Benedikt XVI.: Die Bewegungen, „wirklich ein Geschenk des Heiligen Geistes“

Ansprache an die Bischöfe, die der Fokolar-Bewegung und der Gemeinschaft „Sant’Egidio“ nahestehen

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ROM, 29. März 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 8. Februar an einige Bischöfe gerichtet hat, die der Fokolar-Bewegung und der Gemeinschaft „Sant’Egidio“ nahestehen.



Der Heilige Vater unterstrich im Clementina-Saal des Apostolischen Palasts im Vatikan, dass die kirchlichen Bewegungen in großer ökumenischer Offenheit „Zeugnis von der Freude am Glauben und der Schönheit des Christseins“ ablegten. „Aus der Gemeinschaft zwischen Bischöfen und Bewegungen kann daher ein gesunder Impuls für ein neues Engagement der Kirche in der Verkündigung und im Zeugnis des Evangeliums der Hoffnung und der Liebe in allen Teilen der Welt entspringen.“

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Verehrte Brüder im Bischofsamt!

Ich freue mich, euch zu dieser Sonderaudienz zu empfangen, und begrüße euch, die ihr aus verschiedenen Ländern der Welt kommt, alle herzlich. Dabei denke ich besonders auch an diejenigen, die hier bei uns sind und anderen Kirchen angehören. Einige von euch nehmen an dem jährlichen Treffen der Bischöfe teil, die der Fokolar-Bewegung nahestehen; das Thema der diesjährigen Tagung lautet: »Der gekreuzigte und verlassene Christus, Licht in der kulturellen Nacht«. Gern ergreife ich diese Gelegenheit, um an Chiara Lubich meine Glückwünsche und meinen Segen zu übermitteln, den ich auf alle Mitglieder der von ihr gegründeten Bewegung ausweite. Andere nehmen am 9. Treffen von Bischöfen teil, die der Gemeinschaft Sant’Egidio nahestehen; auf dem Programm steht die Auseinandersetzung mit einem höchst aktuellen Thema: »Die Globalisierung der Liebe«. Ich begrüße Msgr. Vincenzo Paglia und mit ihm Prof. Andrea Riccardi und die ganze Gemeinschaft, die sich am Jahrestag ihrer Gründung heute Abend zu einer festlichen Eucharistiefeier in der Lateranbasilika versammeln wird. Es liegen mir hier nicht alle Namen vor, aber ich grüße natürlich von Herzen euch alle, liebe Brüder, Bischöfe, Kardinäle und alle lieben Mitbrüder der orthodoxen Kirche.

Liebe Brüder im Bischofsamt, ich möchte euch vor allem sagen, daß eure Nähe zu den beiden Bewegungen, die die Vitalität dieser neuen Zusammenschlüsse von Gläubigen hervorhebt, darüber hinaus jener Gemeinschaft unter den Charismen Ausdruck verleiht, die ein typisches »Zeichen der Zeit« ist. Mir scheint, daß diese Begegnungen der Charismen der kirchlichen Einheit in der Verschiedenheit der Gaben ein sehr ermutigendes und wichtiges Zeichen sind. Das nachsynodale Apostolische Schreiben Pastores gregis stellt fest, daß »die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Bischöfen … weit über den institutionellen Rahmen hinausgehen« (Nr. 59). Das geschieht auch bei Treffen wie den eurigen, wo nicht nur Kollegialität, sondern eine bischöfliche Brüderlichkeit erfahrbar wird, die sich aus dem Teilhaben an den von den Bewegungen geförderten Idealen dazu angespornt fühlt, die Gemeinschaft der Herzen zu vertiefen, den gegenseitigen Beistand stärker und jenes Bemühen gemeinschaftlicher zu machen, die Kirche als Ort des Gebets und der Liebe, als Haus der Barmherzigkeit und des Friedens, sichtbar werden zu lassen.

Mein verehrter Vorgänger Johannes Paul II. bezeichnete die in diesen Jahren entstandenen Bewegungen und Neuen Gemeinschaften als ein von der Vorsehung bestimmtes Geschenk des Heiligen Geistes an die Kirche, um wirksam auf die Herausforderungen unserer Zeit zu antworten. Ihr wißt, daß auch ich dieser Überzeugung bin. Als ich noch Professor und dann Kardinal war, hatte ich Gelegenheit, diese meine Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, daß die Bewegungen wirklich ein Geschenk des Heiligen Geistes an die Kirche sind. Und gerade in der Begegnung der Charismen zeigen sie den Reichtum der Gaben sowie der Einheit im Glauben.

