Benedikt XVI. ist im Dialog mit dem Islam einer der engagiertesten Päpste

Kardinal Tauran über den Ausgang der Internationalen Konferenz über Leben und Werk von Pater Ludovico Marracci

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ROM, 19. November 2012 (ZENIT.org). - Benedikt XVI. sei im Dialog mit dem Islam einer der engagiertesten Päpste aller Zeiten. „Der interreligiöse Dialog findet nicht zwischen den Religionen, sondern zwischen Gläubigen statt“. So äußerte sich Kardinal Tauran zum Abschluss der Internationalen Konferenz über das Leben und das Werk von Pater Ludovico Marracci, der 1698 eine der ersten lateinischen Übersetzungen des Korans veröffentlichte. Die Konferenz wurde vom Orden der Regularkleriker der Mutter Gottes (OMD) organisiert und fand am 15. und 16. November in Rom statt.

Die Vormittagssitzung, unter dem Vorsitz von Miguel Angel Ayuso Guixot, Sekretär des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, begann mit einem Vortrag von Giovanni Pizzorusso von der Universität „Gabriele d’Annunzio“ (Chieti-Pescara), der das lebhafte kulturelle Umfeld wiederaufleben ließ, das im Rom des 17. Jahrhunderts existierte und dem Marracci als Orientalist voll angehörte. Gelehrte wie Marracci seien ein Ausdruck des gewachsenen Interesses der Päpste für den Orient und den Islam gewesen. Die damals gängige Auffassung habe ungefähr gelautet: „Der Koran steht nicht im Widerspruch zu den Evangelien, solange er sich an die Wahrheit hält“. Pizzorusso schilderte, wie der Koran im 17. Jahrhundert von der Kirche rezipiert wurde; in derselben Zeit, als Papst Gregor XVI. die Kongregation „De Propaganda Fide“ („zur Verbreitung des Glaubens“) gründete (1622) und zahlreiche Studienzentren bei den religiösen Orden einrichten ließ.

Mit den Quellen, die Marracci zur Verfügung standen, befasste sich der Vortrag von Roberto Tottoli von der Universität „L’Orientale“ in Neapel, der auf die verschiedenen andalusischen und maurischen Manuskripte einging, die in Rom aufbewahrt werden und sich direkt auf den Koran beziehen.

Der Vortrag von Giovanni Rizzi (Päpstliche Universität Urbaniana) berichtete von der ebenfalls von Marracci vorgenommenen Übersetzung der Bibel ins Arabische (die „Biblia sacra arabica“), die Rizzi als „christlich-arabische Sprache“ bezeichnete. Dieses Werk habe das doppelte Ziel verfolgt, den arabisch sprechenden Christengemeinden eine exakte Bibelübersetzung zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig den Muslimen eine Annäherung an das Christentum zu ermöglichen.

Die Vormittagssitzung endete mit einer Debatte, in deren Verlauf die Vortragenden die zahlreichen Fragen beantworten konnten, die ihnen vom Publikum gestellt wurden. Dabei ging es hauptsächlich um die Frage, warum das Werk Marraccis von der zeitgenössischen islamischen Kultur so wenig zur Kenntnis genommen wurde, um Marraccis Kompetenz im Gebrauch der Quellen, nicht ausgenommen auch der hebräischen Texte, und um seine missionarische und philologische Berufung.

Den Vorsitz der Nachmittagssitzung führte Kardinal Jean-Louis Tauran, Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog. „Für uns Christen ist die wahre Neuigkeit kein Buch, sondern die Person Christi“, erklärte Kardinal Tauran und verwies dadurch auf einen Unterschied zwischen Christentum und Islam, erinnerte aber zugleich auch daran, dass es ohne den Willen, dem anderen zuzuhören, keinen echten interreligiösen Dialog geben könne, denn „Religion ist ein Ausdruck der Öffnung des Menschen zum Transzendentalen“.

Andererseits verwies Giovanni Maria Vian, Direktor des „Osservatore Romano”, gerade auf die Wichtigkeit der Heiligen Schriften, indem er erklärte, dass der Koran bis ins 10. Jahrhundert „unantastbar“, das heißt auch unübersetzbar gewesen sei, während für uns Christen die Heilige Schrift zwar „von Gott offenbart“, aber „nicht in ihrer buchstäblichen Form oder im einzelnen Wort unabänderlich“ sei, was uns eine gewisse Distanz gebe, „die uns vor dem Fundamentalismus bewahrt“.

Zum Abschluss dankte Pater Francesco Petrillo, Generalrektor der Regularkleriker der Mutter Gottes, allen Teilnehmern mit den Worten: „Diese Konferenz hat uns Gelegenheit gegeben, ein weiteres Charisma unseres Ordensgründers, des heiligen Johannes Leonardi, wiederzuentdecken: seinen missionarischen Geist“.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]