Benedikt XVI.: Grundlegende Prinzipien christlicher Politik

Begegnung mit Vertretern christlich geprägter Parteien in Castel Gandolfo

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ROM, 12. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 21. September beim Empfang der Teilnehmer einer Tagung des Weltverbandes der christlich-demokratischen und zentristischen Parteien „Centrist Democrat International“ in Castel Gandolfo gehalten hat.



Der Heilige Vater ermutigte die Politiker in ihrem Einsatz zum Wohl der menschlichen Gesellschaft und zeigte grundlegende Prinzipien und Themenbereiche auf. Die Person und ihre unveräußerliche Würde müssen nach Worten des Papstes bei allen Initiativen im Mittelpunkt stehen. Darüber hinaus sollte dafür Sorge getragen werden, „dass Ideologien, die die Gewissen verdunkeln oder verwirren und die eine illusorische Auffassung vom Wahren und Guten vertreten, keine Verbreitung finden mögen“.

Papst Benedikt XVI. betonte: „Wenn die Wahrheit des Menschen verletzt wird, wenn die Fundamente der Familie untergraben werden, dann ist der Friede selbst gefährdet, dann droht das Recht Schaden zu nehmen und man geht, als logische Folge daraus, Ungerechtigkeiten und Gewalt entgegen.“

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Herr Präsident,
verehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich, Sie im Rahmen der Arbeiten des Exekutivausschusses des Verbandes »Centrist Democrat International« zu empfangen und möchte zunächst einen herzlichen Gruß an die zahlreichen anwesenden Delegationen aus vielen Nationen der Welt richten. Mein besonderer Gruß gilt dem Präsidenten, Herrn Abgeordneten Pier Ferdinando Casini, dem ich für die freundlichen Worte danke, die er im Namen der Anwesenden an mich gerichtet hat. Ihr Besuch gibt mir Gelegenheit, Ihrer Aufmerksamkeit einige Überlegungen zu Werten und Idealen zu unterbreiten, die von der christlichen Tradition in Europa und in der ganzen Welt geprägt oder entscheidend vertieft worden sind.

Ich weiß, daß Sie trotz Ihrer unterschiedlichen Herkunft nicht wenige Grundsätze dieser Tradition teilen, wie zum Beispiel die Zentralität der Person und die Achtung der Menschenrechte, den Einsatz für den Frieden und die Förderung der Gerechtigkeit für alle. Ihr gemeinsamer Bezugspunkt sind daher grundlegende Prinzipien, die zueinander in Wechselbeziehung stehen, wie die Erfahrung der Geschichte zeigt. Wenn nämlich die Menschenrechte verletzt werden, dann wird auch die Würde der Person verletzt; wenn die Gerechtigkeit ins Wanken kommt, dann ist der Friede gefährdet. Andererseits kann nur dann von einer wirklich menschlichen Gerechtigkeit die Rede sein, wenn im Mittelpunkt der ethischen und moralischen Anschauung, auf der sie gründet, die Person und ihre unveräußerliche Würde steht.

Meine Damen und Herren Abgeordneten, Ihre Arbeit, die sich an diesen Grundsätzen orientiert, wird heute, in einer Atmosphäre tiefgreifender Wandlungen, die unsere Gemeinschaften erleben, noch erschwert. Daher möchte ich Sie noch mehr ermutigen, Ihre Bemühungen, dem Gemeinwohl zu dienen, fortzusetzen und dafür zu sorgen, daß Ideologien, die die Gewissen verdunkeln oder verwirren und die eine illusorische Auffassung vom Wahren und Guten vertreten, keine Verbreitung finden mögen. Zum Beispiel gibt es im wirtschaftlichen Bereich eine Tendenz, die das Wohl mit dem Profit gleichsetzt. Auf diese Weise zersetzt sie die Kraft des Ethos von innen her und bringt am Ende den Profit selbst in Gefahr. Einige meinen, daß die menschliche Vernunft nicht in der Lage sei, die Wahrheit zu erfassen, und daher unfähig, das Wohl anzustreben, das der Würde der Person entspricht. Einige halten auch die Zerstörung des menschlichen Lebens in seiner vorgeburtlichen Phase oder in seiner Endphase für rechtmäßig. Besorgniserregend ist darüber hinaus die Krise, in der sich die Familie befindet, die Keimzelle der Gesellschaft, die auf der unauflöslichen Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gründet. Die Erfahrung zeigt: Wenn die Wahrheit des Menschen verletzt wird, wenn die Fundamente der Familie untergraben werden, dann ist der Friede selbst gefährdet, dann droht das Recht Schaden zu nehmen und man geht, als logische Folge daraus, Ungerechtigkeiten und Gewalt entgegen.

