Benedikt XVI.: Gottes Meisterwerke sind die Heiligen

„Lassen wir uns von ihrem Beispiel anziehen, lassen wir uns von ihren Lehren führen“

| 670 klicks

ROM, 26. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Predigt, die Papst Benedikt XVI. am Dreifaltigkeitssonntag (3. Juni) gehalten hat.



Der Bischof von Rom richtete den Blick der Gläubigen aus Anlass der Heiligsprechung von Giorgio Preca (1880-1962), Priester und Gründer der „Societas Doctrinæ Christianæ“; Simon von Lipnica (1435-1482), Franziskanerpater; Karel van Sint Andries Houben (1821-1893), Priester und Angehöriger der Kongregation der Passionisten, und Marie Eugénie de Jésus Milleret (1817-1898), Gründerin des „Instituts der Schwestern von der Himmelfahrt“, der Gemeinschaft der „Assumptionistinnen“, auf das Wesen der Heiligkeit. Er hob hervor, dass die Heiligen die Meisterwerke des Schöpfers darstellen, und rief alle dazu auf, Gott gegenüber insbesondere für all diese Menschen dankbar zu sein, „in denen seine Herrlichkeit erstrahlt“.

Benedikt XVI. ermutigte die Gläubigen, die Heiligen kennen zu lernen und von ihnen zu lernen – „damit unser ganzes Leben, so wie das ihre, ein Lobgesang zu Ehren der Dreifaltigkeit werde“.

* * *

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute begehen wir das Hochfest der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Nach der Osterzeit, nachdem wir erneut das Pfingstereignis erlebt haben, das die Taufe der Kirche im Heiligen Geist erneuert, wenden wir nun sozusagen unseren Blick auf den »offenen Himmel«, um mit den Augen des Glaubens in die Tiefen des Mysteriums Gottes einzutreten, einer der Substanz nach und dreifaltig in den Personen: Vater und Sohn und Heiliger Geist. Während wir uns von diesem höchsten Geheimnis umfangen lassen, bewundern wir die Herrlichkeit Gottes, die sich im Leben der Heiligen widerspiegelt; wir betrachten sie vor allem in den Heiligen, die ich vorhin der Verehrung der Gesamtkirche vorgestellt habe: Giorgio Preca, Szymon z Lipnicy, Karel van Sint Andries Houben und Marie Eugénie de Jésus Milleret. Herzlich grüße ich alle Pilger, die hier zusammengekommen sind, um diesen vorbildlichen Zeugen des Evangeliums die Ehre zu erweisen. Insbesondere grüße ich die Herren Kardinäle, die Herren Präsidenten von den Philippinen, Irland, Malta und Polen, die verehrten Brüder im Bischofsamt, die Regierungsdelegationen und die anderen zivilen Autoritäten, die an dieser Feier teilnehmen.

In der Ersten Lesung aus dem Buch der Sprichwörter tritt die Weisheit auf, die an der Seite Gottes steht als Hilfe, als »Architekt« (8,30). Wundervoll ist das »Panorama« des Kosmos, auf den sie blickt. Die Weisheit bekennt: »Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein« (8,31). Sie liebt es, mitten unter den Menschen zu sein, weil sie in ihnen das Abbild des Schöpfers und die Ähnlichkeit mit ihm erkennt. Diese bevorzugte Beziehung der Weisheit zu den Menschen läßt an den berühmten Abschnitt eines anderen Weisheitstextes denken, das Buch der Weisheit: Die Weisheit, so lesen wir dort, »ist ein Hauch der Kraft Gottes … ohne sich zu ändern, erneuert sie alles. Von Geschlecht zu Geschlecht tritt sie in heilige Seelen ein und schafft Freunde Gottes und Propheten« (Weish 7,25–27). Diese ausdrucksstarken Worte laden dazu ein, das vielfältige und unerschöpfliche Zeugnis der Heiligkeit im Volk Gottes durch die Jahrhunderte hindurch zu betrachten. Die Weisheit Gottes offenbart sich im Kosmos, in der Verschiedenheit und der Schönheit seiner Elemente, aber seine Meisterwerke, in denen in Wirklichkeit noch sehr viel mehr seine Schönheit und seine Größe aufscheinen, sind die Heiligen.

