Benedikt XVI.: Die menschliche Vernunft, „Teilhabe an der ewigen Vernunft Gottes“

Der Papst ruft vor Theologen die grundlegende Bedeutung des natürlichen Sittengesetzes in Erinnerung

| 1839 klicks

ROM, 5. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Benedikt XVI. empfing heute Vormittag die Mitglieder der Internationalen Theologenkommission, die sich vom 1. Oktober bis zum heutigen Tag in der „Domus Sancta Marthae“ im Vatikan zur jährlichen Vollversammlung versammelt hatten.



In seiner Ansprache erinnerte Papst Benedikt zunächst an die Veröffentlichung des Dokuments „Heilshoffnung für Kinder, die ohne Taufe sterben“, das Ergebnis der Arbeiten des siebten Quinquenniums der Theologenkommission. In diesem Dokument wird nach Worten des Heiligen Vaters das Problem der ungetauft gestorbenen Kinder im Kontext des universalen Heilswillens Gottes, der Universalität der einen Mittlerschaft Christi, des Vorranges der göttlichen Gnade und der Sakramentalität der Kirche behandelt.

Der Papst zeigte sich davon überzeugt, dass dieses Dokument für die Hirten der Kirche und für die Theologen ein nützlicher Bezugspunkt sei. Zugleich äußerte er, dass es „eine Hilfe und eine Trostquelle für die Gläubigen sein möge, die in ihren Familien den unerwarteten Tod eines Kindes erlitten haben, ehe dieses das Bad der Erneuerung empfangen konnte.“ Benedikt XVI. regte anschließend zu einer weiteren Vertiefung dieses Themas an.

Zu den weiteren Themen des Quinquenniums gehörten die Analyse der Identität, der Bedeutung und der Methode der Theologie sowie die Frage des natürlichen Sittengesetzes und des Naturrechts. Zum ersten großen Themenkreis hatte sich Benedikt XVI. bereits am 1. Dezember 2005 geäußert, bei seiner ersten Begegnung mit den Mitgliedern der Theologenkommission als Papst.

Heute kam der Heilige Vater deshalb auf das natürliche Sittengesetz zu sprechen. Er erklärte, dass der Beitrag der Internationalen Theologenkommission von verschiedenen Forschungsinstanzen mit großem Interesse erwartet werde. Sein Ziel sei es in erster Linie, die Grundlagen einer universalen Ethik darzulegen. Eine solche allgemeingültige Ethik gehöre „zum großen Erbe der menschlichen Weisheit, das in gewisser Weise eine Teilhabe des vernunftbegabten Geschöpfs am ewigen Gesetz Gottes darstellt“, so Papst Benedikt. Somit handle es sich nicht um etwas, was nur ein religiöses Bekenntnis beträfe, „auch wenn die Lehre vom natürlichen Sittengesetz im Licht der christlichen Offenbarung und der Vollendung des Menschen im Geheimnis Christi in ihrer Fülle erhellt und entwickelt wird“.

Benedikt XVI. verwies auf die Zusammenfassung der Kerninhalte der Lehre vom natürlichen Sittengesetz im Katechismus der Katholischen Kirche. Dort heißt es: „Die Kenntnis des göttlichen und natürlichen Sittengesetzes zeigt dem Menschen den Weg, an den er sich halten muss, um das Gute zu tun und sein Ziel zu erreichen. Das natürliche Sittengesetz drückt die ersten, wesentlichen Gebote aus, die das sittliche Leben regeln. Angelpunkt des Sittengesetzes ist das Verlangen nach Gott und die Unterordnung unter ihn, den Quell und Richter alles Guten, sowie der Sinn für den Mitmenschen als ein ebenbürtiges Wesen. In seinen Hauptgeboten wird es im Dekalog vorgelegt. Dieses Gesetz wird nicht in Bezug auf die Natur der vernunftlosen Wesen natürlich genannt, sondern weil die Vernunft, die es verkündet, zur menschlichen Natur gehört“ (1955).

