Benedikt XVI.: „Die ganze Schöpfung ist voller Verheißungen!“

Festkonzert zu Ehren des Papstes in Castel Gandolfo

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ROM, 29. August 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Sonntag, dem 2. August, nach dem Konzert des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau im Innenhof der Päpstlichen Sommerresidenz von Castel Gandolfo gehalten hat.

„Dem Guten können wir nur glauben, wenn wir es erfahren und als Realität erleben dürfen. In dieser Stunde haben wir das Gute und Schöne mit unserem Herzen angerührt.“

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Hochwürdiger Herr Dekan Kemmer,
sehr geehrte Musiker,
liebe Freunde!

Es ist heute wohl das erste Mal, daß ich nach einem so schönen Konzert nicht herzhaft applaudieren konnte. Um so mehr freut es mich, Herrn Albrecht Mayer und den Musikern des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau nun mit diesen Worten den Dank und die Bewunderung aller Anwesenden zum Ausdruck zu bringen. Ebenso danke ich Herrn Dekan Kilian Kemmer für seine Begrüßungsworte sowie allen, die dieses Konzert in Castel Gandolfo organisiert und ermöglicht haben.

Die große Faszination dieses Abends war für uns natürlich der Gesang der Oboe, den Sie, lieber Herr Mayer, uns in so meisterhafter Weise dargeboten haben.

Es war bewegend, wie aus einem Stück Holz, diesem Instrument, ein ganzer Kosmos von Musik entströmt:  das Abgründige und das Heitere, das Verspielte und das Ernste, das Große und das Demütige, der innere Dialog der Melodien.

Ich habe mir dabei gedacht, wie großartig es ist, daß in einem kleinen Stück Schöpfung eine solche Verheißung steckt, wenn der Meister sie einzulösen vermag. Und das bedeutet, daß die ganze Schöpfung voller Verheißungen ist und daß dem Menschen geschenkt ist, dieses Buch der Verheißungen wenigstens ein Stück weit aufzublättern. Ich denke, dieser Abend lädt uns ein, nicht nur die verständlichen Kräfte zu behalten, die uns helfen, die physikalischen Energien, die Verheißung der Schöpfung sind, herauszuholen, sondern auch die größeren, tieferen Verheißungen, wie sie diese Musik uns gezeigt hat, in der Wachheit des Herzens, die uns schenkt, auch dieses Stück Schöpfung zum Sprechen zu bringen.

Sie haben uns in dem Programmheft mit der Werkbeschauung ein wenig in die Werkstätte der Meister hineinschauen lassen. Ich denke, es ist für uns alle bewegend, zu denken, daß die Meister sich verhielten wie der gute Hausvater des Evangeliums, von dem der Herr spricht, daß sie Altes und Neues aus ihren Schätzen hervorholen, daß sie unter dem Drang ihrer Aufgaben nicht einfach immer Neues schaffen können, aber Altes neu bedenken und so neue Potentialitäten dessen sichtbar werden, was in dem vorigen Werk dagewesen war. Und dieses Konzert mit den Oboensoli war eine Fortführung dieser Fortschreibungen, wieder Potentialitäten aus dem Geschenkten neu ans Licht zu bringen, in denen Musik fortgeht, lebendig bleibt und in jeder Aufführung, und besonders auch in dieser Stunde, neu geboren wird.

Mir ist dabei ins Bewußtsein gekommen, daß wir heute in der Kirche den Portiunkula-Tag begehen, der an eine wunderbare Vision des hl. Franziskus erinnert:  In der kleinen Portiunkula-Kirche in Assisi sieht er den Herrn, seine Mutter und Engel um ihn herum. Er stellt ihm einen Wunsch frei. Und er bittet ihn, eine große Vergebung nach Hause tragen zu dürfen. Der Wunsch wird gewährt, er eilt heim und sagt voll Freude zu den Brüdern: Freunde, der Herr will euch alle im Paradies haben! Heute, denke ich, durften wir so etwas wie eine Paradiesesstunde verbringen. Eine Stunde lang gleichsam in das Paradies hineinschauen und hineinhören und in die unzerstörte Schönheit und Güte der Schöpfung. Dies ist nicht eine Flucht vor der Not dieser Welt und des Alltags, denn dem Bösen und Dunklen können wir nur widerstehen, wenn wir selbst dem Guten glauben.

Und dem Guten können wir nur glauben, wenn wir es erfahren und als Realität erleben dürfen. In dieser Stunde haben wir das Gute und Schöne mit unserem Herzen angerührt.

.... auf italienisch:
Liebe Freunde,
ich habe auf deutsch gesprochen, da die Musiker und ein großer Teil der Anwesenden aus Deutschland kommen. Leider trennen uns seit dem Turmbau zu Babel die Sprachen voneinander und schaffen Barrieren. Aber in dieser Stunde haben wir gesehen und gehört, daß es auch nach dem Turmbau und dem Hochmut von Babel einen unzerstörten Teil der Welt gibt, nämlich die Musik: Sie ist die Sprache, die wir alle verstehen können, da sie das Herz aller anrührt. Dies ist für uns nicht nur der sichere Beleg, daß die Güte und die Schönheit der Schöpfung Gottes nicht zerstört wurden, sondern daß wir dazu berufen und befähigt sind, für das Gute und Schöne zu arbeiten. Es ist für uns auch eine Verheißung, daß die künftige Welt kommen wird, daß Gott siegt, daß die Schönheit und die Güte siegen. Für diesen Trost und diese Stärkung in unserer täglichen Arbeit sind wir euch Musikern dankbar. Herzlichen Dank an euch alle! Ich wünsche euch einen guten Abend und eine schöne Woche.

 

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