Benedikt XVI.: Die Universität und das Vorbild des heiligen Augustinus

Ansprache an der Universität von Padua

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ROM, 25. Mai 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 22. April im „Cortile Teresiano“ der Universität von Pavia gehalten hat.



Der Heilige Vater ermutigte den Lehrkörper und die Studenten, sich aktiv zu engagieren und „ihren Beitrag zu leisten zum christlich geprägten ‚kulturellen Projekt‘, das die Kirche in Italien und in Europa fördert. Jede Universität habe „von ihrem Wesen her eine gemeinschaftliche Berufung“; sie müsse auf den Menschen ausgerichtet sein und ihm helfen „herauszufinden, was das Leben ist, zu wissen, wie man leben soll“.

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Sehr verehrter Herr Rektor,
verehrte Professoren, liebe Studenten!

Auf meiner wenn auch kurzen Pastoralreise nach Pavia durfte ein Aufenthalt in dieser Universität, die seit Jahrhunderten ein bezeichnender Bestandteil eurer Stadt ist, nicht fehlen. Ich freue mich daher, bei euch zu sein für diese Begegnung, der ich einen besonderen Wert beimesse, da ich selbst aus der akademischen Welt komme. Ich grüße mit herzlicher Ehrerbietung die Professoren und an erster Stelle den Rektor, Prof. Angiolino Stella, dem ich für die freundlichen Worte danke, die er an mich gerichtet hat. Ich grüße die Studenten, insbesondere den jungen Mann, der die Empfindungen der anderen Universitätsstudenten zum Ausdruck gebracht hat. Er hat mir Gewißheit gegeben über den Mut zur Hingabe an die Wahrheit, den Mut, über die Grenzen des Bekannten hinaus zu forschen und nicht vor der Schwachheit der Vernunft zu kapitulieren. Und ich bin sehr dankbar für diese Worte. Ich schließe in meinen Gruß und meine guten Wünsche auch diejenigen ein, die zu eurer akademischen Gemeinschaft gehören und die heute nicht hier anwesend sein konnten.

Eure Universität ist eine der ältesten und berühmtesten italienischen Universitäten, und – ich wiederhole, was der Herr Rektor bereits gesagt hat – zu den Dozenten, die ihr Ehre verschafft haben, zählen Persönlichkeiten wie Alessandro Volta, Camillo Golgi und Carlo Forlanini. Gern rufe ich auch in Erinnerung, daß diese Universität Dozenten und Studenten hatte, die sich auszeichneten durch ihr überragendes geistliches Format. Zu ihnen gehören Michele Ghislieri, der spätere Papst Pius V., der hl. Karl Borromäus, der hl. Alessandro Sauli, der hl. Riccardo Pampuri, die hl. Gianna Beretta Molla, der sel. Contardo Ferrini und der Diener Gottes Teresio Olivelli.

Liebe Freunde, jede Universität hat von ihrem Wesen her eine gemeinschaftliche Berufung: In der Tat ist sie eine »universitas«, eine Gemeinschaft von Dozenten und Studenten, die sich der Suche nach der Wahrheit und dem Erwerb hoher kultureller und fachlicher Kompetenz widmen. Die Zentralität der Person und die gemeinschaftliche Dimension sind zwei Pole, die beide gleichermaßen wesentlich sind für eine wirkungsvolle Gestaltung der »universitas studiorum«. Jede Universität sollte stets ihre Eigenschaft als Studienzentrum bewahren, das »auf den Menschen zugeschnitten ist«, in dem der Student als Person vor der Anonymität geschützt ist und einen fruchtbaren Dialog mit den Dozenten pflegen kann, aus dem er Anregungen erhält für sein kulturelles und menschliches Wachstum.

Diesem Ansatz entspringen einige praktische Aspekte, die miteinander verbunden sind. Zunächst einmal ist es sicher, daß die Aufsplitterung der Fächer in Spezialgebiete nur dann überwunden und eine einheitliche Sicht des Wissens zurückgewonnen werden kann, wenn der Mensch in den Mittelpunkt gestellt wird und der Dialog sowie die zwischenmenschlichen Beziehungen Wertschätzung erhalten. Die Fachbereiche neigen natürlich, und auch zu recht, zur Spezialisierung, während die Person Einheit und Synthese braucht. Zweitens ist es von grundlegender Bedeutung, daß die wissenschaftliche Forschung sich der existentiellen Sinnfrage für das Leben des Menschen öffnen kann. Die Forschung ist auf Erkenntnis ausgerichtet, während der Mensch auch die Weisheit braucht, jenes Wissen also, das im »Zu-leben-wissen« zum Ausdruck kommt. Drittens kann nur durch die Wertschätzung des Menschen und der zwischenmenschlichen Beziehungen der didaktische Umgang zum erzieherischen Verhältnis, zu einem Weg menschlichen Heranreifens werden. Die Struktur nämlich begünstigt das Mitteilen, während die Personen den Austausch suchen.