Im Abschnitt des Briefes des Apostels Paulus an die Römer finden wir ein ähnliches Bild: das der Liebe Gottes, die »in die Herzen« der Heiligen, das heißt der Getauften, »ausgegossen« ist »durch den Heiligen Geist«, der ihnen gegeben ist (vgl. Röm 5,5). Durch Christus hindurch geschieht die Gabe des Geistes, der »Liebe als Person«, »Geschenk als Person« ist, wie ihn der Diener Gottes Johannes Paul II. definiert hat (Enzyklika Dominum et vivificantem, 10). Durch Christus kommt der Geist Gottes zu uns, als Ursprung neuen, »heiligen« Lebens. Der Geist legt die Liebe Gottes in das Herz der Gläubigen in der konkreten Form, die sie im Menschen Jesus von Nazaret hatte. So verwirklicht sich das, was der hl. Paulus im Brief an die Kolosser schreibt: »Christus ist unter euch, er ist die Hoffnung auf Herrlichkeit« (1,27). Die »Bedrängnisse« stehen nicht im Gegensatz zu dieser Hoffnung, im Gegenteil, sie tragen dazu bei, sie zu verwirklichen durch die »Geduld« und die »Bewährung« (Röm 5,3–4): Es ist der Weg Jesu, der Weg des Kreuzes.

Aus derselben Perspektive der Weisheit Gottes, die in Christus Mensch geworden ist und durch den Heiligen Geist mitgeteilt wird, hat uns das Evangelium daran erinnert, daß Gott Vater weiterhin seinen Liebesplan durch die Heiligen offenbart. Auch hier geschieht, was wir bereits in bezug auf die Weisheit festgestellt haben: Der Geist der Wahrheit offenbart den Plan Gottes in der Vielfalt der Elemente des Kosmos – wir sind dankbar für diese Sichtbarkeit der Schönheit und der Güte Gottes in den Elementen des Kosmos –, und er tut dies vor allem durch Menschen, besonders durch heilige Männer und Frauen, in denen mit großer Kraft sein Licht, seine Wahrheit und seine Liebe durchscheint. Tatsächlich ist im eigentlichen Sinn nur Jesus Christus, der »Heilige und Gerechte« (Apg 3,14), das »Ebenbild des unsichtbaren Gottes« (Kol 1,15). Er ist die Mensch gewordene Weisheit, der Schöpferlogos, der Gefallen darin findet, bei den Menschenkindern zu sein, unter denen er sein Zelt aufgeschlagen hat (vgl. Joh 1,14). In Ihm wollte Gott die »ganze Fülle« (Kol 1,19) zuteil werden lassen; oder wie Jesus selbst im heutigen Evangelium sagt: »Alles, was der Vater hat, ist mein« (Joh 16,15). Jeder einzelne Heilige hat Teil am Reichtum Christi, den er vom Vater hat und zur rechten Zeit mitteilt. Es ist immer die Heiligkeit Jesu, es ist immer Er, der »Heilige«, den der Geist in den »heiligen Seelen« formt und so Freunde Jesu und Zeugen seiner Heiligkeit schafft. Und Jesus will auch uns zu seinen Freunden machen. Öffnen wir gerade an diesem Tag unser Herz, damit auch in unserem Leben die Freundschaft mit Jesus wächst, so daß wir Zeugnis ablegen können für seine Heiligkeit, seine Güte und seine Wahrheit.

Ein Freund Jesu und Zeuge der Heiligkeit, die von Ihm kommt, war Giorgio Preca, der in La Valletta auf der Insel Malta geboren wurde. Er war ein Priester, der sich ganz der Evangelisierung widmete: durch seine Predigten, seine Schriften, die geistliche Leitung, die Spendung der Sakramente und vor allem durch das Vorbild seines Lebens. Die Worte aus dem Johannesevangelium: »Verbum caro factum est« bestimmten immer seinen Geist und sein Handeln, und so konnte sich der Herr seiner bedienen, um ein verdienstvolles Werk ins Leben zu rufen, die »Societas Doctrinae Christianae« – danke für euren Einsatz! –, dessen Ziel es ist, in den Pfarreien den qualifizierten Dienst gut ausgebildeter und großherziger Katecheten sicherzustellen. Als tief priesterliche und mystische Seele lebte er in brennender Liebe zu Gott, zu Jesus, der Jungfrau Maria und den Heiligen. Er wiederholte gern: »Mein Herr und Gott, wie sehr bin ich dir zu Dank verpflichtet! Danke, Herr, und vergib mir, Herr!« Ein Gebet das auch wir wiederholen und uns zu eigen machen können. Der hl. Giorgio Preca helfe der Kirche stets, in Malta und auf der ganzen Welt, das treue Echo der Stimme Christi, des menschgewordenen Wortes, zu sein.

