des Christentums aus Unwissenheit gemacht, insofern es unannehmbar sei, „dass Gott Mensch werden und so in alle Begrenztheit des Raumes und der Zeit eintauchen und noch dazu am Kreuz sterben könne“. In Wirklichkeit werfe das Kreuz aber die Logik der Macht um und zeige auf, dass die Macht Gottes eine andere ist als die des Menschen.

Die „Torheit“, die darin liege, einen Gott zu akzeptieren, der Mensch wird und bezwungen wird bis zum Tod und der in Wirklichkeit das Heil ist, da er jenen Gott offenbart, der den Menschen ohne Gegenleistung rettet, sei als die „wahre Weisheit“ der zentrale Inhalt der Kreuzestheologie des heiligen Paulus, so der Papst.

Nach der griechischen Logik, die der heutigen nicht unähnlich sei, sei es unmöglich gewesen, einen Mensch gewordenen und besiegten Gott anzunehmen, der dann sogar auferstanden sein sollte. „Darüber werden wir ein anderes Mal sprechen“, hätten die Athener herablassend zu Paulus gesagt, als sie ihn über die Auferstehung reden hörten.

Warum aber habe Paulus dann das Kreuz zum Ausgangspunkt seiner Verkündigung machen wollen, fragte Benedikt XVI. Seine Antwort: Das Kreuz offenbare die Macht Gottes, die anders sei als die menschliche Macht, und vor allem seine Liebe. Gott bediene sich Handlungsweisen und Mittel, die uns auf den ersten Blick als Schwäche vorkämen. Das Kreuz verdeutliche einerseits die Schwäche des Menschen, andererseits die wahre Macht Gottes: die frei gegebene Liebe.

Diese Gedankengänge führten Benedikt XVI. schließlich dazu, die Lehre des Paulus über das Heil zu bedenken, das Gnade sei, da alles aus dem Tod Christi entstehe und nicht aus unseren Werken. Das Kreuz sei weder „Ärgernis“, wie die Juden meinten, noch „Torheit“, wie die Griechen dachten, sondern „Offenbarung der Kraft und der Weisheit Gottes, höchstes Zeichen der unentgeltlichen und barmherzigen Liebe Gottes“.

Der Heilige Vater erinnerte die Gläubigen in diesem Zusammenhang an die Lage der Kirche von Korinth, in der es in Besorgnis erregender Weise zu Unordnung und Skandalen gekommen war, so dass die Gemeinschaft von Parteiungen und inneren Spaltungen bedroht war, die die Einheit zu Schaden kommen ließen.

Paulus greife in diese Situation nicht mit weisen Worten ein, sondern mit dem Kreuz; nicht mit überredenden Worten oder ausgefeilten Argumenten, sondern in der Schwäche Gottes. Seine Kraft sei nicht die Überredungskunst, sondern paradoxerweise gerade die Schwäche seiner Anweisungen, die nur auf das Kreuz bauten. Das Ärgernis und die Torheit bestünden für Paulus gerade in der Tatsache, dass gerade dort, wo alles zu Ende zu sein scheint und Niederlage und Schmerz vorherrschen, das Kreuz zum Ausdruck der Liebe werde, die die wahre Macht ist und sich der Welt auf unerwartete Wiese offenbart.

Der Apostel Paulus habe das Kreuz als etwas Grundlegendes in der Menschheitsgeschichte angesehen, betonte Papst Benedikt. Die zentrale Aussage seiner Kreuzestheologie bestehe darin, dass das Heil dem Menschen aus Gnade geschenkt werde. Dies sei das primäre und wesentliche Element der paulinischen Lehre. Es gehe somit darum, die tiefe Umkehr der Art und Weise zu begreifen und anzunehmen, wie man mit Gott in Verbindung tritt. Dies gestatte es, die ganze Kraft des Geistes Gottes in unserem Leben zu entdecken.

„Auch wir müssen unsere Kraft gerade in der Demut der Liebe finden“, sagte Benedikt XVI. „Wir müssen unser Leben nach dieser wahren Weisheit formen und nicht für uns, sondern für den Glauben an Gott leben. Wir alle können sagen: Er hat mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben.“