Benedikt XVI.: „Gott ist barmherzige Liebe“

Der Papst betrachtet die Sendung Jesu und den Auftrag, der an jeden Christen ergeht

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ROM, 17. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine eigene Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. gestern, Sonntag, zum Angelus gehalten hat.


Der Heilige Vater betonte mit Blick auf das Tagesevangelium (Lk 15), dass die Sendung Jesus im Grunde darin bestehe, seinen Vater – die barmherzige Liebe schlechthin – allen Menschen zugänglich zu machen. Jeder sei aufgerufen, diese Barmherzigkeit nachzuahmen, gemäß den Worten Jesu: „Richtet nicht…, verurteilt nicht… Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden… Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36-38).

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute legt uns die Liturgie das 15. Kapitel aus dem Evangelium nach Lukas zur Betrachtung vor, einen der höchsten und ergreifendsten Abschnitte der ganzen Heiligen Schrift. Es ist schön, daran zu denken, dass in der ganzen Welt, wo auch immer sich die christliche Gemeinde versammelt, um die sonntägliche Eucharistie zu feiern, an diesem Tag diese Frohbotschaft der Wahrheit und des Heils erklingt: Gott ist barmherzige Liebe.

Der Evangelist Lukas hat in diesem Kapitel drei Gleichnisse über die göttliche Barmherzigkeit gesammelt: Die beiden kürzeren, die er mit Matthäus und Markus gemeinsam hat, sind die Gleichnisse vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Geldstück; das dritte lange, ausgearbeitete Gleichnis, das sich nur bei ihm findet, ist das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Vater, das gewöhnlich das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ genannt wird. In diesem Abschnitt des Evangeliums ist es so, als hörte man gleichsam die Stimme Jesu, der uns das Antlitz seines Vaters und unseres Vaters offenbart. Im Grunde ist er dazu auf die Welt gekommen: um zu uns vom Vater zu sprechen, um ihn uns verlorenen Söhnen erkennbar zu machen und in unseren Herzen die Freude zu wecken, ihm zu gehören; die Hoffnung, Vergebung zu finden und in unserer vollen Würde wiederhergestellt zu werden; den Wunsch, für immer in seinem Haus zu wohnen, das auch unser Haus ist.

Jesus erzählt die drei Gleichnisse der Barmherzigkeit, da die Pharisäer und Schriftgelehrten schlecht über ihn geredet haben. Sie sahen nämlich, dass er sich mit den Sündern abgab und sogar mit ihnen aß (vgl. Lk 15,1-3). So erklärt er in seiner typischen Sprache, dass Gott nicht will, dass auch nur ein einziger seiner Söhne verloren gehe, und dass seine Seele vor Freude überfließt, wenn ein Sünder umkehrt.

Die wahre Religion besteht also darin, eins zu werden mit diesem Herzen, das „reich an Barmherzigkeit“ ist und uns bittet, alle zu lieben, auch die Fernstehenden und die Feinde, und so den himmlischen Vater nachzuahmen, der die Freiheit eines jeden respektiert und alle mit der unbesiegbaren Kraft seiner Treue zu sich zieht. Das ist der Weg, den Jesus allen weist, die seine Jünger sein wollen: „Richtet nicht…, verurteilt nicht… Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden… Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36-38). In diesen Worten finden wird sehr konkrete Anweisungen für unser alltägliches Verhalten als Gläubige.

In unserer Zeit hat es die Menschheit nötig, dass die Barmherzigkeit Gottes kraftvoll verkündet und bezeugt wird. Prophetisch hat der geliebte Johannes Paul II., ein großer Apostel der göttlichen Barmherzigkeit, diese pastorale Dringlichkeit erkannt. Dem barmherzigen Vater widmete er seine zweite Enzyklika, und während seines ganzen Pontifikats machte er sich zum Missionar der Liebe Gottes bei allen Völkern.

