Benedikt XVI.: Erfüllt leben heißt sich schenken können

Das Geheimnis Jesu offenbart das Grundgesetz des menschlichen Lebens

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ROM, 6. April 2009 (ZENIT.org).- Mit der feierlichen Palmprozession über den Petersplatz hat Papst Benedikt XVI. gestern, Sonntag, die Karwoche eröffnet. Zahlreiche Menschen füllten die einzelnen Sektoren, um den Beginn der „Heiligen Woche“ gemeinsam mit dem Heiligen Vater zu erleben, der alle an das „Prinzip Liebe“ erinnerte, die Bedeutung von Kreuz und Opfer mit eingeschlossen.



Am Palmsonntag wurde zudem in Rom und zahlreichen anderen Diözesen weltweit der Weltjugendtag 2009 begangen. Am Ende der Papstmessen überreichten deshalb die Jugendlichen aus Australien den spanischen Jugendlichen das Weltjugendtagskreuz. Dieses Pilgerkreuz wird am Karfreitag in der spanischen Hauptstadt Madrid bei der Karfreitagsprozession Verwendung finden, um anschließend durch die spanischen Diözesen zu reisen. Im Sommer 2011 wird es, rechtzeitig zum nächsten internationalen Weltjugendtag, wieder nach Madrid zurückkehren.

Benedikt XVI. bekräftigte in seiner Predigt, dass sich die Christen angesichts der Missstände und Herausforderungen nicht in „fromme Phrasen“ oder in eine Scheinwelt flüchten dürften. Die anspruchsvolle Wahrheit des Christentums zeige sich gerade in der Tatsache, dass das Leben umso reicher und größer werde, je mehr Gesten des Verzichts geübt würden.

Der Papst fragte sich und die Anwesenden, ob wir heute wirklich die Botschaft Jesu verstanden hätten, ob wir wüssten, was eigentlich mit dem Wort, dass das Reich Gottes nicht von dieser Welt ist, gemeint sei. „Oder möchten wir nicht doch, dass es von dieser Welt sei?“

Das wahre Ziel der irdischen Pilgerschaft müsse es sein, Gott zu begegnen, ihn anzubeten und auf diese Weise das grundlegende Verhältnis unseres Lebens an die richtige Stelle zu setzen. Die Griechen, die zu den Aposteln gekommen waren, hätten Jesus sehen wollen. „Ein großes Wort“, kommentierte Papst Benedikt. „Liebe Freunde, dazu sind wir hier zusammengekommen: Wir möchten Jesus sehen. Dazu sind viele Tausende junger Menschen im vergangenen Jahr nach Sydney gepilgert. Gewiss, vielerlei mögen sie sich von dieser Pilgerfahrt erwartet haben. Aber das eigentliche Ziel war doch dieses: Wir möchten Jesus sehen.“

Jesu Antwort auf das Ansinnen jener Menschen sei die Rede vom Weizenkorn gewesen: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24). Damit habe er sagen wollen: „Es kommt nicht jetzt auf ein mehr oder weniger zufälliges und kurzes Gespräch mit einigen wenigen an, die dann wieder heimkehren.“

Durch die Auferstehung überschreite Jesus die Grenzen von Raum und Zeit. Als Auferstandener sei er unterwegs zur Weite der Welt und der Geschichte. „Ja, als Auferstandener kommt er zu den Griechen und spricht mit ihnen, zeigt sich ihnen, so dass sie, die Fernen, nahe werden und gerade in ihrer Sprache, in ihrer Kultur sein Wort neu weitergeführt, neu verstanden wird – sein Reich kommt.“

Zwei wesentliche Merkmale dieses Reiches könnten dadurch erkannt werden: Das Reich komme zum einen durch das Kreuz, und zum anderen sei es universal und gründe einzig auf der freien Zustimmung aus Liebe.

„Mir scheint, beides müssen wir immer neu erlernen – zunächst die Universalität, die Katholizität. Sie bedeutet, dass keiner sich und seine Kultur, seine Zeit und seine Welt absolut setzt. Dies verlangt, dass wir alle einander annehmen und auf Eigenes verzichten. Universalität schließt das Geheimnis des Kreuzes ein – die Selbstüberschreitung, den Gehorsam zum gemeinsamen Wort Christi in der gemeinsamen Kirche. Universalität ist immer Selbstüberschreitung, Verzicht auf das Eigene. Universalität und Kreuz gehören zusammen. Nur so wird Friede.“

Hinzu komme das Grundgesetz des menschlichen Lebens: „Wer sein Leben für sich haben möchte, nur sich selber leben, alles an sich ziehen und ausschöpfen, was es gibt – gerade der verliert das Leben. Es wird öde und leer. Nur im Loslassen seiner selbst, nur in der Freigabe des Ich für das Du, nur im Ja zum größeren Leben Gottes wird auch unser Leben weit und groß. So ist dieses Grundprinzip, das der Herr aufstellt, letztlich einfach identisch mit dem Prinzip Liebe.“

Dieses „Prinzip Liebe“, das den Weg des Menschen kennzeichne, sei wiederum identisch mit dem Mysterium des Kreuzes, „mit dem Geheimnis von Tod und Auferstehung, dem wir in Christus begegnen“.Ein erfülltes Leben ohne Opfer und Verzicht sei unmöglich, hob Papst Benedikt hervor. „Wer ein Leben ohne diese immer neue Freigabe unserer selbst verspricht, der betrügt den Menschen.“

Benedikt XVI. verwies diesbezüglich auf seine eigenen Erfahrungen: „Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückschaue, dann muss ich sagen, dass gerade die Augenblicke, in denen ich Ja gesagt habe zu einem Verzicht, die großen und wichtigen Augenblicke meines Lebens waren.“

Alles Beten und Bitten des Menschen müsse darauf ausgerichtet sein, die richtige Ordnung der Wirklichkeit zu erlernen, „sie von innen her anzunehmen; Gott zu trauen, dass er das Rechte tut. Dass sein Wille die Wahrheit ist und die Liebe. Dass mein eigenes Leben gut wird, wenn ich in diese Ordnung einzuwilligen lerne. Jesu Leben und Sterben und Auferstehen ist uns die Gewähr dafür, dass wir Gott wirklich trauen dürfen. So verwirklicht sich sein Reich.“

Abschließend erinnerte Papst Benedikt die Gläubigen an die Bedeutung des Weltjugendtagskreuzes, das auf seiner Reise durch die Welt unzähligen Menschen die Möglichkeit gebe, mit dem wunderbaren Geheimnis Christi in Berührung zu kommen, das die Liebe Gottes sei, „die einzig wirklich erlösende Wahrheit“.

Mit dem Kreuz berühre man aber zugleich das Grundgesetz, die Grundform des menschlichen Lebens: „dass ohne das Ja zum Kreuz, ohne die Weggemeinschaft mit Christus Tag um Tag das Leben nicht gelingen kann.“ Verzicht und Kreuz bedeuteten aber keineswegs Verzweiflung und Trauer, sondern vielmehr Freude in Fülle.

„Je mehr wir um der großen Wahrheit und Liebe – um der Wahrheit und Liebe Gottes willen – auch verzichten können, desto größer und reicher wird das Leben. Wer sein Leben für sich haben will, der verliert es. Wer sein Leben schenkt – täglich in den kleinen Gebärden, die zum großen Entscheid gehören – der findet es.“