Benedikt XVI.: Die Postulatoren, berufen zum „Dienst der Wahrheit“

Ansprache beim Empfang des Postulatirenkollegiums der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse

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ROM, 18. Februar 2008 (ZENIT.org).- Aus Anlass der heute vorgestellten vatikanischen Instruktion über die Selig- und Heiligsprechungsprozesse veröffentlichen wird die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 19. Dezember 2007 an das Postulatorenkollegium der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse gehalten hat.

Die Aufgabe der Postulatoren ist, wie Papst Benedikt XVI. im Clementina-Saal feststellte, sowohl in der diözesanen als auch in der apostolischen Phase des Prozesses grundlegend.

„Die kirchliche und soziale Bedeutung, die in der Tatsache liegt, immer neue Vorbilder der Heiligkeit anzubieten, macht also die Arbeit derer, die bei den Heilig- und Seligsprechungsverfahren mitarbeiten, besonders wertvoll. Sie alle sind berufen, wenn auch mit unterschiedlichen Rollen, sich ausschließlich in den Dienst der Wahrheit zu stellen.“

 

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Herr Kardinal,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, euch, liebe Postulatoren und Postulatorinnen, zu empfangen und heiße euch herzlich willkommen. Ihr seid bei der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse akkreditiert, und gern ergreife ich die Gelegenheit, um euch meine Wertschätzung und Anerkennung für die Arbeit zum Ausdruck zu bringen, die ihr auf so lobenswerte Weise bei den Selig- und Heiligsprechungsverfahren leistet. Ich begrüße den Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, Kardinal José Saraiva Martins, und danke ihm für die freundlichen Worte, die er an mich gerichtet und durch die er eure gemeinsamen Empfindungen zum Ausdruck gebracht hat. Mit ihm begrüße ich den Sekretär, Erzbischof Michele Di Ruberto, den Untersekretär und die Beamten dieses Dikasteriums, das zur unverzichtbaren und fachkundigen Mitarbeit mit dem Nachfolger Petri in einem Bereich von großer kirchlicher Bedeutung berufen ist.

Die heutige Begegnung fällt gleichsam auf den Vorabend des 25. Jahrestages der Veröffentlichung der Apostolischen Konstitution Divinus perfectionis Magister. Mit diesem Dokument, das am 25. Januar 1983 veröffentlicht wurde und das noch immer in Kraft ist, wollte mein geliebter Vorgänger, der Diener Gottes Johannes Paul II., die Durchführung der Selig- und Heiligsprechungsverfahren revidieren und gleichzeitig für eine innere Neuordnung der Kongregation sorgen, die den wissenschaftlichen Ansprüchen und den Anliegen der Oberhirten entgegenkommen sollte. Diese hatten oftmals für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren mehr Beweglichkeit verlangt, jedoch unter Wahrung der Gründlichkeit der Erhebungen in diesem für das Leben der Kirche so wichtigen Bereich. Durch die Selig- und Heiligsprechungen dankt die Kirche nämlich Gott für die Gabe dieser seiner Kinder, die großherzig auf die göttliche Gnade zu antworten wußten; sie ehrt sie und ruft sie als Fürsprecher an. Gleichzeitig bietet sie diese leuchtenden Vorbilder allen Gläubigen zur Nachahmung an; alle sind durch die Taufe zur Heiligkeit berufen, sie ist das jedem Lebensstand dargebotene Ziel. Die Heiligen und die Seligen, die mit ihrem Leben Christus bekennen, seine Person und seine Lehre, und die eng mit ihm verbunden bleiben, sind gleichsam ein lebendiges Bild sowohl des einen als auch des anderen Aspekts der Vollkommenheit des göttlichen Meisters.

