Benedikt XVI. ermutigt zur Nachahmung der Märtyrer des 20. Jahrhunderts

„In der Demütigung derer, die für das Evangelium leiden, ist eine Kraft am Werk, die die Welt nicht kennt“

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ROM, 26. April 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Predigt, die Papst Benedikt XVI. am 7. April während des Wortgottesdienstes zum Gedenken an die Märtyrer des 20. Jahrhunderts in der Basilika „San Bartolomeo" auf der Tiberinsel in Rom gehalten hat.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Unsere Begegnung in der alten Basilika »San Bartolomeo« auf der Tiberinsel können wir als eine Pilgerschaft im Gedenken an die Märtyrer des 20. Jahrhunderts betrachten, an unzählige Männer und Frauen, bekannte und unbekannte, die im Lauf des 20. Jahrhunderts ihr Blut für den Herrn vergossen haben. Eine Pilgerschaft im Lichte des Wortes Gottes, das unserem Fuß eine Leuchte und Licht für unsere Pfade ist (vgl. Ps 119,105) und mit seinem Licht das Leben jedes Gläubigen erhellt. Von meinem geliebten Vorgänger Johannes Paul II. wurde diese Kirche ausdrücklich dazu bestimmt, ein Ort des Gedenkens an die Märtyrer des 20. Jahrhunderts zu sein, und von ihm der Gemeinschaft »Sant’Egidio« anvertraut, die in diesem Jahr dem Herrn für den 40. Jahrestag ihres Bestehens dankt. Herzlich grüße ich die Kardinäle und Bischöfe, die an diesem Gottesdienst teilnehmen. Ich begrüße Herrn Prof. Andrea Riccardi, den Gründer der Gemeinschaft »Sant’Egidio«, dem ich für die an mich gerichteten Worte danke; mein Gruß gilt ebenso Herrn Prof. Marco Impagliazzo, Präsident der Gemeinschaft, dem Assistenten Msgr. Matteo Zuppi sowie dem Bischof von Terni-Narni-Amelia, Vincenzo Paglia.

An diesem Ort, der reich ist an Erinnerungen, fragen wir uns: Warum haben diese unsere Brüder und Schwestern, die das Martyrium erlitten haben, nicht versucht, um jeden Preis das unersetzliche Gut des Lebens zu retten? Warum haben sie der Kirche weiterhin gedient, trotz schwerer Drohungen und Einschüchterungsversuche? In dieser Basilika, in der die Reliquien des hl. Bartholomäus aufbewahrt und die sterblichen Überreste des hl. Adalbert verehrt werden, hören wir das beredte Zeugnis all derer erklingen, die nicht nur im 20. Jahrhundert, sondern von Beginn der Kirche an die Liebe gelebt und im Martyrium ihr Leben Christus geopfert haben. In der Ikone auf dem Hauptaltar, die einige dieser Glaubenszeugen darstellt, sind die folgenden Worte aus dem Buch der Offenbarung hervorgehoben: »Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen« (Offb 7,14). Der Älteste, der fragt, wer die sind, die weiße Gewänder tragen, und wo sie herkommen, erhält zur Antwort, daß es die sind, die »ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht« haben (Offb 7,14). Auf den ersten Blick ist dies eine seltsame Antwort. Aber in der verschlüsselten Sprache des Sehers von Patmos enthält sie einen klaren Hinweis auf die helle Flamme der Liebe, die Christus dazu bewegt hat, sein Blut für uns zu vergießen. Durch dieses Blut sind wir rein geworden. Auf jene Flamme gestützt, haben auch die Märtyrer ihr Blut vergossen und sind rein geworden in der Liebe: in der Liebe Christi, die sie dazu befähigt hat, sich ihrerseits aus Liebe zu opfern. Jesus hat gesagt: »Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt« (Joh 15,13). Jeder Glaubenszeuge lebt diese »größere« Liebe und ist nach dem Vorbild des göttlichen Meisters bereit, das Leben für das Reich Gottes hinzugeben. Auf diese Weise wird man ein Freund Jesu; so wird man ihm ähnlich, indem man das Opfer bis zum äußersten annimmt, ohne der hingebungsvollen Liebe und dem Dienst am Glauben Grenzen zu setzen.

