Benedikt XVI. in Neapel: Wo Gewalt zur Normalität geworden ist, muss Liebe den Hass besiegen

Sechste Pastoralreise des Papstes innerhalb Italiens

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NEAPEL, 22. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Stürmischer Wind und kalter Regen schlugen Papst Benedikt XVI. entgegen, als er gestern, Sonntag, am Hafen von Neapel aus dem Hubschrauber der italienischen Luftwaffe stieg. Der Neapler Erzbischof Kardinal Crescenzio Sepe begrüßte den Heiligen Vater zusammen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Romano Prodi, dem Justizminister Clemente Mastella, dem Präsidenten der Region Kampanien, Antonio Bassolino; dem Präsidenten der Provinz, Dino Di Palma, und der Bürgermeisterin der Stadt Neapel, Rosa Russo Jervolino.



Nur acht Stunden hielt sich der Papst in Neapel auf: acht intensive Stunden in einer der wichtigsten Metropolen Süditaliens, der ehemaligen Hauptstadt eines Kultur schaffenden Königreichs, einer Stadt mit großer Heiligen, die den Glauben der Bewohner lebendig begleiten. Gleichzeitig aber ist Neapel auch die Stadt der Camorra, des weit verbreiteten und bestens organisierten Verbrechernetzwerks, das, was die Gefährlichkeit angeht, heute noch vor der der sizilianischen Mafia, der kalabresischen N’drangheta und der apulischen Sacra Corona Unita liegt.

Die Menschen der Stadt, die sich nach Normalität sehnen, müssen sich tagtäglich mit Drogen, Waffenhandel und einer alles durchdringenden Korruption durch das organisierte Verbrechen auseinandersetzen. Die Peripherien der Stadt sind sich selbst überlassen, die Camorra hat teilweise die Staatsmacht ersetzt. Wirkliche Armut – nicht die Armut des Wohlstandsmenschen, der sich vielleicht keinen zweiten Urlaub leisten kann – regiert und bestimmt die Bedürfnisse der Menschen. Die Politik ist oft abwesend, viele Politiker sind mit der Macht der Camorra verbunden. Die Hoffnung, dass es eine politische oder institutionelle Macht geben könnte, die an der tragischen Situation etwas von Grund auf erneuert und in der Lage ist, der Übermacht der Camorra Widerstand zu leisten, gerät immer mehr ins Wanken. In einer Stadt, in der politische Parteien im Wahlkampf mit der Verteilung von Nudelpackungen auf Stimmfang gehen, ist das Ansehen des Staates im Keller. Die Bevölkerung lebt am Rand einer lethargischen Resignation.

Kardinal Sepe ist sich der Tatsache bewusst, dass sich die Kirche als einzige nicht kompromittierte Institution an vorderster Front für eine Erneuerung des Lebens der Stadt einsetzt. Die Priester arbeiten gerade an den Orten, an denen das soziale Gewebe zerrissen ist. Die Kirche bildet oft den einzigen Anlaufhafen, der es ermöglicht, aus dem Teufelskreis Armut – keine Ausbildung – keine Arbeit – kein Vertrauen in den Nächsten und in die Zukunft auszubrechen. Kardinal Sepe gehört zu jenen Bischöfen, die ihre Priester und die gläubigen Laien zu einem langwierigen, aber aussichtsreichen Grabenkampf gegen die geistige und geistliche Verarmung sowie zum Widerstand gegen die Unmenschlichkeit des Verbrechens anspornt. Nicht umsonst würdigte Benedikt XVI. die Anstrengungen des Kardinals in außergewöhnlicher Weise, indem er während seiner Predigt drei Mal auf den Pastoralbrief Sepes für die Diözese verwies.

In diese Wirklichkeit kam der Papst, der seinen Blick auf die gesamte neapolitanische Realität lenkte. „Deus caritas est“ – Benedikt XVI. setzte die Liebe Gottes, die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten einer Wirklichkeit entgegen, in der die Gewalt „zu einer Mentalität“ zu werden droht.

Im Vorfeld hatte sich Neapel gefragt: Wird der Papst „nur“ als Pilger kommen? Wird er uns „nur“ von Gott erzählen? Wird er uns „nur“ die Schrift auslegen und uns in den Atem der Tradition einfügen?