Gleichzeitig werden die kirchlichen Gemeinschaften, wenn sie auf so viele unserer Brüder und Schwestern schauen, die in allen Zeiten sich selbst vollkommen an Gott für sein Reich hingegeben haben, zu dem Bewußtsein geführt, daß auch in unserer Zeit Zeugen notwendig sind, dazu fähig, im konkreten täglichen Leben die ewige Wahrheit des Evangeliums zu verkörpern und daraus ein Heilswerkzeug für die ganze Welt zu machen. Auch darauf wollte ich hinweisen, als ich in der kürzlich veröffentlichten Enzyklika Spe salvi schrieb, »daß unser Tun nicht gleichgültig ist vor Gott und daher nicht gleichgültig für den Gang der Geschichte. Wir können uns und die Welt öffnen für das Hineintreten Gottes: der Wahrheit, der Liebe, des Guten. Das ist es, was die Heiligen taten, die als ›Mitarbeiter Gottes‹ zum Heil der Welt beigetragen haben« (Nr. 35). In den letzten Jahrzehnten gibt es ein zunehmendes religiöses und kulturelles Interesse an den Vorbildern der christlichen Heiligkeit, die das wahre Antlitz der Kirche zeigen, der Braut Christi »ohne Flecken oder Falten« (vgl. Eph 5,27). Wenn sie richtig in ihrer geistlichen Dynamik und in ihrer geschichtlichen Realität dargestellt werden, tragen die Heiligen dazu bei, das Wort des Evangeliums und die Sendung der Kirche glaubwürdiger und anziehender zu machen. Die Berührung mit ihnen öffnet den Weg für wahre geistliche Auferstehungen, dauerhafte Bekehrungen und eine Blüte neuer Heiliger. Die Heiligen bringen gewöhnlich andere Heilige hervor, und die Nähe zu ihnen oder auch nur zu ihren Spuren ist stets heilsam: Sie reinigt und erhebt den Geist und öffnet das Herz für die Liebe zu Gott und den Brüdern. Die Heiligkeit sät Freude und Hoffnung, sie antwortet auf den Durst nach Glück, den die Menschen auch heute verspüren.

Die kirchliche und soziale Bedeutung, die in der Tatsache liegt, immer neue Vorbilder der Heiligkeit anzubieten, macht also die Arbeit derer, die bei den Heilig- und Seligsprechungsverfahren mitarbeiten, besonders wertvoll. Sie alle sind berufen, wenn auch mit unterschiedlichen Rollen, sich ausschließlich in den Dienst der Wahrheit zu stellen. Aus diesem Grund müssen im Verlauf der Diözesanuntersuchung die Zeugen- und Urkundenbeweise gesammelt werden – sowohl die, die für die Heiligkeit und den Ruf der Heiligkeit oder des Martyriums der Diener Gottes sprechen, als auch die, die dagegen sprechen. Auf die Objektivität und die Vollständigkeit der Beweise, die in dieser ersten – und in gewisser Hinsicht grundlegenden – Phase des kanonischen Prozesses gesammelt werden, der unter der Verantwortlichkeit der Diözesanbischöfe stattfindet, müssen natürlich die Objektivität und die Vollständigkeit der »Positiones« folgen, die die Relatoren der Kongregation unter Mitarbeit der Postulationen vorbereiten. Die Aufgabe der Postulatoren ist also grundlegend, sowohl in der diözesanen als auch in der apostolischen Phase des Prozesses; ihre Arbeit muß einwandfrei sein, geprägt von Aufrichtigkeit und absoluter Ehrlichkeit. Von den Postulatoren wird fachliche Kompetenz, die Fähigkeit zur Entscheidungsfindung und Aufrichtigkeit verlangt, wenn sie den Bischöfen helfen, sowohl unter formalem als auch unter materiellem Gesichtspunkt vollständige, sachliche und gültige Untersuchungen einzuleiten. Nicht weniger heikel und wichtig ist die Hilfe, die sie dem Dikasterium für die Heilig- und Seligsprechungsprozesse bei der verfahrensmäßigen Suche nach der Wahrheit leisten. Diese muß durch eine angemessene Erörterung erlangt werden, die die zu erwerbende moralische Gewißheit und die real zur Verfügung stehenden Beweismittel in Betracht zieht.

Liebe Brüder und Schwestern, der Heilige Geist, Quelle und Urheber der christlichen Heiligkeit, erleuchte euch in eurer Arbeit. Die Jungfrau Maria, Mutter der Kirche, die Heiligen, die Seligen und die Diener Gottes, um deren Prozesse ihr euch kümmert, mögen vom Herrn erlangen, daß ihr sie stets mit Treue und Liebe zur Wahrheit verrichtet. Das Gebet für euch verbinde ich gern mit dem guten Wunsch, daß auch ihr selbst den Spuren der Heiligen folgen mögt, so wie mehrere Postulatoren es getan haben, deren Seligsprechungsprozeß im Gange ist. Das heilige Weihnachtsfest steht nun unmittelbar bevor, und so bringe ich abschließend euch, euren Angehörigen und denen, die euch nahestehen, meine besten Wünsche zum Ausdruck, während ich euch alle von Herzen segne.

 

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