Benedikt XVI.: Die Suche nach Gott ist das Fundament Europas

Wissenschaft darf von Gott nicht getrennt werden

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PARIS, 13. September 2008 (ZENIT.org).- Vor über 700 französischen Intellektuellen und Vertretern der Welt der Kultur, unter ihnen auch die ehemaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac und Giscard D’Estaing, hielt Papst Benedikt XVI. am gestrigen Nachmittag die wohl am meisten erwartete Ansprache seiner Pastoralreise nach Frankreich. Am gleichen Tag vor zwei Jahren hatte er seine berühmte Rede von Regensburg gehalten.

Diesmal ging es um den Ursprung der abendländischen Theologie und die Wurzeln der europäischen Kultur. Benedikt XVI. betonte, dass eine bloß positivistische Kultur, die die Frage nach Gott als unwissenschaftlich ins Subjektive abdränge, die Kapitulation der Vernunft wäre, der Verzicht auf ihre höchsten Möglichkeiten und damit ein Absturz der Humanität, dessen Folgen nur schwerwiegend sein könnten. Das, was die Kultur Europas begründet habe – die Suche nach Gott und die Bereitschaft, ihm zuzuhören – bleibe auch heute die Grundlage wahrer Kultur. Die Spannung von Bindung und Freiheit bleibe dabei als Aufgabe auch der heutigen Generation gegenüber den Polen von subjektiver Willkür und fundamentalistischem Fanatismus neu aufgegeben.

Benedikt XVI. entwickelte in seiner „lectio magistralis“seinen Gedankengang anhand zweier Worte: der Wort der Kultur und dem „Wort“ selbst, dem Logos der Schrift. Es gebe Dimensionen der Bedeutung des Wortes und der Wörter, die sich nur in der gelebten Gemeinschaft dieses Geschichte stiftenden Wortes öffneten, erklärte er. Durch das zunehmende Wahrnehmen der verschiedenen Sinndimensionen werde das Wort nicht entwertet, sondern erscheine erst in seiner ganzen Größe und Würde. So sei das das Christentum nicht einfach eine Buchreligion im klassischen Sinn; es vernehme in den Wörtern das Wort, den Logos selbst, der sein Geheimnis durch diese Vielfalt hindurch ausbreite.

Diese eigentümliche Struktur der Bibel ist nach Worten des Papstes eine immer neue Herausforderung an jede Generation. Sie schließe von ihrem Wesen her all das aus, was heute „Fundamentalismus“ genannt werde. „Denn das Wort Gottes selber ist nie einfach schon in der reinen Wörtlichkeit des Textes da. Zu ihm zu gelangen verlangt eine Transzendierung und einen Prozess des Verstehens, der sich von der inneren Bewegung des Ganzen leiten lässt und daher auch ein Prozess des Lebens werden muss. Immer nur in der dynamischen Einheit des Ganzen sind die vielen Bücher ein Buch, zeigt sich im Menschenwort und in der menschlichen Geschichte Gottes Wort und Gottes Handeln in der Welt.“

Der Papst wies diesbezüglich darauf hin, dass der Ort seiner Ansprache mit der Kultur des Mönchtums zu tun habe. Allerdings sei das Ziel der Mönche nicht gewesen, Kultur zu schaffen. Ihr Ziel hieß: „quaerere Deum“ – nach Gott suchen. „In der Wirrnis der Zeiten, in der nichts standzuhalten schien, wollten sie das Wesentliche tun – sich bemühen, das immer Gültige und Bleibende, das Leben selber zu finden. Sie waren auf der Suche nach Gott.“ Diese Suche habe zum Wort geführt. Es sei notwendig gewesen zu lernen, in das Geheimnis der Sprache einzudringen, sie in ihrem Aufbau und in der Weise ihres Ausdrucks zu begreifen. So würden gerade durch die Gottsuche die profanen Wissenschaften wichtig, die den Weg zur Sprache aufzeigten.

Aus diesem Grund seien Schule und Bibliothek im Kloster vereint: „Das Kloster dient der eruditio, der Formung und Bildung des Menschen – Formung letztlich darauf hin, dass der Mensch Gott zu dienen lerne. Aber dies schließt gerade auch die Formung des Verstandes, die Bildung ein, durch die der Mensch in den Wörtern das eigentliche Wort wahrzunehmen lernt.“

Das Wort Gottes, so Papst Benedikt, führe zum Gebet, und das Gebet verlange nach Musik. Aus diesem inneren Anspruch des Redens mit Gott und des Singens von Gott mit den von ihm selbst geschenkten Worten sei die große abendländische Musik entstanden. Und dabei sei es nicht um private „Kreativität“ gegangen, „in der das Individuum sich selbst ein Denkmal setzt und als Maßstab wesentlich die Darstellung des eigenen Ich nimmt“. Es sei vielmehr darum gegangen, wachsam mit den „Ohren des Herzens“ die inneren Gesetze der Musik der Schöpfung selbst, die vom Schöpfer in seine Welt und in den Menschen gelegten Wesensformen der Musik zu erkennen und so die gotteswürdige Musik zu finden, „die zugleich dann wahrhaft des Menschen würdig ist und seine Würde rein ertönen lässt“.

