Benedikt XVI.: Freiheit und die Wahrheit der integralen Bildung

Bedeutung und Aufgabe der Akademischen Welt

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PRAG, 28. September 2009 (ZENIT.org).- Die intellektuellen Kräfte Europas sollten den nötigen Mut für die Entwicklung einer Zukunft wahrer menschlicher Blüte aufbringen; einer Zukunft, die des Menschen wirklich würdig sei. Mit dem Ausdruck dieser Hoffnung richtete sich Papst Benedikt XVI. am gestrigen Nachmittag im Wladislawsaal auf der Prager Burg an die Vertreter der Akademischen Welt.

In diesem Sinn erläuterte der Papst auch die Beziehung zwischen Wissenschaft und Religion, die ein zentrales Anliegen Papst Johannes Pauls II. gewesen sei. Dieser habe ein tieferes Verständnis der Beziehung von Glaube und Vernunft angeregt: „Er deutete Glaube und Vernunft als die beiden Flügel, durch die sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt."

Dennoch gebe es heute Menschen, die diese beiden Wirklichkeiten voneinander trennen möchten, bedauerte Papst Benedikt. „Die Vertreter dieses positivistischen Ausschlusses des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft widersprechen damit nicht nur einer der tiefsten Überzeugungen gläubiger Menschen, sondern sie durchkreuzen auch genau jenen Dialog der Kulturen, den sie selber vorschlagen." Und er bekräftigte: „Eine Vorstellung von Vernunft, die für das Göttliche taub ist und die Religionen in die Welt der Subkulturen verweist, ist unfähig, in den Dialog der Kulturen einzutreten, den unsere Welt so dringend braucht."

Benedikt XVI. wies in diesem Zusammenhang auch die Vorstellung zurück, dass die Fragestellungen der Religion, des Glaubens und der Ethik keinen Platz im Bereich der Vernunft haben. „Die Freiheit, die der Tätigkeit der Vernunft zugrunde liegt - sei es in einer Universität oder in der Kirche -, hat ein Ziel: Sie ist auf das Streben nach Wahrheit ausgerichtet und verkörpert als solches einen Grundsatz des Christentums, das ja die Universität hervorgebracht hat.

In der Tat regt der Wissensdurst des Menschen jede Generation an, den Vernunftbegriff auszuweiten und aus den Quellen des Glaubens zu trinken. Es war gerade das reiche Erbe der klassischen Weisheit, das assimiliert und in den Dienst des Evangeliums gestellt worden war, welches die ersten christlichen Missionare in diese Regionen gebracht haben."
 
Die Bedeutung einer ganzheitlichen Bildung

Benedikt XVI. hob hervor, dass den Universitäten die Aufgabe zukomme, den Verstand und das Herz der jungen Menschen von heute auszubilden.
 
Seit der Zeit Platos sei die Erziehung nicht bloß die Ansammlung von Wissen und Fähigkeiten, sondern „paideia", also menschliche Bildung in den Schätzen der intellektuellen Tradition, die auf ein tugendhaftes Leben ausgerichtet sei.
 
„Das Konzept einer integralen Bildung, die auf der Einheit des auf der Wahrheit gegründeten Wissens basiert, muss wiedergewonnen werden", so Benedikt XVI. Es diene „als Gegengewicht zu der in der heutigen Gesellschaft so augenscheinlichen Tendenz zur Fragmentierung des Wissens".
 
„Abgetrennt von der grundlegenden menschlichen Ausrichtung auf die Wahrheit, beginnt die Vernunft jedoch, die Richtung zu verlieren: Sie verkümmert entweder unter dem Schein der Bescheidenheit, wenn sie sich mit dem bloß Unvollständigen und Vorläufigen begnügt, oder unter dem Schein der Gewissheit, wenn sie glaubt, vor den Anforderungen jener kapitulieren zu müssen, die fast alles unterschiedslos als gleichwertig ansehen. Der daraus folgende Relativismus stellt ein dichtes Gestrüpp dar, hinter dem neue Bedrohungen für die Autonomie der akademischen Einrichtungen lauern können."
 
Freiheit und Wissen

Benedikt XVI. betonte in seiner Ansprache die große Bedeutung wahrer Freiheit, die sich in der Verantwortung gegenüber der Wahrheit verwirkliche.
 
Die Freiheit, die der Tätigkeit der Vernunft zugrunde liege, sei auf das Streben nach Wahrheit ausgerichtet und „verkörpert als solches einen Grundsatz des Christentums, das ja die Universität hervorgebracht hat. In der Tat regt der Wissensdurst des Menschen jede Generation an, den Vernunftbegriff auszuweiten und aus den Quellen des Glaubens zu trinken. Es war gerade das reiche Erbe der klassischen Weisheit, das assimiliert und in den Dienst des Evangeliums gestellt worden war, welches die ersten christlichen Missionare in diese Regionen gebracht haben."
 
Wenn die Zeit der Eingriffe von Seiten des politischen Totalitarismus möglicherweise vorbei sei, müsse man sich fragen: „Ist es nicht weiterhin so, dass auf der ganzen Welt der Vernunftgebrauch und die akademische Forschung oft auf subtile und weniger subtile Weise dazu gezwungen werden, sich dem Druck ideologischer Interessensgruppen und der Verlockung kurzzeitiger utilitaristischer und pragmatischer Ziele zu beugen?

Was wird passieren, wenn unsere Kultur nur auf Modethemen mit geringem Bezug zu einer echten historischen intellektuellen Tradition beziehungsweise auf den am lautesten beworbenen oder am besten finanzierten Ansichten gründet? Was wird passieren, wenn sie sich in ihrer Angst, einen radikalen Säkularismus zu bewahren, von ihren lebensspendenden Wurzeln abschneidet? Unsere Gesellschaften werden nicht vernünftiger, toleranter oder flexibler werden, sondern brüchiger und weniger aufnahmefähig, und es wird ihnen immer schwerer fallen zu erkennen, was wahr, edel und gut ist.
 
Liebe Freunde, ich möchte Sie ermutigen, in allem, was Sie tun, dem Idealismus und der Großzügigkeit der jungen Menschen heute nicht nur mit Studienprogrammen zu begegnen, die ihnen helfen, erfolgreich zu sein, sondern auch mit der Erfahrung gemeinsamer Ideale und gegenseitiger Unterstützung bei der großen Aufgabe des Lernens. Die Fähigkeiten zur Analyse und jene, die zum Aufstellen einer Hypothese nötig sind, bieten gemeinsam mit einer klugen Kunst der Unterscheidung ein wirksames Gegenmittel gegen die Haltungen der In-sich-Gekehrtheit, der Teilnahmslosigkeit und sogar der Isolation, die in unseren wohlhabenden Gesellschaften mitunter auftreten und von denen die jungen Menschen besonders betroffen sind."