Benedikt XVI.: Die Revolution der Liebe

„Das ist das Neue des Evangeliums, das die Welt verändert, ohne viel Lärm zu machen“

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ROM, 19. Februar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Sonntag zum Angelus-Gebet gehalten hat.



Der Heilige Vater betonte, dass die Feindesliebe, die Christus fordere, die menschliche Kraft zwar bei weitem übersteige, dass sie aber möglich und dringend notwendig sei. Die Feindesliebe mache den „Kern der ‚christlichen Revolution‘“ aus und komme aus der Liebe, die Gott dem ins Herz lege, der vorbehaltlos auf seine barmherzige Güte vertraue.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Das Evangelium dieses Sonntags enthält eines der typischsten und stärksten Worte der Verkündigung Jesu: „Liebt eure Feinde“ (Lk 6,27). Es ist dem Lukas-Evangelium entnommen, findet sich jedoch auch im Evangelium nach Matthäus (5,44) – in der programmatischen Rede, die mit den berühmten „Seligpreisungen“ anhebt. Jesus hielt sie zu Beginn seines öffentlichen Lebens in Galiläa: gleichsam ein allen vorgelegtes „Manifest“, zu dessen Zustimmung er seine Jünger auffordert, indem er ihnen in radikalen Begriffen sein Lebensmodell vorschlägt.

Was ist aber der Sinn dieses seines Wortes? Warum verlangt Jesus, die eigenen Feinde zu lieben, also eine Liebe, die die menschlichen Fähigkeiten übersteigt? In Wirklichkeit ist der Vorschlag Christi realistisch – weil er der Tatsache Rechnung trägt, dass es in der Welt zu viel Gewalt, zu viel Ungerechtigkeit gibt; diese Situation kann somit nur überwunden werden, wenn ihr ein Mehr an Liebe, ein Mehr an Gerechtigkeit entgegengestellt wird. Dieses „Mehr“ kommt von Gott. Es ist seine Barmherzigkeit, die in Jesus Fleisch angenommen hat und die allein die Welt weg vom Bösen hin zum Guten „aus dem Gleichgewicht“ bringen kann, angefangen bei jener kleinen und entscheidenden „Welt“, die das Herz des Menschen ist.

Richtigerweise wird dieser Abschnitt des Evangeliums als die „magna charta“ der christlichen Gewaltlosigkeit angesehen, die nicht darin besteht, sich dem Bösen zu ergeben – entsprechend einer falschen Interpretation des „Hinhaltens der anderen Wange“ (vgl. Lk 6,29) –, sondern darin, dem Bösen mit dem Guten zu antworten (vgl. Röm 12,17-21) und so die Kette der Ungerechtigkeit zu sprengen. So versteht man also, dass für die Christen die Gewaltlosigkeit keine rein taktische Verhaltensweise ist, sondern vielmehr eine Weise, Mensch zu sein; die Haltung dessen, der so sehr von der Liebe Gottes und ihrer Macht überzeugt ist, dass er keine Angst hat, dem Bösen nur mit den Waffen der Liebe und der Wahrheit entgegenzutreten.

Die Feindesliebe bildet den Kern der „christlichen Revolution“, einer Revolution, die nicht auf den Strategien der wirtschaftlichen und politischen Macht oder der Macht der Medien gründet. Es geht um die Revolution der Liebe – einer Liebe, die im Grunde nicht auf menschlichen Ressourcen beruht, sondern ein Geschenk Gottes ist, das man erhält, wenn man einzig und vorbehaltlos auf seine barmherzige Güte vertraut. Ja, das ist das Neue des Evangeliums, das die Welt verändert, ohne viel Lärm zu machen. Das ist das Heldentum der „Kleinen“, die an die Liebe Gottes glauben und sie verbreiten – sogar auf Kosten des eigenen Lebens!

Liebe Brüder und Schwestern, die Fastenzeit, die am kommenden Mittwoch mit dem Ritus der Aschenauflegung beginnen wird, ist eine geeignete Zeit, in der alle Christen dazu eingeladen sind, sich immer tiefer zur Liebe Christi zu bekehren. Bitten wir die Jungfrau Maria, folgsame Jüngerin des Erlösers, auf dass sie uns helfe, uns ohne Vorbehalte von jener Liebe erobern zu lassen; zu lernen, so zu lieben, wie Er uns geliebt hat, um barmherzig zu sein, wie unser Vater im Himmel barmherzig ist (vgl. Lk 6,36).

[Auf Deutsch sagte der Heilige Vater:]

Ein herzliches „Grüß Gott“ sage ich allen Pilgern und Besuchern deutscher Zunge. Der Gottesdienst ist die Hochform der Verkündigung des Wortes Gottes. Im Tagesgebet der heutigen Sonntagsliturgie bitten wir den Herrn, dass er uns bereit mache, über sein Wort nachzusinnen, damit wir stets reden und tun, was Gott gefällt. Dabei leitet uns das Vorbild der jungfräulichen Mutter Jesu, die sich ganz unter sein Wort gestellt hat.

Der Herr schenke euch allen einen gesegneten Aufenthalt hier in Rom und geleite euch stets auf allen Wegen!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]