Benedikt XVI. empfängt US-Bischöfe in Audienz

Vernunft und Glaube müssen wieder zusammenfinden.

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Von Stefano Fontana
Direktor des Internationalen Observatoriums Kardinal Van Thuan über die Christliche Soziallehre

ROM, Donnerstag, 27. Januar 2012 (ZENIT.org). - Die Ansprache von Benedikt XVI. an eine Gruppe katholischer Bischöfe der USA bei deren Ad-limina Besuch am vergangenen Donnerstag kann als kleine Summe der Beziehung zwischen Glaube und Politik sowie als Einladung an die Gläubigen zu einem kontinuierlichen Engagement betrachtet werden. Vier knappe Lehren von großer Aussagekraft und auf jeden anderen sozialen und politischen Kontext übertragbar, zeugen von beispielhafter doktrinärer und praktischer Klarheit. Der Papst ging von dem Gedanken aus, dass „unsere Tradition nicht von blindem Glauben spricht, sondern von einer rationalen Perspektive, die unser Engagement für eine wirklich gerechte, menschliche und blühende Gesellschaft mit unserer grundsätzlichen Gewissheit, dass der Kosmos eine innere Logik besitzt, die dem menschlichen Verstand zugänglich ist, verbindet“.

Es ist Ratzingers Thema par excellence: Wir sind nicht verloren in einem sinnlosen Weltall, die Realität verströmt ein Licht und eine Sprache, die wir „verstehen“ können und die für uns einen festgelegten Wert hat: das Gesetz der Natur. Dieses „ist keine Bedrohung für unsere Freiheit, sondern eine ‚Sprache’, die uns erlaubt, uns selbst und die Wahrheit unseres Seins zu verstehen und somit eine gerechtere und menschlichere Welt zu gestalten.“ Wenn die Gläubigen diese „Sprache“ hören, vernehmen sie dieselbe Stimme, die auch alle anderen Menschen vernhemen, die Sprache der Natur. Sie wissen jedoch, dass diese Stimme in gewisser Weise die Stimme des Schöpfers ist, und das gibt ihnen mehr Sicherheit, wenn der Verstand vernebelt ist und Ideologien oder persönliche Interessen die Oberhand gewinnen, und hilft ihnen, besser auf dieses Gesetz zu hören und es zu achten. Die Christen können unmöglich dem Naturgesetz widersprechen, sie wollen es im Gegenteil im Licht der Offenbarung noch mehr unterstützen, denn „es gibt kein irdisches Reich, das sich dem Schöpfer und seiner Herrschaft entziehen kann“.

Dieser letzte Satz von Benedikt XVI. geht zurück auf „Gaudium et Spes“ des II. Vatikanischen Konzils. Diese Konstitution ist bekanntlich oft als eine Art neuer Entwurf gegenüber der bisherigen Tradition für die „Autonomie“ der Welt in Bezug auf die Religion ausgelegt worden. Benedikt XVI. nimmt gerade sie zum Anlass, um zu sagen, dass diese Autonomie nicht als „vollständige Autonomie“ verstanden werden kann, weil die Berufung der christlichen Religion gerade dies nicht zulässt, dass irdische Angelegenheiten der Herrschaft des Schöpfer entzogen werden. Da sie irdischer Art sind, besitzen sie zwar eine gewisse Autonomie und vermischen sich nicht mit dem Reich Gottes; andererseits sind sie vom Schöpfer abhängig und erfordern von Natur aus, dass die christliche Religion eine öffentliche Rolle spielt. Es liegt im Naturgesetz selbst, nicht die Abhängigkeit von etwas Höherem und Absoluten zu verlieren, sonst würde es zum Spielball der von menschlichen Interessen verursachten Missbildungen.

Das ist ein Aspekt, den Benedikt XVI. öfter aufgreift: das Bedürfnis der Vernunft, sich dem Glauben zu öffnen, muss Hand in Hand gehen mit der Aufgabe des Glaubens, die Vernunft zu bestätigen und zu läutern. Dazu muss die Kirche, wie Benedikt XVI. zu den amerikanischen Bischöfen gesagt hat, in vollem Umfang den Ernst der Bedrohungen erkennen, die die moderne Verweltlichung dieser öffentlichen Rolle entgegen stellt und die sich vor allem in der Einschränkung der Religionsfreiheit äußern. Religion werde allenfalls als Kult geduldet, jedoch nicht als freie Gewissensentscheidung (in den Vereinigten Staaten führen die Bischöfe einen harten Kampf für die Verweigerung der Abtreibung aus Gewissensgründen des Krankenhauspersonals). Dazu gehöre folgerichtig auch die „Notwendigkeit, eine zivile Ordnung einzuhalten, die ihre Wurzeln in der jüdisch-christlichen Tradition hat“ und das wiederum verlange, dass die Laien „ihre persönliche Verantwortung“ erkennen, „öffentlich Zeugnis ihres Glaubens abzulegen, vor allem in Bezug auf die großen ethischen Fragen unserer Zeit“.

Ein letzter Aspekt ist in dieser Rede von Benedikt XVI. noch erwähnenswert. „Die Ausbildung von engagierten Laien-Leadern und die Vorlage überzeugende Gedanken über die christliche Vision des Menschen und der Gesellschaft“ sind für ihn „wesentliche Bestandteile der neuen Evangelisierung“. Die Kirche sei nicht dazu da, dass die Angelegenheiten der Welt gut laufen, sondern um sie zu retten, und wenn sie sich bemühe, sie zu retten, trage sie dazu bei, dass auch ihre weltlichen Dinge gut laufen. Wer weiß, wie viele politisch engagierte Christen ihre Arbeit als einen „wesentlichen Bestandteil der neuen Evangelisierung“ betrachten.

[Übersetzung aus dem italienischen von Alexander Wagensommer]