Benedikt XVI.: \"Der Herr ist allen, die ihn anrufen, nahe\"

Generalaudienz im Zeichen von Psalm 145

| 458 klicks

ROM, 8. Februar 2006 (Zenit.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. am Mittwochvormittag in der Audienzhalle Paul VI. gehalten hat. Der Heilige Vater betrachtete den zweiten Teil von Psalm 145, einem Danklied auf die Größe des Herrn, und betonte, dass Gott zuallererst ein fürsorglicher Vater und liebenwerter König sei, \"der sich um seine Geschöpfe kümmert\".



* * *


Der Herr stützt alle, die fallen,
und richtet alle Gebeugten auf.
Aller Augen warten auf dich
und du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit.

Du öffnest deine Hand
und sättigst alles, was lebt, nach deinem Gefallen.
Gerecht ist der Herr in allem, was er tut,
voll Huld in all seinen Werken.

Der Herr ist allen, die ihn anrufen, nahe,
allen, die zu ihm aufrichtig rufen.
Die Wünsche derer, die ihn fürchten, erfüllt er,
er hört ihr Schreien und rettet sie.

Alle, die ihn lieben, behütet der Herr,
doch alle Frevler vernichtet er.
Mein Mund verkünde das Lob des Herrn.
Alles, was lebt, preise seinen heiligen Namen immer und ewig!



1. Der Liturgie folgend, die ihn in zwei Teile unterteilt, denken wir wieder über Psalm 145 nach, ein wunderbares Lied zu Ehren des Herrn, dieses liebenwerten Königs, der sich um seine Geschöpfe kümmert. Wir wollen jetzt den zweiten Teil betrachten, der aus den Versen 14 bis 21 besteht und in dem das Grundthema des ersten Abschnitts dieses Hymnus wieder aufgenommen wird.

Es werden darin das Erbarmen, die Zärtlichkeit, die Treue und die Güte Gottes besungen, die sich auf die gesamte Menschheit erstrecken und jedes Geschöpf mit einbeziehen. Jetzt richtet der Psalmist sein Hauptaugenmerk auf die Liebe, die der Herr in besonderer Weise dem Armen und Schwachen vorbehält. Somit ist die göttliche Königswürde weder gleichgültig noch überheblich, wie es manchmal bei der Ausübung der menschlichen Macht geschehen kann. Gott bringt seine Königswürde zum Ausdruck, indem er sich vor den schwächsten und wehrlosesten Geschöpfen verneigt.

2. Tatsächlich ist er zuallererst ein Vater, der alle stützt, die fallen, und diejenigen wieder aufrichtet, die in den Staub der Demütigung gefallen sind (vgl. Vers 14). Die Lebenden sind folglich auf den Herrn hin ausgerichtet, gleichsam wie ausgehungerte Bettler, und er bietet ihnen als fürsorglicher Vater jene Nahrung an, die sie brauchen, um zu leben (vgl. Vers 15).

Über die Lippen des Beters kommt sodann ein Glaubensbekenntnis an die beiden göttlichen Eigenschaften schlechthin: Gerechtigkeit und Heiligkeit. \"Gerecht ist der Herr in allem, was er tut, voll Huld in all seinen Werken\" (Vers 17). Im Hebräischen haben wir zwei typische Adjektive, um den Bund, der zwischen Gott und seinem Volk existiert, zu veranschaulichen: \"saddiq\" und \"hasid\". Sie bezeichnen die Gerechtigkeit, die vom Bösen retten und befreien will, und die Treue, die Zeichen der liebenswerten Größe des Herrn ist.

3. Der Psalmist stellt sich auf die Seite derer, die beschenkt worden sind und die er mit verschiedenen Ausdrücken beschreibt; mit Begriffen, die in der Praxis das Bild des wahren Gläubigen darstellen. Dieser ruft den Herrn im vertrauensvollen Gebet an, sucht ihn aufrichtigen Herzens (vgl. Vers 18) und \"fürchtet\" seinen Gott, indem er seinen Willen respektiert und seinem Wort folgt (vgl. Vers 19). Aber vor allem \"liebt\" er ihn und vertraut darauf, unter dem Mantel seines Schutzes und seiner Vertrautheit geborgen zu sein (vgl. Vers 20).

