Benedikt XVI.: Die Universität als „Wiege des echten Humanismus“

Begegnung mit Professoren und Rektoren von europäischen Universitäten im Vatikan

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ROM, 25. Juni 2007 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. empfing am Samstag die Professoren und Rektoren der europäischen Universitäten, die in Rom an der internationalen Tagung „Ein neuer Humanismus für Europa. Die Rolle der Universitäten“ teilnahmen. Die internationale Begegnung, die vom Rat der Europäischen Bischofskonferenzen gefördert wurde, war vom Vikariat der Diözese Rom und vom römischen Amt für die Studentenpastoral gemeinsam organisiert worden.



Benedikt XVI. hob in seiner Ansprache hervor, dass sich die europäische Universität wieder ihrer Tradition besinnen müsse, die sie zur „echten Wiege des Humanismus“ gemacht hat und auf den Werten des Christentums gründet. Es sei Aufgabe der Universität, die „Krise der Moderne“ eingehend zu erforschen; bei dieser Bemühung sollte das Zusammenwirken von Glaube und Vernunft zugelassen werden, um so auf die kulturellen und geistlichen Bedürfnisse des Menschen zu antworten.

Europa mache gegenwärtig die Erfahrung einer gewissen sozialen Unbeständigkeit sowie des Misstrauens gegenüber den traditionellen Werten, erklärte Papst Benedikt. Die Universität könne dank ihrer Geschichte und ihrer akademischen Einrichtungen einen großen Beitrag zur „Gestaltung einer Zukunft der Hoffnung“ leisten.

Die „Frage nach dem Menschen“ ist nach Worten Benedikts XVI. „für ein richtiges Verständnis der gegenwärtigen kulturellen Prozesse“ von zentraler Bedeutung. Sie bilde ebenso einen Ausgangspunkt für die Anstrengungen der Universitäten, eine neue kulturelle Präsenz zu werden und im Dienst eines stärker geeinten Europas zu wirken. Die Förderung eines neuen Humanismus erfordert in den Augen des Heiligen Vaters ein „klares Verständnis dessen, was diese ‚Neuheit‘ heute verkörpert“.

Die Schaffung eines „neuen Humanismus“ verlange nach der ernsthaften Auseinadersetzung mit der Tatsache, dass „Europa heute die Erfahrung einer massiven kulturellen Umschichtung macht, in der sich Männer und Frauen immer mehr ihrer Berufung bewusst sind, sich aktiv für die Gestaltung ihrer eigenen Geschichte zu engagieren“. Europa müsse seine echte Tradition bewahren und sich ihrer wieder bemächtigen, wenn es seiner Berufung, Wiege des Humanismus zu sein, treu bleiben wolle.

Benedikt XVI. legte drei grundlegende Ziele dar, denen die Universitäten in der heutigen Zeit großer Veränderungen gerecht werden sollten.

Zunächst rief er dazu auf, die „Krise der Moderne“ auszuleuchten. Diese aktuelle Krise hat für den Papst weniger mit der Tatsache zu tun, dass die Moderne die zentrale Stellung des Menschen und seiner Angelegenheiten betont; es geht ihm dabei vielmehr um die Probleme, die mit einem „Humanismus“ in Zusammenhang stehen, der beansprucht, „ein ‚regnum hominis‘ [‚Herrschaft des Menschen‘, Anm. d. Red.] zu errichten, das von seinem notwendigen ontologischen Fundament losgelöst ist“. Diesbezüglich stellte Papst Benedikt fest: „Eine falsche Dichotomie zwischen Theismus und Humanismus, die zum Extrem eines unversöhnlichen Konflikts zwischen dem göttlichen Gesetz und der menschlichen Freiheit kommt, hat zu einer Situation geführt, in der sich die Menschheit aufgrund all ihres wirtschaftlichen und technischen Fortschritts zutiefst bedroht fühlt.“

Der Anthropozentrismus, der die Moderne charakterisiere, dürfe jedoch nie von einer Anerkennung der vollen Wahrheit über den Menschen getrennt werden. Und diese Wahrheit schließe die menschliche Berufung zur Transzendenz ein.

Das zweite Ziel, das Benedikt XVI. erwähnte, betrifft die Ausweitung unseres Verständnisses von der Vernünftigkeit. Angesichts der Veränderungen innerhalb der zeitgenössischen Kultur bedürfe es eines kritischen Verfahrens hinsichtlich reduzierender und im Letzten irrationaler Versuche, das Betätigungsfeld der Vernunft zu begrenzen. Der Begriff der Vernunft müsse „ausgeweitet“ werden, um dazu in der Lage zu sein, jene Aspekte der Wirklichkeit zu erforschen und zu umfassen, die über die rein empirischen Dimensionen hinausgehen. Auf diese Weise sei ein „fruchtbareres und sich gegenseitig ergänzendes Verständnis der Beziehung zwischen Glauben und Vernunft möglich“.

Das dritte Ziel besteht nach Papst Benedikt darin, das Wesen des Beitrags zu erforschen, den das Christentum im Hinblick auf die Schaffung des „Humanismus der Zukunft“ leisten kann. Die Frage nach dem Menschen und somit nach der Moderne veranlasse die Kirche dazu, wirksame Wege zu entwerfen, um der heutigen Kultur den „Realismus“ des Glaubens an das Heilswerk Christi zu verkünden.

„Das Christentum darf nicht zur Welt von Mythen und Emotionen degradiert werden, sondern es muss wegen seines Anspruchs respektiert werden, Licht auf die Wahrheit über den Menschen zu werfen, in der Lage zu sein, Männer und Frauen geistlich umzuformen und sie auf diese Weise fähig zu machen, sich ihrer Berufung in der Geschichte anzunehmen.“

In Europa wie anderswo habe die Gesellschaft dringenden Bedarf nach dem „Wissensdienst“, den die universitäre Gemeinschaft für eine Zivilisation der Liebe leiste. Insbesondere die Universitätsprofessoren sind nach Worten des Papstes dazu berufen, „die Tugend der intellektuellen Klarheit zu verkörpern und ihre vorrangige Berufung darin zu finden, die zukünftigen Generationen nicht nur durch Wissensvermittlung auszubilden, sondern durch das prophetische Zeugnis ihrer Lebens“.

Die Universität sollte immer „universitas“ sein, in der die verschiedenen Disziplinen als Teil eines „unum“, das heißt eines Ganzen, betrachtet werden. Dies sei notwendig, um der Tendenz zur Fragmentierung und mangelnder Kommunikation in den Universitäten entgegenzuwirken.

Am Schluss seiner Ansprache brachte der Papst seinen Wunsch zum Ausdruck, dass die Universitäten „Laboratorien der Kultur“ seien. Gleichzeitig zeigte sich Benedikt XVI. davon überzeugt, dass eine größere Zusammenarbeit zwischen den einzelnen akademischen Gemeinschaften gerade den katholischen Universitäten die Möglichkeit eröffne, von der geschichtlichen Fruchtbarkeit der Begegnung von Glaube und Vernunft Zeugnis zu geben.