Benedikt XVI.: Kein wissenschaftlicher Fortschritt ohne Fortschritt in der Liebe

Die Wissenschaft darf nicht zum Kriterium des Guten werden

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ROM, 28. Januar 2008 (ZENIT.org).- In seiner Ansprache vor den Teilnehmern des interakademischen Kongresses zum Thema „Die wechselnde Identität des Individuums“ konzentrierte sich Papst Benedikt XVI. auf die Identität des Menschen in seiner Beziehung zum Schöpfer sowie auf den wissenschaftlichen Fortschritt.



In der heutigen Zeit des verführerischen wissenschaftlichen Fortschritts „ist es mehr denn je notwendig, die Gewissen unserer Zeitgenossen zu erziehen, damit die Wissenschaft nicht zum Kriterium des Guten wird“, bekräftigte der Heilige Vater. Der Mensch sei „als Mittelpunkt der Schöpfung“ zu respektieren. Deshalb dürfe er nie zum Gegenstand ideologischer Manipulation, willkürlicher Entscheidungen oder des Missbrauchs seitens der Stärkeren gegenüber den Schwächeren werden. Dies gelte umso mehr angesichts der Bedrohungen, die die Menschheit im Lauf ihrer Geschichte und vor allem im 20. Jahrhundert erfahren habe.

Jeder wissenschaftliche Fortschritt muss nach Worten Benedikts XVI. auch ein Fortschritt in der Liebe im Dienst an den Menschen und der ganze Menschheit sein. In dem Augenblick, in dem die exakten Natur- und Humanwissenschaften zu bewundernswerten Fortschritten in der Erkenntnis des Menschen und des Universums geführt haben, sei es vonnöten, der Versuchung zu widerstehen, „die Identität des Menschen völlig abzukoppeln“. Der Mensch besitze ein ihm eigenes Geheimnis. „Keine Wissenschaft kann sagen, wer der Mensch ist, woher er kommt und wohin er strebt.“

Der Mensch gehe immer weit über das hinaus, was man sieht oder durch die Erfahrung wahrnimmt. Die Vernachlässigung der Frage über das Sein des Menschen „führt unvermeidlich zur Ablehnung der objektiven Forschung über das Sein in seiner Ganzheitlichkeit“. Und nach und nach werde man nicht mehr in der Lage sein, die Grundlagen zu erkennen, auf denen die Würde des Menschen basiert, die Würde „eines jeden Menschen, vom embryonalen Zustand bis zum natürlichen Tod“. Philosophie und Theologie könnten helfen, die „Identität des Menschen, der immer im Werden ist“, wahrzunehmen.

„Der Mensch ist kein Ergebnis des Zufalls“, stellte der Papst fest. Ebenso wenig sei er ein „Bündel von Konvergenzen und Determinismen oder physikalisch-chemischen Interaktionen“. Der Mensch sei ein freies Wesen; seine Freiheit transzendiere seine Natur.

Mit einem Zitat des französischen Philosophen Blaise Pascal betonte Benedikt XVI., dass „der Mensch den Menschen unendlich überwindet“. Das Geheimnis des Menschen sei „von der Alterität gezeichnet“: Der Mensch, von Gott geschaffen, „ist geliebt und geschaffen, um zu lieben“. Als Mensch sei er nie „in sich verschlossen“, sondern „Träger der Alterität“. Von Beginn an interagiere er mit den anderen Menschen.

Jede wissenschaftliche Bemühung sollte in diesem Sinn auch eine Liebesbemühung sein und ihren Beitrag zum Aufbau der Identität des Menschen leisten. Denn die Liebe sei es, die den Menschen aus sich herausgehen lasse, um den anderen zu entdecken und zu erkennen. Indem der Mensch sich dem anderen öffne, behaupte er auch seine eigene Identität als Subjekt – da der andere mich mir selbst offenbart.

Die dem Menschen eigene Freiheit bedinge, dass die Menschen „ihr Leben auf ein Ziel ausrichten können“. Durch seine Taten „kann der Mensch sich zum Guten hin ausrichten, zu dem er für die Ewigkeit berufen ist“. Diese Freiheit sei es, die dem Dasein des Menschen Sinn gebe.

In der Ausübung seiner Freiheit verwirkliche der Mensch die ihm eigene Berufung und verleihe seiner tiefen Identität Gestalt. So übe der Mensch seine Verantwortung aus. „Die besondere Würde des Menschen ist somit gleichzeitig ein Geschenk Gottes und eine zukünftige Verheißung.“

Die besondere, von Gott „als Siegel“ gegebene Fähigkeit des Menschen bestehe darin, das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Daher sei der Mensch dazu berufen „sein Gewissen weiterzuentwickeln“ und ein Leben zu führen, das „auf die wesentlichen Gesetze“ Rücksicht nehme: „das Gesetz der Natur und das natürliche Sittengesetz“.

Benedikt XVI. beschloss seine Ansprache vor den Akademikern mit dem Wunsch, bei der Suche nach der Wahrheit den Spuren des heiligen Thomas von Aquin zu folgen, dessen Gedenktag heute begangen wird.

Im heutigen Tagesgebet betet die Kirche: „Gott, du Quell der Weisheit, du hast dem heiligen Thomas von Aquin ein leidenschaftliches Verlangen geschenkt, nach Heiligkeit zu streben und deine Wahrheit zu erfassen. Hilf uns verstehen, was er gelehrt, und nachahmen, was er uns vorgelebt hat.“