Benedikt XVI.: Die Freude des Advents

„Prophetische Verheißung, die der ganzen Menschheit bestimmt ist“

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ROM, 18. Dezember 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am dritten Adventssonntag zum Angelus-Gebet gehalten hat.



Der Heilige Vater betrachtete anhand der liturgischen Texte des Tages die Freude über das baldige Kommen des Retters und betonte, dass diese Freude nicht nur den Christen bestimmt sei, sondern unterschiedslos allen, insbesondere aber den armen, kranken, einsamen und Not leidenden Menschen.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Am heutigen dritten Adventssonntag lädt uns die Liturgie zur „Freude des Geistes“ ein. Sie tut dies mit der berühmten Antiphon, die einem Aufruf des Apostels Paulus entlehnt ist: „Gaudete in Dominum“ – „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit… Der Herr ist nahe“ (vgl. Phil 4,4.5).

Auch die erste Lesung aus der Heiligen Schrift der heutigen Messe ist ein Aufruf zur Freude. Am Ende des siebten Jahrhunderts vor Christus wendet sich der Prophet Zefanja mit folgenden Worten an die Stadt Jerusalem und ihre Einwohner: „Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich, und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! … Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt“ (Zef 3,14.17). Gott selbst wird mit ähnlichen Gefühlen beschrieben: „Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag“ (Zef 3,17-18a). Diese Verheißung hat sich vollständig im Weihnachtsgeheimnis erfüllt, das wir in einer Woche feiern werden und im „Heute“ unseres Lebens und der Geschichte zu erneuern aufgerufen sind.

Die Freude, die die Liturgie in den Herzen der Christen weckt, ist nicht nur ihnen vorbehalten; sie ist eine prophetische Verheißung, die der ganzen Menschheit bestimmt ist, insbesondere den Ärmsten, und in diesem Fall vor allem denjenigen, die an Freude am ärmsten sind.

Denken wir an unsere Brüder und Schwestern, die besonders im Nahen Osten, in einigen Gegenden Afrikas und in anderen Teilen der Welt das Drama des Krieges miterleben: Was für eine Freude können sie erfahren? Wie wird ihr Weihnachten sein?

Denken wir an die vielen kranken und einsamen Menschen, die nicht nur physisch, sondern auch seelisch leiden, da sie sich nicht selten verlassen fühlen: Wie können wir mit ihnen die Freude teilen, im Respekt vor ihrem Leid?

Denken wir aber auch an jene – besonders an die jungen Menschen –, die den Sinn für die wahre Freude verloren haben und sie vergeblich dort suchen, wo sie unmöglich gefunden werden kann: im verzweifelten Wettlauf um Selbstbehauptung und Erfolg, in den falschen Vergnügungen, im Konsumismus, in den Momenten der Trunkenheit, im künstlichen Paradies der Drogen und jeder anderen Form der Entfremdung. Wir müssen die heutige Liturgie und ihr „Frohlockt!“ diesen dramatischen Wirklichkeiten entgegenhalten.

Wie zur Zeit des Propheten Zefanja sind es gerade die Geprüften, die vom Leben Verwundeten und die „Waisen der Freude“, an die sich das Wort des Herrn in besonderer Weise richtet. Die Aufforderung zur Freude stellt weder eine entfremdende Botschaft noch ein steriles Linderungsmittel dar; im Gegenteil, sie ist eine Prophezeiung des Heils, ein Appell zur Erlösung, die von der inneren Erneuerung ausgeht.

Gott wählte ein einfaches Mädchen aus einem Dorf Galiläas, Maria von Nazareth, um die Welt zu verwandeln, und er sprach sie mit diesem Gruß an: „Freu dich, du Begnadete, der Herr ist mit dir!“ In diesen Worten liegt das Geheimnis wahrer Weihnacht. Gott richtet sie auch an die Kirche und an jeden von uns: Freut euch, der Herr ist nahe!

Mit Hilfe Mariens wollen wir uns selbst demütig und couragiert einsetzen, damit die Welt Christus aufnehme, der die Quelle der wahren Freude ist.

[Auf Deutsch sagte der Heilige Vater:]

In adventlicher Freude grüße ich die Pilger und Besucher deutscher Sprache. „Der Herr ist nahe!", ruft uns die Liturgie des heutigen Sonntags „Gaudete“ zu. Christus beschenkt uns umso mehr mit seiner Nähe, je freier wir uns ihm zuwenden und das Licht des Friedens und der Güte Gottes in unserer Umgebung verbreiten. Der Herr stärke euer Zeugnis vor den Menschen mit der Kraft seines Heiligen Geistes!

Euch allen einen gesegneten dritten Adventssonntag!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2006 – Libreria Editrice Vaticana]