Benedikt XVI.: Die echte Option für das Leben ist ein Ja zu Gott

"Das ist der letzte Sinn des Kreuzes: das Leben nicht für sich nehmen, sondern es geben"

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ROM, 8. März 2006 (Zenit.org).- Warum die Entscheidung für Gott das Leben in Fülle bedeutet, das erklärte Benedikt XVI. am 2. März in Rom.



Der Tradition entsprechend begegnete der Heilige Vater zu Beginn der Fastenzeit dem römischen Klerus. Die Priester und Diakone versammelten sich in der "Aula delle Benedizioni" in Begleitung des Vikars des Papstes für die Diözese Rom, Kardinal Camillo Ruini. Der Papst hatte keine Rede vorbereitet. Wie bereits bei seinem Treffen mit dem Klerus des Aostatales am 25. Juli 2005 antwortete der Papst in freier Rede auf die Fragen, die ihm fünfzehn Priester stellten. Die Begegnung fand in geschossenem Rahmen ohne die Anwesenheit von Vertretern der Medien statt. Die vollständige Mitschrift der Antworten des Papstes ist in italienischer Sprache auf der Website des Vatikans abrufbar (vgl. Ansprache). Wir bringen in den kommenden Tagen die zentralen Aussagen dieses Gesprächs.

Benedikt XVI. äußerte sich in der für das freie Gespräch kennzeichnenden Unmittelbarkeit zu einigen großen Themen der Kirche und des Glaubens. Zu Beginn ging er anhand der liturgischen Texte des Tages auf den Sinn der Fastenzeit ein und bekräftigte, dass die Option für das Leben und die Option für Gott identisch sind.

"Die heutige Liturgie bietet uns einen tiefen Hinweis zur wesentlichen Bedeutung der Fastenzeit, einen Wegweiser für die Straße unseres Lebens (…) Dieses Wesentliche ist das Wort Gottes: 'Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen' (Dtn 30,19). Dieses grundlegende Wort der Fastenzeit ist auch das grundlegende Wort des Erbes unseres großen Papstes Johannes Pauls II.: Das Leben wählen. In der Fastenzeit geht es darum, unsere 'Fundamentaloption' zu erneuern: die Option für das Leben. Dabei kommt sofort die Frage auf: Wie wählt man das Leben?

Beim Nachdenken darüber ist es mir in den Sinn gekommen, dass der große Abfall vom Christentum, der sich im Westen in den letzten hundert Jahren ereignet hat, gerade im Namen der Option für das Leben verwirklicht wurde. Es wurde gesagt – dabei denke ich nicht nur an Nietzsche –, dass das Christentum eine Option gegen das Leben sei. Mit dem Kreuz, mit all seinen Geboten, mit allen Neins, mit denen es uns konfrontiert, verschließe es das Tor des Lebens. Wir aber wollen das Leben haben, und wir wählen, entscheiden schließlich für das Leben, indem wir uns vom Kreuz befreien, indem wir uns von all diesen Geboten und Neins befreien. Wir wollen das Leben in Fülle, nichts anderes als das Leben.

Da kommt sofort das Wort des Evangeliums von heute in Erinnerung: "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten" (Lk 9,24). Das ist das Paradox, das wir vor allem bei der Option für das Leben gegenwärtig haben müssen. Nicht indem wir das Leben für uns beanspruchen, sondern indem wir es schenken, ohne es zu haben, in seiner Gabe, können wir es finden. Das ist der letzte Sinn des Kreuzes: das Leben nicht für sich nehmen, sondern es geben."

Diese Botschaft finde sich im Neuen, aber auch schon im Alten Testament, erklärte der Papst. "In der ersten Lesung aus dem Buch Deuteronomium ist die Antwort Gottes gegeben: 'Heute gebiete ich dir, den Herrn, deinen Gott, zu lieben, auf seinen Wegen zu gehen, seine Gebote, seine Gesetze und Vorschriften zu achten, damit du lebst' (Dtn 30, 16). Auf den ersten Blick gefällt uns das nicht, aber es ist der Weg: Die Option für das Leben und die Option für Gott sind identisch. Der Herr sagt es im Johannesevangelium: 'Das ist das ewige Leben: dich zu erkennen' (Joh 17,3). Das menschliche Leben ist eine Beziehung. Nur in Beziehung, nicht verschlossen in uns selbst, können wir das Leben haben. Und die fundamentale Beziehung ist die Beziehung mit dem Schöpfer. Sonst wären die anderen Beziehungen zerbrechlich.

Also Gott wählen, das ist das Wesentliche. Eine von Gott entleerte Welt, eine Welt, die Gott vergessen hat, verliert das Leben und verfällt in eine Kultur des Todes. Das Leben wählen, die Option für das Leben machen, heißt also vor allem, die Option 'Beziehung mit Gott' zu wählen. Sogleich aber stellt sich die Frage: mit welchem Gott? Hier hilft wieder das Evangelium: mit jenem Gott, der sein Angesicht in Christus gezeigt hat; mit jenem Gott, der den Hass auf dem Kreuz besiegt hat, das heißt: in der Liebe bis zum Tod. Wenn wir somit diesen Gott wählen, wählen wir das Leben."

In diesem Zusammenhang erinnerte Benedikt XVI. an die "große" Enzyklika seines Vorgängers Johannes Pauls II. über den Wert und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens, "Evangelium vitae", und sagte: "Sie ist fast eine Photographie der Probleme der modernen Kultur, ihrer Hoffnungen und Gefahren. In der Enzyklika wird sichtbar, dass eine Gesellschaft, die Gott vergisst, die Gott ausschließt, gerade um das Leben zu haben, in eine Kultur des Todes verfällt. Gerade um das Leben zu haben, sagt man Nein zum Kind, weil es mir etwas von meinem Leben wegnimmt. Man sagt Nein zur Zukunft, um die ganze Gegenwart zu haben. Man sagt Nein sowohl zum Leben, das im Entstehen begriffen ist, als auch zum leidenden Leben, das dem Tod entgegengeht.

Diese scheinbare Kultur des Lebens wird zur Anti-Kultur des Todes, wo Gott abwesend ist, wo jener Gott abwesend ist, der nicht den Hass vorschreibt, sondern den Hass besiegt. Hier machen wir eine wahre Option für das Leben. Alles ist miteinander verbunden: die tiefste Option für den gekreuzigten Christus mit der der vollkommensten Option für das Leben, vom ersten bis zum letzten Moment."