Ich weiß, daß es diese Aufmerksamkeit gegenüber dem Menschen, seiner ganzheitlichen Lebenserfahrung und seinem Streben nach Gemeinschaft in der Pastoralarbeit der Kirche in Pavia im kulturellen Bereich sehr wohl gibt. Das bezeugt die Arbeit der christlich geprägten Universitätskollegien. Unter diesen möchte auch ich das »Collegio Borromeo« erwähnen, das auf Wunsch des hl. Karl Borromäus entstand, mit Gründungsbulle Papst Pius’ IV., sowie das »Collegio Santa Caterina«, das von der Diözese Pavia gegründet wurde auf Wunsch des Dieners Gottes Paul VI., mit maßgeblichem Beitrag durch den Heiligen Stuhl. Wichtig ist in diesem Sinne auch die Arbeit der Pfarrgemeinden und der kirchlichen Bewegungen, insbesondere des »Centro Universitario Diocesano« und der »FUCI«: Ihre Arbeit ist darauf ausgerichtet, den Menschen in seiner Gesamtheit anzunehmen, harmonische Wege für die menschliche, kulturelle und christliche Bildung vorzuschlagen und Raum zu bieten für Austausch, Diskussion und Gemeinschaft. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um Studenten und Dozenten einzuladen, sich nicht nur als Gegenstand pastoraler Aufmerksamkeit zu fühlen, sondern aktiv teilzunehmen und ihren Beitrag zu leisten zum christlich geprägten »kulturellen Projekt «, das die Kirche in Italien und in Europa fördert.

Bei dieser Begegnung mit euch, liebe Freunde, denke ich unwillkürlich an den hl. Augustinus, der zusammen mit der hl. Katharina von Alexandrien Mitpatron dieser Universität ist. Augustinus’ existentieller und intellektueller Weg bezeugt das fruchtbare Zusammenwirken von Glaube und Kultur. Der hl. Augustinus war ein Mensch, der beseelt war vom unermüdlichen Wunsch, die Wahrheit zu finden, herauszufinden, was das Leben ist, zu wissen, wie man leben soll, den Menschen kennenzulernen. Und eben aufgrund seiner Leidenschaft für den Menschen hat er notwendigerweise Gott gesucht, weil nur im Licht Gottes auch die Größe des Menschen, die Schönheit des Abenteuers, Mensch zu sein, vollends aufscheinen kann. Dieser Gott schien ihm anfangs sehr weit entfernt zu sein. Dann hat er ihn gefunden: Dieser große, unnahbare Gott ist nahe geworden, ist einer von uns geworden. Der große Gott ist unser Gott, ist ein Gott mit einem menschlichen Antlitz. So hat der Glaube an Christus seiner Philosophie, seinem intellektuellen Mut kein Ende gesetzt, sondern er hat ihn im Gegenteil gedrängt, weiter nach den Tiefen des Menschseins zu suchen und anderen zu helfen, gut zu leben und das Leben, die Kunst zu leben, zu finden. Das war für ihn die Philosophie: zu leben wissen mit der ganzen Vernunft, mit der ganzen Tiefe unseres Denkens und unseres Wollens und sich führen lassen auf dem Weg der Wahrheit, der ein Weg des Mutes, der Demut, der ständigen Läuterung ist. Der Glaube an Christus hat Augustinus’ ganzes Suchen zum Abschluß gebracht, zum Abschluß in dem Sinne jedoch, daß er stets unterwegs geblieben ist. Es heißt sogar: Auch in der Ewigkeit wird unser Suchen nicht beendet sein; es wird ein ewiges Abenteuer sein, neue Herrlichkeiten, neue Schönheiten zu entdecken. Er hat das Psalmwort: »Sucht sein Antlitz allezeit« ausgelegt und gesagt: Das gilt für die Ewigkeit; und die Schönheit der Ewigkeit ist, daß sie keine statische Realität ist, sondern ein unendliches Fortschreiten in der unendlichen Schönheit Gottes. So konnte er Gott finden – als gründende Vernunft, aber auch als die Liebe, die uns umarmt, die uns führt und die der Geschichte und unserem persönlichen Leben Sinn verleiht.

Heute morgen hatte ich Gelegenheit zu sagen, daß diese Liebe zu Christus seinem persönlichen Einsatz Form gegeben hat. Von einem durch die Suche geprägten Leben ist er zu einem Leben hinübergewechselt, das ganz Christus hingegeben war – und somit zu einem Leben für die anderen. Er hat entdeckt – das war seine zweite Bekehrung –, daß die Bekehrung zu Christus bedeutet, nicht für sich selbst zu leben, sondern wirklich im Dienst aller zu stehen. Der hl. Augustinus möge uns, gerade auch der akademischen Welt, Vorbild für einen Dialog zwischen Vernunft und Glauben sein, Vorbild für einen umfassenden Dialog, der allein die Wahrheit und somit auch den Frieden suchen kann. Mein verehrter Vorgänger Johannes Paul II. sagte in der Enzyklika Fides et ratio: »Dem Bischof von Hippo gelang es, die erste große Synthese des philosophischen und theologischen Denkens zu erstellen, in die Strömungen des griechischen und lateinischen Denkens einflossen. Auch bei ihm wurde die große Einheit des Wissens, deren Ausgangspunkt und Grundlage das biblische Denken war, von der Gründlichkeit des spekulativen Denkens bestätigt und getragen« (Nr. 40). Ich rufe also die Fürbitte des hl. Augustinus an, damit die Universität von Pavia sich stets auszeichnen möge durch eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber dem Menschen, durch eine betont gemeinschaftliche Dimension in der wissenschaftlichen Forschung und durch einen fruchtbaren Dialog zwischen Glauben und Kultur. Ich danke euch für eure Anwesenheit, und mit den besten Wünschen für eure Studien erteile ich euch allen meinen Segen, in den ich eure Familienangehörigen und alle euch nahestehenden Menschen einschließe.

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]