Das letzte Wort des Psalmisten ist in diesem Fall jenes, mit dem er seinen Hymnus begonnen hat: eine Einladung, Gott und seinen \"Namen\", das heißt seine lebendige und heilige Person, die in der Welt und in der Geschichte wirkt und heilt, zu loben und zu preisen. Ja, es handelt sich sogar um den Aufruf, dass jedes Geschöpf, das das Geschenk des Lebens empfangen hat, sich dem Lobpreis des Gläubigen anschließe: \"Alles, was lebt, preise seinen heiligen Namen immer und ewig!\" (Vers 21). Es ist eine Art ewiges Lied, das von der Erde zum Himmel emporsteigen soll, eine gemeinsame Feier der allumfassenden Liebe Gottes, Quelle des Friedens, der Freude und des Heils.

4. Wir wollen unsere Überlegungen abschließen, indem wir noch einmal zu diesem schönen Vers zurückkommen, in dem es heißt: \"Der Herr ist allen, die ihn anrufen, nahe, allen, die zu ihm aufrichtig rufen\" (Vers 18). Dieser Satz lag Barsanuphios von Ghaza, einem Asketen, der um die Mitte des sechsten Jahrhunderts starb und von Ordensleuten, Klerikern und Laien aufgrund seiner Weisheit und seiner Urteilskraft aufgesucht wurde, besonders am Herzen.

Einem Schüler zum Beispiel, der den Wunsch äußerte, \"die Ursachen für die verschiedenen Versuchungen zu erforschen, die ihn heimgesucht hatten\", antwortete Barsanuphios: \"Bruder Johannes, hab keine Angst vor den Versuchungen, die sich gegen dich erhoben haben, um dich auf die Probe zu stellen, denn der Herr lässt dich nicht ihr Opfer werden. Also, wenn eine dieser Versuchungen auftaucht, dann mühe dich nicht damit, herausfinden zu wollen, worum es sich handelt, sondern ruf laut den Namen Jesu: \'Jesus, hilf mir.\' Und er wird dich erhören, denn \'der Herr ist allen, die ihn anrufen, nahe\'. Lass dich nicht entmutigen, sondern lauf voller Leidenschaft, und du wirst das Ziel erreichen in Christus Jesus, unseren Herrn\" (Barsanuphios und Johannes von Ghaza, \"Epistolario\", 39: \"Collana di Testi Patristici\", XCIII, Rom 1991, 109).

Und diese Worte des alten Priesters gelten auch für uns. In unseren Schwierigkeiten, Problemen und Versuchungen dürfen wir nicht nur eine theoretische Reflexion anstellen – woher kommen sie? –, sondern müssen positiv reagieren, indem wir den Herrn anrufen, den lebendigen Kontakt mit dem Herrn aufrechterhalten. Mehr noch: Wir müssen laut den Namen des Herrn anrufen: \"Jesus, hilf mir!\" Und wir dürfen darauf vertrauen, dass er uns hört, weil er dem nahe ist, der ihn sucht. Lassen wir uns nicht entmutigen, sondern laufen wir stattdessen \"mit Leidenschaft\", wie dieser Priester sagt, und auch wir werden das Leben erlangen: Jesus, den Herrn.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals. Im Anschluss wandte sich der Heilige Vater den Pilgergruppen zu und grüßte sie. Auf Deutsch sagte er:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Gott schenkt seine Liebe in besonderer Weise den Armen und Schwachen. Im Psalm 145 haben wir soeben gehört: \"Der Herr stützt alle, die fallen, und richtet die Gebeugten auf\" (Vers 14). Gerade in dieser liebevollen Zuwendung zeigt Gott sich als König und Herr. Er ist allen nahe, die zu ihm rufen. Er ist der Vater, der für die Seinen sorgt, der seine Hand öffnet und ihnen Speise gibt.

Der Lobpreis der Werke des Herrn geht im Psalm einher mit dem Bekenntnis der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes. Gerecht ist der Herr, denn er heilt und rettet vom Bösen und ist seinem Volk treu. Alle, denen Gott seine Wohltaten erweist, sind aufgefordert, in das gemeinschaftliche Lob der universalen Liebe Gottes einzustimmen: \"Alles, was lebt, preise seinen heiligen Namen immer und ewig\" (Vers 21).

Gerne grüße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache. Ein ganz herzliches Grüß Gott sage ich meinen bayerischen Landsleuten, insbesondere der Delegation der Stadt Traunstein, die ihre Nähe zum Nachfolger Petri bekunden will. Mit Freude heiße ich auch die Jugendlichen aus den Ländern des Mitteleuropäischen Katholikentags willkommen, die unter der Führung des Wiener Erzbischofs nach Rom gepilgert sind.

Liebe Freunde, vertraut euer ganzes Leben auf die Hilfe des Herrn und bringt das Licht des Glaubens und die Liebe Gottes in eure Familien und zu euren Mitmenschen. Der Herr stärke euch heute und alle Tage mit seiner heiligen Gegenwart!