Indem wir an den sechs Altären innehalten, die an die Christen erinnern, die der totalitären Gewalt des Kommunismus und des Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind, und an jene, die in Amerika, Asien und Ozeanien, in Spanien und Mexiko sowie in Afrika getötet wurden, gehen wir im Geiste viele schmerzhafte Geschehnisse des vergangenen Jahrhunderts durch. Viele starben bei der Erfüllung des Evangelisierungsauftrags der Kirche: Ihr Blut hat sich vermischt mit dem der einheimischen Christen, denen sie den Glauben verkündet hatten. Andere sind – oft in einer Minderheitensituation – aus Glaubenshaß getötet worden. Schließlich haben sich nicht wenige geopfert, um die Bedürftigen, die Armen, die ihnen anvertrauten Gläubigen nicht im Stich zu lassen, ohne Angst vor Drohungen und Gefahren. Es sind Bischöfe, Priester, Ordensfrauen und Ordensmänner, Laien. Es sind so viele! Bei der Ökumenischen Gedenkfeier für die Märtyrer des 20. Jahrhunderts im Jubiläumsjahr, die am 7. Mai 2000 beim Kolosseum stattfand, sagte der Diener Gottes Johannes Paul II., daß diese unsere Brüder und Schwestern im Glauben gleichsam ein großes Fresko der christlichen Menschheit des 20. Jahrhunderts darstellen; ein Fresko der Seligpreisungen, die bis zum Vergießen des Blutes gelebt wurden. Und er wiederholte oft, daß das Zeugnis für Christus bis zum Blutvergießen mit lauterer Stimme spricht als die Spaltungen der Vergangenheit.

Und das ist wahr: Dem äußeren Anschein nach erweisen sich die Gewalttätigkeit, die Totalitarismen, die Verfolgung, die blinde Gewalt als stärker und bringen die Stimme der Glaubenszeugen zum Schweigen, die menschlich gesehen als Verlierer der Geschichte erscheinen können. Aber der auferstandene Jesus erleuchtet ihr Zeugnis, und so verstehen wir den Sinn des Martyriums. Tertullian bemerkt dazu: »Plures efficimur quoties metimur a vobis: sanguis martyrum semen christianorum – Wir vermehren uns jedes Mal, wenn wir von euch niedergemetzelt werden: Das Blut der Märtyrer ist der Samen für neue Christen« (Apologeticum 50,13: CCL 1,117). In der Niederlage, in der Demütigung derer, die für das Evangelium leiden, ist eine Kraft am Werk, die die Welt nicht kennt: »Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark« (2 Kor 12,10), ruft der Apostel Paulus aus. Es ist die Kraft der Liebe, wehrlos und siegreich auch in der scheinbaren Niederlage. Es ist die Kraft, die den Tod herausfordert und besiegt.

Auch das 21. Jahrhundert hat im Zeichen des Martyriums begonnen. Wenn die Christen wirklich Sauerteig, Licht und Salz der Erde sind, werden auch sie, wie das bei Jesus geschah, Gegenstand von Verfolgungen; wie er sind sie ein »Zeichen, dem widersprochen wird«. Das brüderliche Zusammenleben, die Liebe, der Glaube, die Entscheidungen zugunsten der Schwächsten und der Armen, die das Leben der christlichen Gemeinschaft kennzeichnen, rufen manchmal gewalttätige Feindseligkeit hervor. Wie hilfreich ist es dann, auf das leuchtende Zeugnis dessen zu blicken, der uns vorausgegangen ist im Zeichen einer heroischen Treue bis zum Martyrium! Und in dieser alten Basilika trägt die Gemeinschaft »Sant’Egidio« Sorge dafür, das Gedächtnis an viele Glaubenszeugen, die in neuerer Zeit ihr Leben gelassen haben, zu bewahren und zu ehren. Liebe Freunde der Gemeinschaft »Sant’Egidio«, bemüht auch ihr euch mit dem Blick auf diese heroischen Gestalten des Glaubens darum, ihren Mut und ihre Standhaftigkeit im Dienst am Evangelium nachzuahmen, besonders unter den Armen. Stiftet Frieden und Versöhnung zwischen denen, die einander Feind sind oder sich bekämpfen. Nährt euren Glauben durch das Hören und die Betrachtung des Wortes Gottes, durch das tägliche Gebet, durch die aktive Teilnahme an der heiligen Messe. Die wahre Freundschaft mit Christus wird die Quelle eurer gegenseitigen Liebe sein. Unterstützt von seinem Heiligen Geist werdet ihr eine brüderlichere Welt schaffen können. Die heilige Jungfrau, Königin der Märtyrer, stehe euch bei und helfe euch, authentische Zeugen Christi zu sein.

Amen!

[© Copyright 2008 - Libreria Editrice Vaticana]