[Der Heilige Vater sagte auf Polnisch:]

Der neue Heilige, Szymon z Lipnicy, ein großer Sohn Polens, Zeuge Christi und Schüler der Spiritualität des hl. Franz von Assisi hat in weit entfernt liegender Vergangenheit gelebt, aber heute wird er der Kirche als aktuelles Vorbild eines Christen vor Augen gestellt, der – beseelt vom Geist des Evangeliums – bereit ist, sein Leben den Nächsten zu widmen. So hat er, erfüllt von der Barmherzigkeit, die er aus der Eucharistie schöpfte, nicht gezögert, den Pestkranken Hilfe zu bringen, wobei er sich mit der Krankheit ansteckte, die schließlich auch ihn zum Tode führte. Heute vertrauen wir seinem Schutz vor allem diejenigen an, die unter Armut, Krankheit, Einsamkeit und sozialer Ungerechtigkeit leiden. Auf seine Fürsprache erbitten wir für uns die Gnade der beharrlichen und aktiven Liebe zu Christus und zu den Brüdern und Schwestern.

[Er fuhr auf Englisch fort:]

»Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.« Tatsächlich sehen wir im Fall des Priesters aus dem Passionistenorden, Karel van Sint Andries Houben, wie diese Liebe in einem Leben überströmt, das ganz der Seelsorge gewidmet war. Während der langen Jahre seines priesterlichen Dienstes in England und Irland strömten die Menschen in Scharen zu ihm, um seinen weisen Rat, seine mitleidsvolle Fürsorge und seine heilende Berührung zu suchen. In den Kranken und Leidenden erkannte er das Antlitz des gekreuzigten Christus, das er sein ganzes Leben lang verehrte. Er trank in reichem Maß aus den Strömen lebendigen Wassers, die aus der Seite des Durchbohrten flossen, und in der Kraft des Heiligen Geistes bezeugte er vor der Welt die Liebe des Vaters. Beim Begräbnis dieses sehr geliebten Priesters, der voller Zuneigung »Father Charles of Mount Argus« genannt wurde, bemerkte sein Oberer: »Das Volk hat ihn schon zum Heiligen erklärt «.

[In Französisch sagte der Papst:]

Marie-Eugénie Milleret erinnert uns zuallererst an die wichtige Bedeutung der Eucharistie für das Leben des Christen und sein geistliches Wachstum. In der Tat war ihre erste heilige Kommunion, wie sie selbst betont, ein entscheidendes Erlebnis, auch wenn sie sich dessen in diesem Moment nicht vollständig bewußt war. Christus war im Tiefsten ihres Herzens gegenwärtig und in ihr am Werk. Er ließ ihr dabei Zeit, in ihrem eigenen Rhythmus voranzugehen, ihre innere Suche zu verfolgen, die sie bis dahin führte, sich dem Herrn im Ordensleben total hinzugeben als Antwort auf die Nöte ihrer Zeit. Sie spürte vor allem die Wichtigkeit, den jungen Generationen, insbesondere den jungen Frauen, eine intellektuelle, sittliche und spirituelle Bildung zu vermitteln, die aus ihnen Erwachsene macht, die in der Lage sind, die Sorge für das Leben ihrer Familie zu übernehmen und in Kirche und Gesellschaft ihren Beitrag zu leisten. Ihr ganzes Leben lang fand sie die Kraft für ihre Sendung in einem Leben des Gebets, indem sie unaufhörlich Kontemplation und Aktion vereinte. Das Vorbild der hl. Marie Eugénie lade die Männer und Frauen von heute dazu ein, den jungen Menschen die Werte zu vermitteln, die ihnen helfen, mutige Erwachsene und freudige Zeugen des Auferstandenen zu werden. Mögen die jungen Männer und Frauen keine Angst haben, diese sittlichen und spirituellen Werte anzunehmen und sie geduldig und treu zu leben. So werden sie ihre Persönlichkeit aufbauen und ihre Zukunft vorbereiten.

[Abschließend sagte Papst Benedikt XVI. auf Italienisch:]

Liebe Brüder und Schwestern, danken wir Gott für das Wunderbare, das er in den Heiligen vollbracht hat, in denen seine Herrlichkeit erstrahlt. Lassen wir uns von ihrem Beispiel anziehen, lassen wir uns von ihren Lehren führen, damit unser ganzes Leben, so wie das ihre, ein Lobgesang zu Ehren der Dreifaltigkeit werde. Diese Gnade erwirke uns Maria, die Königin der Heiligen, und die Fürsprache dieser vier neuen »älteren Brüder«, die wir heute voller Freude verehren. Amen.

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]