Benedikt XVI.: Gläubige und Nichtgläubige, alle sind Pilger auf dem Weg zur Stadt Gottes

Generalaudienz im Zeichen der Hoffnung auf das Heil

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ROM, 30. November 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Betrachtung, die Benedikt XVI. heute, Mittwoch, während der Generalaudienz auf dem Petersplatz gehalten hat. Ausgehend von Psalm 137, \"Heimweh nach dem Zion in der Verbannung\", zeigte der Heilige Vater, dass Gläubige wie Nichtgläubige gemeinsam auf dem Weg zur Ewigen Stadt sind, dem himmlischen Jerusalem, und dass nur derjenige einen Lobgesang auf Gott anzustimmen vermag, der in Freiheit lebt. Die Freude darüber, zu Bürgern Jerusalems vorherbestimmt zu sein, sollte das gesamte irdische Leben des Christen beseelen.



* * *


An den Strömen von Babel,
da saßen wir und weinten,
wenn wir an Zion dachten.

Wir hängten unsere Harfen
an die Weiden in jenem Land.
Dort verlangten von uns die Zwingherren Lieder,
unsere Peiniger forderten Jubel:
\"Singt uns Lieder vom Zion!\"

Wie könnten wir singen die Lieder des Herrn,
fern, auf fremder Erde?
Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem,
dann soll mir die rechte Hand verdorren.

Die Zunge soll mir am Gaumen kleben,
wenn ich an dich nicht mehr denke,
wenn ich Jerusalem nicht zu meiner höchsten Freude erhebe.



1. Am ersten Mittwoch im Advent, dieser liturgischen Zeit der Stille, der Wachsamkeit und des Gebets in der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest, betrachten wir Psalm 137, dessen Beginn in lateinischer Sprache berühmt geworden ist: \"Super flumina Babylonis\". In diesem Text wird die Erinnerung an jene Tragödie wachgerufen, die das jüdische Volk während der Zerstörung von Jerusalem im Jahr 586 vor Christus und der darauf folgenden Zeit im babylonischen Exil erlebt hat. Wir haben also einen nationalen Trauergesang vor uns, der von einer Nostalgie nach dem Verlorenen geprägt ist.

Die tief empfundene Anrufung des Herrn, dass er seine Gläubigen aus der babylonischen Knechtschaft erretten möge, drückt aber auch Gefühle der Zuversicht und der Heilserwartung aus, mit denen auch wir den Weg der Adventszeit begonnen haben.

Der erste Teil des Psalms (vgl. Verse 1-4) spielt vor dem Hintergrund des Exillandes mit seinen Flüssen und Strömen. Diese bewässern das babylonische Flachland, den Sitz der deportierten Juden. Dieses Bild ist eine symbolische Vorwegnahme jener Vernichtungslager, in denen das jüdische Volk im gerade erst vergangenen Jahrhundert zu einer infamen Todesoperation geführt wurde, die als unauslöschlicher Schandfleck in der Menschheitsgeschichte geblieben ist.

Der zweite Teil unseres Psalms (vgl. Verse 5-6) ist voll sehnsüchtiger Erinnerung an das schöne Zion, die verlorene Stadt, die nichtsdestotrotz im Herzen der Verschleppten weiterlebt.

2. Wovon der Psalmist singt, das wird auch mit Hand und Zunge, mit Gaumen, Stimme und Tränen zum Ausdruck gebracht. Die Hand ist für denjenigen unerlässlich, der Harfe spielt; nun aber ist sie vor Schmerz \"verdorrt\" (vgl. Vers 5), und außerdem wurden die Harfen an die Weiden gehängt.

Der Sänger braucht die Zunge, diese aber klebt nun am Gaumen (vgl. Vers 6). Die Lieder vom Zion sind Lieder vom Herrn (vgl. Verse 3-4), nicht Volkslieder oder Gesänge zur Unterhaltung. Sie können nur in der Liturgie und in Freiheit in den Himmel steigen.

3. Gott, der letzte Schiedsrichter der Geschichte, wird – wie es seiner Gerechtigkeit entspricht – den Aufschrei der Opfer jenseits der bitteren Töne, die er manchmal annimmt, verstehen und annehmen.