Der Papst betonte, dass die Schrift der Auslegung und der Gemeinschaft bedürfe, in der sie geworden sei und in der sie gelebt werde. Durch das zunehmende Wahrnehmen der verschiedenen Sinndimensionen werde das Wort nicht entwertet, sondern erscheine erst in seiner ganzen Größe und Würde.

Freiheit und Bindung seien eine Grundgegebenheit, die über das Problem der Schriftauslegung hinausgingen und das Denken und Wirken des Mönchtums bestimmt und die abendländische Kultur geprägt hätten.

Ausgehend von den Grundprinzipien des Mönchtums zog Benedikt XVI. drei grundlegende Schlussfolgerungen für die moderne Gesellschaft.

Zum ersten wäre es verhängnisvoll, wenn die europäische Kultur von heute Freiheit nur noch als Bindungslosigkeit auffassen könnte und damit unvermeidlich dem Fanatismus und der Willkür in die Hand spielen würde. Bindungslosigkeit und Willkür seien nicht Freiheit, sondern deren Zerstörung.

Dann verweise das benediktinische Motto des „ora et labora“ darauf, dass der eine, der wirkliche und einzige Gott auch Schöpfer sei: „Er, der eine, Gott arbeitet; er arbeitet weiter in und an der Geschichte der Menschen. In Christus tritt er als Person in die mühselige Arbeit der Geschichte ein.“ Gerade so habe das Mönchtum eine „Kultur der Arbeit“ entwickelt.

Diese Kultur der Arbeit sei zum dritten derart, dass ohne sie das Werden Europas, sein Ethos und seine Weltgestaltung nicht zu denken seien. Dazu gehöre, dass Arbeit und Geschichtsgestaltung des Menschen Mit-Arbeiten mit dem Schöpfer bedeute und von Gott her Maß nehme. Und „wo dieses Maß fehlt und der Mensch sich selber zum gottartigen Schöpfer erhebt, kann Weltgestaltung schnell zur Weltzerstörung werden.“

Zum Abschluss seiner Ansprache kehrte Benedikt XVI. auf die Suche nach Gott zurück, die er als die eigentlich philosophische Haltung bezeichnete – „über das Vorletzte hinauszuschauen und sich auf die Suche nach dem Letzten und Eigentlichen zu machen“.

Deshalb müsse es „Verkündigung geben, die den Menschen anredet und so Überzeugung schafft, die Leben werden kann. Damit sich ein Weg ins Innere des biblischen Wortes als Gotteswort öffne, muss dieses Wort selbst zunächst nach außen gesprochen werden.“ Der christliche Glaube gebe auf diese Weise Auskunft über die „Vernunft der Hoffnung“.

Missionarische Verkündigung sei nicht Propaganda und habe nicht das Ziel, eine bestimmte Gruppe zu vergrößern. Vielmehr sei sie eine innere Notwendigkeit, die sich aus dem Wesen des Glaubens ergebe: „Der Gott, dem die ersten Christen glaubten, war der Gott aller, der eine, wirkliche Gott, der sich in der Geschichte Israels und schließlich in seinem Sohn gezeigt und damit die Antwort gegeben hatte, die alle betraf und auf die alle Menschen im Innersten warten.“

Das Tiefste menschlichen Denkens und Empfindens wisse irgendwie, dass es Gott geben müsse, so Papst Benedikt; dass am Anfang aller Dinge nicht die Unvernunft, sondern die schöpferische Vernunft stehen müsse; nicht der blinde Zufall, sondern die Freiheit.

„Das Neue der christlichen Verkündigung ist, dass sie nun allen Völkern sagen darf: Er hat sich gezeigt. Er selbst. Und nun ist der Weg zu ihm offen. Die Neuheit der christlichen Verkündigung besteht in einem Faktum: Er hat sich gezeigt. Aber dies ist kein blindes Faktum, sondern ein Faktum, das selbst Logos – Gegenwart der ewigen Vernunft in unserem Fleisch ist.“

Heute sei es so, dass Gott wirklich für viele der große Unbekannte geworden sei. Wie zur Zeit des Paulus aber sei auch die gegenwärtige Abwesenheit Gottes im Stillen von der Frage nach ihm bedrängt: „Quaerere Deum – Gott suchen und sich von ihm finden lassen, das ist heute nicht weniger notwendig denn in vergangenen Zeiten.“