Benedikt XVI.: Der Grund für die Zuversicht des Christen ist die Barmherzigkeit Gottes

Generalaudienz im Zeichen von Psalm 138, \"Dank für Gottes Hilfe\"

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ROM, 7. Dezember 2005 (ZENIT.org).-


Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. heute, Mittwoch, während der Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom gehalten hat. Vor Tausenden von Gläubigen betrachtete der Heilige Vater Psalm 138, der im Stundengebet der Vesper jeweils am Dienstag der vierten Woche gebetet wird. Im Mittelpunkt dieses Danklieds steht der machtvolle Beistand des treuen und barmherzigen Gottes, der seine Gläubigen niemals ihrem Schicksal überlässt.


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Ich will dir danken aus ganzem Herzen,
dir vor den Engeln singen und spielen;
ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel
hin und deinem Namen danken für deine Huld und Treue.
Denn du hast die Worte meines Mundes gehört,
deinen Namen und dein Wort über alles verherrlicht.

Du hast mich erhört an dem Tag, als ich rief;
du gabst meiner Seele große Kraft.
Dich sollen preisen, Herr, alle Könige der Welt,
wenn sie die Worte deines Mundes vernehmen.
Sie sollen singen von den Wegen des Herrn;
denn groß ist die Herrlichkeit des Herrn.

Ja, der Herr ist erhaben;
doch er schaut auf die Niedrigen
und die Stolzen erkennt er von fern.

Gehe ich auch mitten durch große Not:
du erhältst mich am Leben. Du streckst die Hand aus gegen meine wütenden Feinde
und deine Rechte hilft mir.

Der Herr nimmt sich meiner an.
Herr, deine Huld währt ewig.
Lass nicht ab vom Werk deiner Hände!



1. Der Danksagungshymnus, den wir soeben gehört haben, wird in der jüdischen Tradition David zugesprochen, auch wenn er wahrscheinlich erst später entstanden ist. Dieser Psalm 138 beginnt mit einem ganz persönlichen Lied des Betenden. Er erhebt seine Stimme inmitten der Versammlung, die sich im Tempel eingefunden hat, oder zumindest indem er sich auf das Heiligtum Zion bezieht, wo der Herr gegenwärtig ist und dem gläubigen Volk begegnet.

Tatsächlich ruft der Psalmist aus: \"Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin\", der in Jerusalem steht (vgl. Vers 2): Dort singt er vor dem Herrn, der mit dem Hof seiner Engel im Himmel thront, der aber auch hinhört auf das, was sich im irdischen Raum des Tempels abspielt (vgl. Vers 1). Der Betende ist sich sicher, dass der \"Name\" des Herrn, das heißt die lebendige Wirklichkeit des wirkenden, personalen Gottes mit seinen Tugenden der Treue und Barmherzigkeit – Zeichen des Bundes mit seinem Volk – die Grundlage für jedes Vertrauen und jede Hoffnung sind (vgl. Vers 2).

2. Dann schweift sein Blick für einen Moment in die Vergangenheit, zu einem Tag, als er großes Leid erfuhr: Damals hatte die göttliche Stimme auf den Hilfeschrei des angsterfüllten Gläubigen geantwortet. Gott hatte der Seele, in der Verwirrung herrschte, Mut eingeflößt (vgl. Vers 3). In der Originalsprache Hebräisch wird wortwörtlich gesagt, dass der Herr in der Seele des Not leidenden Gerechten Kraft \"hervorbringt\" – wie beim Ausbruch eines starken Sturms, der alle Zweifel und Ängste wegbläst, Leben spendende Kraft verleiht sowie Tapferkeit und Zuversicht gibt.

Nach diesem offensichtlich sehr persönlich geprägten Beginn schaut der Psalmist auf die Welt und stellt sich vor, sein Zeugnis schließe den ganzen Horizont mit ein: \"Alle Könige der Welt\" verbinden sich mit dem jüdischen Betenden – gewissermaßen in einem weltumspannenden Zusammenschluss, von dem niemand ausgenommen ist –, um mit ihm einen allgemeinen Lobgesang zur Ehre der Größe und der gewaltigen Herrlichkeit des Herrn anzustimmen (vgl. Verse 4-6).

3. Der Inhalt dieses gemeinsamen Loblieds aller Völker lässt bereits die künftige Kirche der Heiden erkennen, die künftige Weltkirche. Das erste Thema, das darin angesprochen wird, sind die \"Herrlichkeit\" und die \"Wege des Herrn\" (vgl. Vers 5), also sein Heilsplan und seine Offenbarung. Durch sie gelangt man zur Entdeckung, dass Gott \"erhaben\" und transzendent ist, ein Gott, der auf die Niedrigen schaut und – als Zeichen seiner Zurückweisung und seines Urteils –die Stolzen schon von fern erkennt (vgl. Vers 6).