Abschließend wollen wir uns dem heiligen Augustinus zuwenden und mit ihm noch einmal über unseren Psalm nachdenken. Der Kirchenvater führt in einer seiner Betrachtungen ein Element ein, das überrascht und von großer Aktualität ist: Er weiß, dass es auch unter den Bewohnern von Babylon Menschen gibt, die sich für den Frieden und das Gemeinwohl einsetzen, obwohl sie den biblischen Glauben nicht teilen und die Hoffnung auf die Ewige Stadt nicht kennen, die wir anstreben. Sie besitzen allerdings einen Funken Sehnsucht nach dem Unbekannten, dem ganz Großen, dem Transzendenten, der wahren Erlösung. Und Augustinus sagt, dass es sogar unter den Verfolgern und Nichtgläubigen Menschen gibt, die diesen Funken besitzen, Menschen mit einer gewissen Art von Glauben und Hoffnung, je nachdem, wie es die Bedingungen, unter denen sie leben, zulassen. Mit diesem Glauben an eine unbekannte Realität sind sie tatsächlich auf dem Weg zum echten Jerusalem, zu Christus. Und aufgrund dieser Offenheit für die Hoffnung, die sogar die \"Babylonier\" besitzen, wie Augustinus sie nennt – diejenigen, die Christus nicht, ja nicht einmal Gott kennen und die sich dennoch nach dem Unbekannten, dem Ewigen sehnen –, aufgrund dessen also ruft er uns dazu auf, nicht nur auf die materiellen Dinge des gegenwärtigen Augenblicks zu schauen, sondern auszuharren auf dem Weg zu Gott. Nur mit dieser größeren Hoffnung ist es uns möglich, diese Welt auf richtige Weise zu verändern. Der heilige Augustinus erklärt das mit folgenden Worten: \"Wenn wir Bewohner Jerusalems sind (…) und dennoch in diesem Land leben müssen, inmitten der Verwirrung der gegenwärtigen Welt, in der wir nicht als Bürger leben, sondern Gefangene sind, ist es notwendig, dass wir das, was der Psalm sagt, nicht nur singen, sondern es auch leben: Das macht man mit einem tief empfundenen Herzensstreben, einer vollkommenen und religiösen Sehnsucht nach der Ewigen Stadt.\"

Im Folgenden bezieht er sich auf die \"irdische Stadt, die Babylon genannt wird,\" und fügt hinzu: In ihr leben \"Menschen, die es aus Liebe zu dieser Stadt schaffen, den Frieden zu gewährleisten, den zeitlichen Frieden, ohne im Herzen irgendeine andere Hoffnung zu nähren als die Freude, für den Frieden zu arbeiten. Und wir schauen zu, wie sie keine Mühe scheuen, um der irdischen Gesellschaft dienlich zu sein. Wenn sie sich mit reinem Gewissen in diese Aufgaben stürzen, wird Gott nicht zulassen, dass sie mit Babylon zugrunde gehen, da er sie doch vorherbestimmt hat, Bürger Jerusalems zu sein – allerdings unter der Vorraussetzung, dass sie während ihres Lebens in Babylon nicht Stolz, nicht vergänglichen Prunk und auch nicht Überheblichkeit suchen... Er [Gott] wird ihren Dienst sehen und ihnen jene andere Stadt zeigen, die sie wirklich zutiefst ersehnen und auf deren Erlangung sie all ihre Bemühungen ausrichten müssen\" (\"Psalmkommentare\" – \"Esposizioni sui Salmi\", 136,1-2: \"Nuova Biblioteca Agostiniana\", XXVIII, Rom 1977, 397.399).

Bitten wir den Herrn, dass er in uns allen diese Sehnsucht, die Offenheit für Gott, wecken möge. Und auch darum, dass diejenigen, die Christus nicht kennen, mit seiner Liebe in Berührung kommen mögen, damit wir alle gemeinsam zur endgültigen Heimatstadt pilgern und das Licht dieser Stadt auch in unserer Zeit und in unserer Welt leuchten kann.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals. Anschließend begrüßte der Heilige Vater die Pilgergruppen. Auf Deutsch sagte er:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Unsere erste Katechese im Advent – der Zeit der Stille, des Wachens und des Betens in der Vorbereitung auf Weihnachten – gilt dem Psalm 137. Dieses Lied handelt vom leidvollen Weg des Volkes Israel in der babylonischen Gefangenschaft und von seiner Sehnsucht nach der Heimat.

Angesichts der Verbannung versagen dem Psalmisten Stimme, Mund und Hand: \"Wie könnten wir singen die Lieder des Herrn, fern, auf fremder Erde?\" (Vers 4). Israels Lieder vom Zion sind kein Spektakel zur Unterhaltung der Peiniger; sie können nur in der Freiheit und zum Lob Gottes erklingen. Der Herr zeigt denen, die sich mit reinem Gewissen um das irdische Wohl der Menschen mühen, den Ort, den sie ersehnen und auf den sie ihr ganzes Streben ausrichten müssen.

Einen frohen Gruß richte ich an alle deutschsprachigen Pilger und Besucher. Durch die Taufe sind wir Glieder des mystischen Leibes Christi, der Kirche, und werden zu Bürgern des himmlischen Jerusalems. Tragt die Gewissheit dieser hohen Berufung in eurem Herzen. So könnt ihr mit Gottes Hilfe die Herausforderungen des irdischen Lebens meistern. In dieser adventlichen Zeit begleite euch der Herr mit seinem Segen!