Benedikt XVI. ging von den Lesungen des Tages aus und rückte das Gebet des Christen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: Der Christ sei kein „Fatalist“, das Gebet nicht Ausdruck des Nichtstuns. Das Gebet trägt das Zeichen des „Kampfes“.

Papst Benedikt erinnerte daran, dass das Leben für viele nicht einfach ist, und klagte den Krebs an, der die Gesellschaft befallen hat: Armut, Wohnungsmangel, Arbeitslosigkeit, zu wenig Arbeit, das Fehlen von Zukunftsperspektiven bedrücke die Menschen. Die Gewalt des Verbrechens, die Unzahl von Toten, die Gewalt, die zum durchdringenden Element der Gesellschaft wird – all dies erfordere Handeln. Benedikt XVI. mahnte an, dass nur ein Vorbeugen durch Schulbildung, durch eine neue Kultur der Arbeit und eine konkrete Hilfe für die Jugend bei der Gestaltung ihrer freien Zeit langfristig Änderung herbeiführen kann. Die ganze Gesellschaft muss nach Worten des Bischofs von Rom in den Kampf gegen die Gewalt mit einbezogen werden. „angefangen bei der Bildung der Gewissen, durch die die Mentalitäten, Einstellungen und Verhaltensweisen aller Tage verwandelt werden“.

Für Neapel, so Papst Benedikt, brauche es „gewiss angemessene politische Schritte“. Zuvor aber sei „vor allem eine tiefe geistliche Erneuerung“ erforderlich. „Neapel braucht Gläubige, die ihr Vertrauen wieder ganz auf Gott setzen und die sich mit seiner Hilfe dafür einsetzen, die Werte des Evangeliums in der Gesellschaft zu verbreiten.“

Benedikt XVI. rief das Christenvolk der Stadt zum Kampf in der Lieben gegen Hass und Gewalt auf. Gerade dort, wo die Politik versagt und am Abgrund der Korruption ihr Überleben riskiert, gerade dort müsse die Kirche wahres Engagement an den Tag legen. Nicht umsonst lobte der Papst den Einsatz Kardinal Sepes für die moralische Erneuerung der Stadt, die dieser gerade in den berüchtigten Stadtvierteln mit unerlässlicher Energie vorwärts treibt. Gerade an diesen Orten ist der Kardinal ein gern gesehener Gast – Licht der Hoffnung, dass es einen Weg aus der Misere geben kann.

Die Sendung der Kirche besteht nach Worten Benedikts XVI. darin, immer den Glauben und die Hoffnung der Christen zu nähren.“ Gerade dies tue der Erzbischof der Stadt. „Ja, die wahre Hoffnung entsteht nur aus dem Blut Christi und aus dem Blut, das für ihn vergossen wird. Es gibt Blut, das Zeichen des Todes ist; aber es gibt Blut, das Liebe und Leben ausdrückt: Das Blut Jesu und das der Märtyrer, wie das eures geliebten Patrons, des heiligen. Januarius, ist Quelle neuen Lebens.“

Nach der Heiligen Messe traf Papst Benedikt XVI. mit den Leitern der Delegationen zusammen, die an der Internationalen Begegnung für den Frieden teilnehmen, die von der Gemeinschaft Sant’Egidio organisiert wird. An sie richtete der Papst ein Grußwort. Im Anschluss daran speiste er zu Mittag im Erzbischöflichen Seminar von Capodimonte zusammen mit den Kardinälen, den Bischöfen Kampaniens und den Teilnehmern des interreligiösen Friedenstreffens, das am Mittwoch zu Ende gehen wird.

Am Nachmittag besuchte Benedikt XVI. die Kathedrale von Neapel und verehrte dort die Reliquien des heiligen Stadtpatrons Januarius, der unter Kaiser Diokletian im Jahr 305 enthauptet worden war. Das berühmte Blutwunder – das in einem Gefäß aufbewahrte Blut des Heiligen wird flüssig – wiederholt sich dreimal pro Jahr: am ersten Samstag im Monat März; am 19. September, dem Jahrestag seiner Enthauptung, und schließlich am 16. Dezember, in Erinnerung an den Vesuv-Ausbruch, der 1631 auf die Fürsprache des Heiligen aufgehalten worden war.

In der Kathedrale blieb der Papst außerplanmäßig beim Ensemble der Kantoren stehen, um sich für ihre Darbietung zu bedanken: „Ich wusste, dass Neapel noch immer eine große Hauptstadt der Musik ist.“