Benedikt XVI.: Das Profil der Mitarbeiter des kirchlichen Liebesdienstes

Zeugen des Wertes des Lebens, Zeugen der Liebe

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ROM, 9. April 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 29. Februar vor den Teilnehmern der diesjährigen Vollversammlung des Päpstlichen Rates Cor Unum hielt.

Der Heilige Vater wies in der Sala Clementina des Apostolischen Palastes darauf hin, dass die Mitarbeiter kirchlicher und katholisch geprägter Hilfsorganisationen dazu berufen seien, in der Nachfolger Christi „Zeugen des Wertes des Lebens in allen seinen Erscheinungsformen zu sein und besonders das Leben der Schwachen und Kranken zu verteidigen“.

Außerdem seien sie dazu berufen, „Zeugen der Liebe zu sein, also der Tatsache, dass wir dann vollkommen Männer und Frauen sind, wenn wir auf den anderen ausgerichtet leben, und Zeugen dafür, dass niemand für sich selbst sterben und leben kann und dass man das Glück nicht in der Einsamkeit eines in sich selbst zurückgezogenen Lebens findet, sondern in der Hingabe seiner selbst.“

 

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Herr Kardinal,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, euch anläßlich der Vollversammlung des Päpstlichen Rates »Cor Unum« zu empfangen. An jeden von euch, die ihr an dieser Begegnung teilnehmt, richte ich meinen herzlichen Gruß. Insbesondere begrüße ich Herrn Kardinal Paul Josef Cordes, dem ich für die freundlichen Worte danke, Seine Exzellenz, den Sekretär, und alle Mitglieder und Offiziale des Päpstlichen Rates »Cor Unum«. Das Thema, über das ihr in diesen Tagen nachdenkt – »Die menschlichen und geistlichen Eigenschaften derer, die im karitativen Dienst der Kirche tätig sind« –, betrifft ein wichtiges Element des kirchlichen Lebens. Es geht nämlich um diejenigen, die im Volk Gottes einen unverzichtbaren Dienst ausüben: die »diakonia« der Nächstenliebe. Und gerade dem Thema der Nächstenliebe wollte ich meine erste Enzyklika Deus caritas est widmen.

Ich nehme daher gern diese Gelegenheit wahr, um denen besondere Anerkennung auszusprechen, die in verschiedenen Positionen im karitativen Bereich tätig sind und durch ihren Beitrag zeigen, daß die Kirche auf konkrete Weise denen zur Seite steht, die in irgendeiner Form von Not und Leid betroffen sind. Für diese kirchliche Tätigkeit tragen die Hirten die allgemeine und letzte Verantwortung; dies betrifft sowohl die Sensibilisierung als auch die Umsetzung von Plänen zur Förderung des Menschen, besonders zugunsten weniger begüterter Gemeinschaften. Wir danken Gott, daß viele Christen Zeit und Kraft investieren, um nicht nur materielle Hilfeleistungen zu bringen, sondern auch Unterstützung in Form von Trost und Hoffnung für diejenigen, die unter schwierigen Bedingungen leben, indem sie stets für das wahre Wohl des Menschen Sorge tragen. So nimmt die karitative Tätigkeit einen zentralen Platz im Evangelisierungsauftrag der Kirche ein. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Werke der Nächstenliebe einen wichtigen Bereich für die Begegnung auch mit Menschen darstellen, die Christus noch nicht oder nur teilweise kennen. Zu Recht bringen daher die Hirten und die Verantwortungsträger in der Seelsorge des karitativen Handelns denjenigen, die im Bereich der »diakonia« tätig sind, ständige Aufmerksamkeit entgegen und sorgen für ihre Ausbildung, sowohl vom menschlichen und fachlichen als auch vom theologisch-geistlichen und pastoralen Gesichtspunkt her.