Wie könnte man zum Beispiel die außergewöhnliche Pfingstvigil des vergangenen Jahres vergessen, die die einstimmige Teilnahme vieler kirchlicher Bewegungen und Gemeinschaften verzeichnen konnte? In mir ist noch immer die Ergriffenheit lebendig, die ich bei der Teilnahme an einer derart intensiven spirituellen Erfahrung auf dem Petersplatz empfunden habe. Ich wiederhole euch, was ich damals zu den aus allen Teilen der Welt zusammengeströmten Gläubigen gesagt habe, daß nämlich die Vielgestaltigkeit und die Einheit der Charismen und Dienstämter im Leben der Kirche untrennbar zusammengehören. Der Heilige Geist will die Vielgestaltigkeit der Bewegungen im Dienst des einen Leibes, der eben die Kirche ist. Und er verwirklicht das durch das Dienstamt derjenigen, die er zur Leitung der Kirche Gottes eingesetzt hat: die Bischöfe in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri. Diese Einheit und Vielfalt, die im Volk Gottes besteht, wird in gewisser Weise gerade auch am heutigen Tag offenkundig, wo viele Bischöfe, die zwei verschiedenen, durch eine starke missionarische Dimension gekennzeichneten kirchlichen Bewegungen nahestehen, hier mit dem Papst vereint sind.

In der reichen westlichen Welt, wo trotz des Vorhandenseins einer relativistischen Kultur dennoch zugleich eine verbreitete Sehnsucht nach Spiritualität nicht fehlt, geben eure Bewegungen Zeugnis von der Freude am Glauben und der Schönheit des Christseins in großer ökumenischer Offenheit. In den ausgedehnten rückständigen Gebieten der Erde vermitteln sie die Botschaft der Solidarität und machen sich zu Nächsten der Armen und Schwachen durch jene menschliche und göttliche Liebe, die ich in der Enzyklika Deus caritas est wieder in die Aufmerksamkeit aller rücken wollte. Aus der Gemeinschaft zwischen Bischöfen und Bewegungen kann daher ein gesunder Impuls für ein neues Engagement der Kirche in der Verkündigung und im Zeugnis des Evangeliums der Hoffnung und der Liebe in allen Teilen der Welt entspringen.

Von der Herzmitte ihrer Spiritualität, das heißt vom gekreuzigten und verlassenen Christus her, hebt die Fokolar-Bewegung das Charisma und den Dienst der Einheit hervor, der sich in den verschiedenen sozialen und kulturellen Bereichen verwirklicht, wie zum Beispiel im ökonomischen Bereich mit der »Wirtschaft der Gemeinschaft«, und durch die Wege des Ökumenismus und des interreligiösen Dialogs. Die Gemeinschaft Sant’Egidio stellt das Gebet und die Liturgie in den Mittelpunkt ihrer Existenz, um denen, die problematische Situationen und soziale Ausgrenzung erleben, nahezustehen. Gemeinsam »einer des anderen Last tragen« Für den Christen ist der Mensch, auch wenn er fernsteht, niemals ein Fremder.

Gemeinsam ist es möglich, sich mit stärkerem Engagement den Herausforderungen zu stellen, die uns am Beginn des dritten Jahrtausends nachdrücklich auf den Plan rufen: Ich denke in erster Linie an die Suche nach Gerechtigkeit und Frieden und an die Dringlichkeit, eine brüderlichere und solidarischere Welt aufzubauen, angefangen bei den Ländern, aus denen einige von euch kommen und die von blutigen Konflikten heimgesucht werden. Ich beziehe mich besonders auf Afrika, den Kontinent, der mir sehr am Herzen liegt und von dem ich hoffe, daß er endlich eine Zeit stabilen Friedens und echter Entwicklung erleben möge. Die bevorstehende Synode der afrikanischen Bischöfe wird sicherlich eine günstige Gelegenheit sein, um die große Liebe offenbar zu machen, die Gott den geliebten afrikanischen Völkern zuteil werden läßt.

Liebe Freunde, die echte Brüderlichkeit, die zwischen euch und den Bewegungen, denen ihr nahesteht, besteht, drängt euch dazu, gemeinsam »einer des anderen Last« zu tragen (Gal 6,2), wie der Apostel empfiehlt, vor allem was die Evangelisierung, die Liebe zu den Armen und das Anliegen des Friedens betrifft. Der Herr möge eure geistlichen und apostolischen Initiativen immer fruchtbar machen. Ich begleite euch mit meinem Gebet und erteile euch, die ihr hier anwesend seid, der Fokolar-Bewegung und der Gemeinschaft Sant’Egidio und den eurer pastoralen Sorge anvertrauten Gläubigen gern den Apostolischen Segen.

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]