Nach den tragischen Ereignissen des 11. Septembers 2001, die die Morgendämmerung des dritten Jahrtausends verdunkelt haben, forderte er die Christen und die Menschen guten Willens auf, davon überzeugt zu sein, dass die Barmherzigkeit Gottes stärker ist als jedes Übel und dass sich nur im Kreuz Christi das Heil der Welt findet. Die Jungfrau Maria, Mutter der Barmherzigkeit, die wir gestern als die Schmerzhafte zu Füßen des Kreuzes betrachtet haben, erlange für uns die Gabe, immer der Liebe Gottes zu vertrauen. Und sie helfe uns, barmherzig zu sein wie unser Vater im Himmel.

[Nach dem Gebet des „Engel des Herrn“ erklärte der Heilige Vater:]

Heute Vormittag hat mein Staatsekretär, Kardinal Tarcisio Bertone, im Heiligtum zu Licheń in meinem Namen P. Stanislaw Papczyński, den Gründer der Kongregation der Marianer, selig gesprochen. Ich richte einen herzlichen Gruß an die zu diesem glücklichen Anlass versammelten Gläubigen und die zahlreichen Gläubigen, die dem neuen Seligen ergeben sind und in ihm einen vorbildhaften Priester in der Verkündigung und der Bildung der Laien verehren, Vater der Armen und Apostel des Fürbittgebets für die Verstorben. Ebenfalls heute Vormittag hat Kardinal José Saraiva Martins, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, in Bordeaux in meinem Namen Sr. Maria Celina von der Darstellung der Seligen Jungfrau Maria, Professschwester des Zweiten Ordens des heiligen Franziskus, selig gesprochen. Ihr vom Kreuz gezeichnetes Leben wollte ein Zeichen der Liebe zu Christus sein, wie sie selbst sagte: „Ich dürste danach, eine Rose der Liebe zu sein.“ Ich möchte auch an P. Basile Antonio Maria Moreau, den Gründer der Kongregation des Heiligen Kreuzes, erinnern, der gestern in Le Mans vom Kardinalpräfekten der Kongregation selig gesprochen wurde. Der Fürsprache dieser neuen Seligen vertraue ich besonders ihre geistlichen Kinder an: auf dass sie dem leuchtenden Zeugnis dieser Propheten Gottes, der Herr allen Lebens ist, leidenschaftlich nachfolgen.

Heute jährt sich zum 20. Mal der Tag der Annahme des „Montreal-Protokolls“ über Stoffe, die zum Abbau der Ozonschicht führen und dem Menschen wie dem Ökosystem schwere Schäden zufügen. Dank einer beispielhaften Zusammenarbeit innerhalb der internationalen Gemeinschaft zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sind in den letzten beiden Jahrzehnten wichtige Ergebnisse erzielt worden, die positive Folgen für die gegenwärtigen und zukünftigen Generationen haben. Ich wünsche, dass die Kooperation zur Förderung des Gemeinwohls, der Entwicklung und der Bewahrung der Schöpfung von allen Seiten intensiviert und die Allianz zwischen Mensch und Umwelt gestärkt werde, die Spiegel der Schöpferliebe Gottes sein muss, vom dem wir herstammen und auf den hin wir unterwegs sind.

[In seiner Muttersprache sagte Papst Benedikt XVI.:]

Von Herzen grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher. Einen besonderen Gruß richte ich heute an die Führungskräfte des Hilfswerkes Kirche in Not, die zu einer Tagung anlässlich des 60jährigen Bestehens nach Castel Gandolfo gekommen sind. Liebe Freunde, seid des Dankes und des Gebetes des Nachfolgers Petri für euer Wirken gewiss, das ein beredtes Zeugnis für die Liebe Gottes ist. Lasst auch in Zukunft die Menschen erfahren, dass Gott für uns da ist als ein liebender Vater, wie wir im heutigen Evangelium gehört haben.

Wo Gott in den Herzen der Menschen wohnt, da können Frieden und soziale Gerechtigkeit wachsen. Wir wollen Werkzeuge der Liebe Gottes in unserer Welt sein. Der Herr segne euch alle.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]