Ein weiterer Bereich, der euch am Herzen liegt, ist die Verteidigung der Religionsfreiheit, eines unaufhebbaren, unveräußerlichen und unverletzlichen Grundrechts, das in der Würde jedes Menschen verwurzelt und durch mehrere internationale Dokumente anerkannt ist, vor allem durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Die Ausübung dieser Freiheit umfaßt auch das Recht, die Religion zu wechseln, das nicht nur juridisch, sondern auch in der täglichen Praxis gewährleistet sein muß. Die Religionsfreiheit entspricht nämlich der dem menschlichen Geschöpf innewohnenden Öffnung zu Gott hin, der die Fülle der Wahrheit und das höchste Gut ist, und ihre Wertschätzung ist ein wesentlicher Ausdruck für die Achtung der menschlichen Vernunft und ihrer Fähigkeit zur Wahrheit. Die Öffnung zur Transzendenz ist eine unverzichtbare Gewährleistung der Würde des Menschen, weil es im Herzen jedes Menschen Sehnsüchte und Wünsche gibt, die nur in Gott Verständnis und Antwort finden. Daher kann man Gott nicht aus dem Horizont des Menschen und der Geschichte ausschließen! Aus diesem Grund muß dem gemeinsamen Wunsch aller echten religiösen Traditionen, die eigene Identität öffentlich zu zeigen, ohne gezwungen zu sein, sie zu verstecken oder zu tarnen, entsprochen werden.

Die Achtung der Religion trägt außerdem dazu bei, den wiederholten Vorwurf zu widerlegen, Gott vergessen zu haben. Unter diesem Vorwand versuchen einige terroristische Netze, die Bedrohung der Sicherheit der westlichen Gesellschaften von ihrer Seite zu rechtfertigen. Der Terrorismus ist ein sehr ernstzunehmendes Phänomen, das oft soweit geht, Gott zu instrumentalisieren und das menschliche Leben in nicht zu rechtfertigender Weise zu verachten. Sicher hat die Gesellschaft das Recht, sich zu verteidigen, aber dieses Recht muß, wie jedes andere Recht auch, stets unter voller Achtung der moralischen und juridischen Normen ausgeübt werden, auch was die Wahl der Ziele und der Mittel angeht. In demokratischen Systemen rechtfertigt die Anwendung von Gewalt niemals den Verzicht auf die rechtsstaatlichen Grundsätze. Kann man denn die Demokratie schützen, indem man ihre Grundlagen gefährdet? Es ist daher notwendig, die Sicherheit der Gesellschaft und ihrer Mitglieder mutig zu verteidigen, die unveräußerlichen Rechte jeder Person müssen dabei aber gewahrt bleiben. Der Terrorismus muß entschlossen und wirksam bekämpft werden – im Bewußtsein, daß das Böse ein durchdringendes Geheimnis ist, die Solidarität der Menschen im Guten aber ein Geheimnis, das noch stärker ausstrahlt und sich verbreitet.

Die Soziallehre der Kirche bietet in diesem Zusammenhang Elemente zur Reflexion, die nützlich sind, um Sicherheit und Gerechtigkeit sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zu fördern – ausgehend von der Vernunft, vom Naturrecht und auch vom Evangelium, also von dem, was der Natur des Menschen entspricht und diese auch übersteigt. Die Kirche weiß, daß es nicht ihr Auftrag ist, selbst diese Lehre politisch durchzusetzen: Im Übrigen will sie der Gewissensbildung in der Politik dienen und helfen, daß die Hellsichtigkeit für die wahren Ansprüche der Gerechtigkeit wächst und zugleich auch die Bereitschaft, von ihnen her zu handeln, selbst wenn das verbreiteten Interessenlagen widerspricht (vgl. Deus caritas est, 28). In ihrer Sendung wird die Kirche bewegt von der Liebe zu Gott und zum Menschen sowie von dem Wunsch, mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten, um eine Welt aufzubauen, in der die Würde und die unveräußerlichen Rechte aller Personen gewahrt werden. Diejenigen, die an Christus glauben, bittet die Kirche, diesen Glauben heute zu bezeugen, mit noch mehr Mut und Großherzigkeit. Die Konsequenz der Christen ist nämlich auch im politischen Leben unverzichtbar, damit das »Salz« des apostolischen Einsatzes seinen »Geschmack« nicht verliert und das »Licht« der Ideale des Evangeliums in ihrem täglichen Handeln nicht verdunkelt wird.

Meine Damen und Herren Abgeordneten, ich danke Ihnen noch einmal für Ihren willkommenen Besuch. Während ich meine besten Wünsche für Ihre Arbeit zum Ausdruck bringe, versichere ich Sie eines Gebetsgedenkens, auf daß Gott Sie und Ihre Familien segnen und Ihnen Weisheit, Konsequenz und moralische Stärke gewähren möge für den Dienst an der großen und edlen Sache des Menschen und des Gemeinwohls.

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]