Wie der Prophet Jesaja einst verkündete: \"So spricht der Hohe und Erhabene, der ewig Thronende, dessen Name \'Der Heilige\' ist: Als Heiliger wohne ich in der Höhe, aber ich bin auch bei den Zerschlagenen und Bedrückten, um den Geist der Bedrückten wieder aufleben zu lassen und das Herz der Zerschlagenen neu zu beleben\" (Jes 57,15). Gott fasst also den Entschluss, sich auf die Seite der Schwachen, der Bedürftigen, ja der Ärmsten zu stellen: Das bekommen alle Könige zu hören – damit sie erkennen, wie sie beim Regieren ihrer Nationen entscheiden sollten. Und natürlich wird das nicht nur den Königen und den Regierenden gesagt, sondern auch allen übrigen Menschen, denn auch wir müssen schließlich wissen, welche Wahl wir treffen sollten: uns auf die Seite der Bedürftigen, der Ausgestoßenen, der Armen und der Schwachen zu stellen.

4. Nach diesem Hinweis für die Staatslenker auf der ganzen Welt, der nicht nur in der damaligen Zeit, sondern für alle Zeiten gilt, kehrt der Betende wieder zu seinem persönlichen Lobpreis zurück (vgl. Ps 138,7-8). Er blickt in die Zukunft und erfleht die Hilfe Gottes, um jene Prüfungen bestehen zu können, die ihm noch bevorstehen. Und wir alle machen uns dieses Gebet des Betenden der damaligen Zeit zu Eigen.

Dann wird, sozusagen als Zusammenfassung, von den \"wütenden Feinden\" gesprochen (Vers 7), eine Art Symbol für alle Feindseligkeiten, denen der Gerechte auf seinem Weg durch die Geschichte begegnen muss. Aber er weiß – und auch wir wissen es –, dass ihn der Herr niemals verlassen wird, sondern ihm seine Hand reicht, um ihn zu retten und zu führen. Das Ende des Psalms ist daher ein leidenschaftliches Bekenntnis des Vertrauens auf diesen Gott der ewig währenden Huld: Dieser Gott verlässt nicht das Werk seiner Hände, das heißt sein Geschöpf (Vers 8). Und in diesem Vertrauen, in dieser Sicherheit, dass man Gott ganz vertrauen kann, müssen auch wir leben.

Wir müssen uns sicher sein, dass wir niemals unserem Schicksal überlassen werden, mögen die Prüfungen, die auf uns warten, auch noch so schwer und heftig sein. Niemals lässt uns die Hand Gottes los – jene Hand, die uns geschaffen hat und uns jetzt auf dem Lebensweg begleitet. Wie der heilige Paulus dürfen auch wir bekennen: \"Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu\" (Phil 1,6).

5. So haben wir also Gelegenheit gehabt, mit diesem Psalm des Lobes, der Danksagung und des Vertrauens mitzubeten. Wir möchten diesen Faden des hymnischen Lobpreises weiterführen, indem wir uns dem Zeugnis eines christlichen Sängers zuwenden, des großen Ephrem des Syrers aus dem vierten Jahrhundert, der außerordentlich schöne Gedichte und geistliche Texte verfasst hat.

\"Wie groß unsere Bewunderung für dich, Herr, auch sein mag, deine Herrlichkeit überragt dennoch alles, was über unsere Lippen kommen kann\", singt Ephrem in einem Hymnus (\"Hymnen über die Jungfräulichkeit\" – \"Inni sulla Verginità\", 7: \"L’arpa dello Spirito\", Rom 1999, 66). Und in einem anderen sagt er: \"Gelobt seist du, dem alles leicht fällt, denn du bist allmächtig\" (\"Weihnachtshymnen\" – \"Inni sulla Natività\" –, 11: ebd., 48). Genau das ist ein letzter Grund für unser Vertrauen: Gott besitzt die Macht der Barmherzigkeit und er setzt seine Macht für die Barmherzigkeit ein. Und zum Abschluss ein letztes Zitat: \"Mögen dich jene loben, die deine Wahrheit erkannt haben\" (\"Hymnen über den Glauben\" – \"Inni sulla Fede\", 14: ebd., 27).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals. Nach seiner Ansprache verlas Benedikt XVI. in verschiedenen Sprachen eine Zusammenfassung seiner Katechese, um anschließend die Gläubigen zu begrüßen. Auf Deutsch sagte er:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Ein Danklied von besonderer Schönheit erklingt im Psalm 138, den wir heute zum Gegenstand unserer Katechese machen. Er beginnt mit einem Hinweis auf die Gebetsrichtung: Zum Tempel hin, zum Ort der Gegenwart des Herrn, an dem Gott seinem Volk begegnet, wendet sich der Beter des Alten Bundes. Sein ganzer Dank gilt dem \"Namen\" des Herrn. Dieser steht für die lebendige Wirklichkeit des personalen Gottes, dessen Treue und Barmherzigkeit der Grund des Vertrauens und der Hoffnung seines Volkes sind. Der ganz persönliche Dank für die erfahrene Güte Gottes, für die Erhörung in Stunden der Not, weitet sich schließlich zum universalen Lob: \"Dich sollen preisen, Herr, alle Könige der Welt\" (Vers 4).

Der Gott, der uns Menschen – das Werk seiner Hände – niemals aufgibt, begleite euch alle, liebe Freunde deutscher Sprache, die ich hier ganz herzlich willkommen heiße. Meinen besonderen Gruß richte ich heute an die Pilger der Internationalen Schönstattbewegung sowie an die Notare aus Österreich. Macht euch in diesen Tagen des Advents zu Trägern und Boten des Lichts, das unserer Welt in Jesus Christus aufstrahlt. Euch allen eine gute Zeit in Rom!