In unserer Zeit wird sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche viel Wert auf die ständige Weiterbildung gelegt, wie die Vielzahl entsprechender Einrichtungen und Zentren zeigt, die errichtet werden, um brauchbare Hilfsmittel zum Erwerb spezifischer fachlicher Kompetenzen anzubieten. Unentbehrlich ist jedoch für diejenigen, die in den karitativen Einrichtungen der Kirche tätig sind, jene »Herzensbildung«, von der ich in der eben erwähnten Enzyklika Deus caritas est gesprochen habe (Nr. 31a): eine innere und geistliche Bildung, die aus der Begegnung mit Christus jene Sensibilität des Herzens hervorgehen läßt, die allein es erlaubt, die Erwartungen und die Bedürfnisse des Menschen bis ins Tiefste zu erkennen und zu erfüllen. Gerade dadurch wird es möglich, sich dieselben Empfindungen barmherziger Liebe anzueignen, die Gott jedem Menschen entgegenbringt. In den Augenblicken des Leidens und des Schmerzes ist dies der notwendige Zugang. Wer in den vielfachen Formen der Liebestätigkeit der Kirche arbeitet, kann sich daher nicht damit begnügen, nur technische Unterstützung zu bieten oder materielle Probleme und Schwierigkeiten zu lösen. Die Hilfe, die er anbietet, darf sich niemals nur auf eine philanthropische Geste reduzieren, sondern sie muß spürbarer Ausdruck der dem Evangelium entsprechenden Liebe sein. Wer auf der Ebene der Pfarrei oder der Diözese oder in internationalen Organismen Dienst am Menschen tut, der tut dies im Namen der Kirche und ist aufgerufen, in seinem Wirken eine echte Erfahrung von Kirche durchscheinen zu lassen.

Eine ernsthafte und wirksame Ausbildung in diesem lebenswichtigen Bereich muß also darauf abzielen, die Mitarbeiter der verschiedenen karitativen Dienste immer besser zu qualifizieren, damit sie auch und vor allem Zeugen der dem Evangelium entsprechenden Liebe sind. Das sind sie, wenn ihre Sendung sich nicht darin erschöpft, Sozialarbeiter zu sein, sondern in der Verkündigung des Evangeliums der Liebe besteht. In der Nachfolge Christi sind sie berufen, Zeugen des Wertes des Lebens in allen seinen Erscheinungsformen zu sein und besonders das Leben der Schwachen und Kranken zu verteidigen, nach dem Vorbild der seligen Mutter Teresa von Kalkutta; sie liebte die Sterbenden und nahm sich ihrer an, weil sich das Leben nicht von seiner Leistungsfähigkeit her bemißt, sondern immer und für alle einen Wert hat. An zweiter Stelle sind diese kirchlichen Mitarbeiter berufen, Zeugen der Liebe zu sein, also der Tatsache, daß wir dann vollkommen Männer und Frauen sind, wenn wir auf den anderen ausgerichtet leben, und Zeugen dafür, daß niemand für sich selbst sterben und leben kann und daß man das Glück nicht in der Einsamkeit eines in sich selbst zurückgezogenen Lebens findet, sondern in der Hingabe seiner selbst. Schließlich muß derjenige, der im kirchlichen Bereich arbeitet, Zeuge Gottes sein, der die Fülle der Liebe ist und zu lieben einlädt. Die Quelle allen Handelns des kirchlichen Mitarbeiters liegt in Gott, der Schöpferliebe und Erlöser ist. Wie ich in der Enzyklika Deus caritas est geschrieben habe, können wir die Liebe tun, weil wir nach Gottes Bild geschaffen sind, um »die Liebe zu verwirklichen und damit das Licht Gottes in die Welt einzulassen« (Nr. 39): Eben dazu wollte ich mit dieser Enzyklika einladen.

Welch große Bedeutungsfülle könnt ihr daher in eurer Tätigkeit finden! Und wie wertvoll ist sie für die Kirche! Ich freue mich, daß der Päpstliche Rat »Cor Unum« – gerade um eure Tätigkeit immer mehr zu einem Zeugnis für das Evangelium zu machen – für den kommenden Juni in Guadalajara einen Exerzitienkurs für Präsidenten und Direktoren karitativer Einrichtungen des amerikanischen Kontinents einberufen hat. Er wird dazu dienen, die menschliche und christliche Dimension, die ich soeben angesprochen habe, in Fülle wiederzuerlangen, und ich hoffe, daß die Initiative sich in Zukunft auch auf andere Teile der Welt ausweiten wird. Liebe Freunde, ich danke euch für das, was ihr tut, versichere euch eines liebevollen Gebetsgedenkens und erteile jedem von euch und eurer Arbeit von Herzen einen besonderen Apostolischen Segen.

 

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