Diese Lehre trägt nach Worten des Papstes dazu bei, dass einerseits verstanden wird, „dass der ethische Inhalt des christlichen Glaubens keine dem menschlichen Gewissen von außen her diktierte Auferlegung bedeutet, sondern dass er eine Norm darstellt, die ihren Grund in der Natur des Menschen selbst hat.“ Andererseits werde mit dem Naturrecht, das an sich für jedes Geschöpf zugänglich sei, die Basis gelegt, um mit allen Menschen guten Willens, der Zivilgesellschaft und der säkularen Gesellschaft in einen Dialog einzutreten.

Aufgrund von kulturellen und ideologischen Faktoren befinde sich die Zivilgesellschaft heute in einer Situation der Verlorenheit und Verwirrung, fuhr Benedikt XVI. fort. „Die ursprüngliche Evidenz der Fundamente des Menschsseins und seines ethischen Handelns sind verloren gegangen. Die Lehre vom natürlichen Sittengesetz tritt in Konflikt mit anderen Konzeptionen, die deren Leugnung darstellen.“ All dies habe schwer wiegende Folgen für die soziale und zivile Ordnung.

„Bei nicht wenigen Denkern scheint heute eine positivistische Konzeption des Rechts vorherrschend zu sein.“ Nach einer solchen Auffassung werde die Menschheit, die Gesellschaft oder die Mehrheit der Bürger „letzte Quelle des Zivilrechts“. Das Problem, das sich so für die Vertreter dieser Konzeption ergebe, sei nicht die Suche nach dem Guten, sondern die Suche nach der Macht oder nach dem Gleichgewicht der Mächte.

Die Wurzel für diese vorherrschende Denkströmung erkennt Benedikt XVI. im ethischen Relativismus, in dem einige sogar die Grundlage der Demokratie ausmachen wollten, insofern dieser Relativismus die Toleranz und die gegenseitige Achtung der Menschen gewährleiste.

„Die Geschichte zeigt mit großer Deutlichkeit, dass Mehrheiten irren können. Die wahre Vernünftigkeit wird nicht vom Konsens einer großen Zahl gewährleistet, sondern nur von der Transparenz der menschlichen Vernunft gegenüber der schöpferischen Vernunft und dem gemeinsamen Hören auf diese Quelle unserer Vernünftigkeit.“

Benedikt XVI warnte: Wenn die „fundamentalen Bedürfnisse der Würde des Menschen und seines Lebens, der Institution der Familie, der Gleichheit der sozialen Ordnung, das heißt die Grundrechte des Menschen auf dem Spiel stehen, so darf kein von Menschenhand geschaffenes Gesetz die vom Schöpfer in das Herz des Menschen eingeschriebene Ordnung umstoßen, ohne dass die Gesellschaft selbst auf dramatische Weise in dem getroffen wird, was ihre unverzichtbare Grundlage darstellt.“

Das Naturrecht ist in den Augen des Papstes der echte Garant, der dem Menschen geboten ist, um frei zu leben und in seiner Würde geachtet und vor jeglicher ideologischen Manipulation und vor jeglicher Willkür und Gewaltausübung seitens des Stärkeren bewahrt zu werden.

„Wenn es aufgrund einer tragischen Verdunkelung des kollektiven Gewissens“, so Benedikt XVI. am Ende seiner Ansprache vor den Theologen, „dem Skeptizismus und dem ethischen Relativismus gelänge, die grundlegenden Prinzipien des natürlichen Sittengesetzes auszulöschen, so wäre die demokratische Ordnung selbst radikal in ihren Wurzeln verletzt.“

Diese Verdunkelung des Gewissens entspreche einer Krise der menschlichen Zivilisation. Dagegen müssten alle Menschen guten Willens auftreten. Sie sollten sich „gemeinsam und nachhaltig dafür einsetzen, in der Kultur, der Zivilgesellschaft und der politischen Gesellschaft die notwendigen Bedingungen für ein volles Bewusstsein des unveräußerlichen Wertes des natürlichen Sittengesetzes zu schaffen“.

Von der Achtung des natürlichen Sittengesetzes „hängt das Fortschreiten der einzelnen Menschen und der Gesellschaft auf dem Weg des wahren Fortschritts gemäß der rechten Vernunft ab, die Teilhabe an der ewigen Vernunft Gottes ist“.