Benedikt XVI.: Die Heilige Schrift veredelt die Vernunft, die der Reinigung bedarf

Die Gedankenwelt des irischen Theologen Johannes Scotus Eriugena

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ROM, 10. Juni 2009 (ZENIT.org).- Wahre Autorität und rechte Vernunft könnten sich nie widersprechen, da ihre gemeinsame Quelle Gott selbst sei, das heißt die göttliche Weisheit. Das betonte Papst Benedikt XVI. heute bei der Generalaudienz in Rom.

Mehr als 20.000 Pilgern und Besuchern brachte der Heilige Vater das Denken des irischen Theologen Johannes Scotus Eriugena näher, der im neunten Jahrhundert gelebt hatte. Durch das Lesen der Heiligen Schrift öffne „sich die Vernunft für einen sicheren Weg zur Wahrheit", hob der Heilige Vater hervor.

Die göttliche Weisheit sei in der Heiligen Schrift offenbar geworden, erklärte Papst Benedikt in seiner Katechese. Aus diesem Grund könne man ohne gründliche Analyse der biblischen Texte nicht verstehen, was Gott dem Menschen geschenkt habe. Außerdem erfordere eine solche Analyse auch die Bereitschaft zur Umkehr.

Von Johannes Scotus Eriugena wisse man nicht, wann er seine irische Heimat verlassen und den Ärmelkanal überquert habe, um zur Kultur der karolingischen Renaissance des 9. Jahrhunderts dazuzugehören. Nach Worten des Papstes war der Philosoph, der am Hof Karls des Kahlen gelebt hatte und um das Jahr 870 gestorben war, ein großer Kenner der lateinischen und griechischen patristischen Kultur. Besondere Aufmerksamkeit habe er den Schriften des Pseudo-Dionysius Areopagita zukommen lassen, einer „herausragenden Quelle für sein Denken". Dies habe zur Folge gehabt, dass es noch heute schwer sei, an einigen Stellen zu unterscheiden, ob es sich um das Denken des Dionysius oder des Eriugena handelt, der Dionysius durch Übersetzungen ins Lateinische bekannt gemacht hatte.

Der theologischen Arbeit des Eriugena sei nicht viel Glück beschieden gewesen. Grund dafür sei das Ende der Epoche der Karolinger gewesen sowie die kirchliche Zensur, die ihren Ursprung in der Tatsache gehabt habe, dass das Denken Eriugenas sich manchmal einer pantheistischen Sicht angenähert zu haben schien. Dennoch seien seine Absichten stets rechtgläubig gewesen, betonte der Papst. In seinen Werken könnten anregende theologische und geistliche Ansätze gefunden werden, die noch heute gültig seien. Seine Schriften seien vor allem wegen dem wichtig, was er als „auctoritas" präsentiere, wie auch hinsichtlich der von ihm hervorgehobenen Notwendigkeit, bei der Suche nach der Wahrheit unermüdlich fortzufahren.

Eriugena sei davon überzeugt gewesen, dass sich Autorität und Vernunft nie widersprechen könnten, dass die wahre Religion und die wahre Philosophie deckungsgleich seien. Diesbezüglich habe er auch die Mahnung ausgesprochen, dass kein autoritäres System von dem ablenken dürfe, was die vernünftige Betrachtung zu verstehen gebe.

Gott sei den Menschen in der Heiligen Schrift gegeben worden, was „nicht notwendig gewesen wäre, hätte der Mensch nicht gesündigt". Daraus ergebe sich, dass Gott den Menschen die Heilige Schrift aus einem „pädagogischen Grund" gegeben habe - damit sich der Mensch an das erinnere, was ihn der Sündenfall habe vergessen lassen.

Aus dieser Offenbarung ergäben sich für Eriugena einige ganz praktische Folgen für die Schriftauslegung, die, so Papst Benedikt XVI., auch heute aktuell seien. „Das Wort veredelt unsere Vernunft, die ein wenig blind ist." Durch die Schrift öffne sich für die Vernunft ein sicherer Weg zur Wahrheit, wenn sie ständig zur Umkehr bereit sei. Nur durch die ständige Reinigung des „Auges des Herzens und des Geistes" könne ein genaues Verständnis erworben werden. Dieser Weg bringe das vernünftige Geschöpf bis zur Schwelle des göttlichen Geheimnisses.

Das theologische Denken sei, so Benedikt XVI, der offensichtlichste Beweis für den Versuch, das unglaubliche Geheimnis Gottes zum Ausdruck zu bringen. Die vielen von Eriugena benutzten Metaphern bewiesen, wie sehr er sich der Unangemessenheit der Begriffe bewusst gewesen sei, mit denen die Menschen über diese Dinge sprächen. Es bleibe darüber hinaus noch die mystische Erfahrung und der „Zauber", der in der Heiligen Schrift zu entdecken sei.

Abschließend rief der Papst den Gläubigen das Wort des irischen Theologen in Erinnerung, mit dem dieser gemahnt hatte, „nichts anderes zu ersehen als die Freude der Wahrheit, die in Christus ist".

Die schlimmste Qual eines vernunftbegabten Wesens bestehe nämlich in der „Abwesenheit Christi". Dies seien Worte, so Benedikt XVI., die sich jeder Mensch von heute zu Eigen machen könnte und die die Sehnsucht des menschlichen Herzens treffend zum Ausdruck brächten.