Benedikt XVI.: Keine Entfaltung des wahren Menschseins ohne Geschichte

Empfang der Mitglieder des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften

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ROM, 7. März 2008 (ZENIT.org).- Die Geschichtsvergessenheit bedeutet eine ernste Gefahr für die Integrität der menschlichen Natur in all ihren Dimensionen. Das betonte Benedikt XVI. heute Vormittag beim Empfang der Mitglieder des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften. Die Kirche ist nach Worten des Heiligen Vaters vom Schöpfergott dazu berufen, der Pflicht der Verteidigung des Menschen und seiner Menschlichkeit nachzukommen. Deshalb lägen ihr auch eine wahre geschichtliche Kultur und ein effektiver Fortschritt in den Geschichtswissenschaften am Herzen.



Nach den Grußworten des Präsidenten des Komitees, Prälat Professor Dr. Walter Brandmüller, dankte der Papst den Anwesenden für die Arbeit der letzten Jahre. Er erinnerte an die Gründung des Komitees durch seinen Vorgänger Leo XIII. – in einer Zeit, als die Geschichtsschreibung von einem kirchenfeindlichen Geist geleitet worden sei. „Non abbiamo paura della pubblicità dei documenti – wir haben keine Angst vor dem öffentlichen Zugang zu den Dokumenten“: Mit diesen Worten habe Leo XIII. eine neue Phase der Kirchengeschichtsschreibung eingeleitet. Er sei davon überzeugt gewesen, dass das Studium und die Schilderung der wahren Geschichte der Kirche nur günstig für diese sein könnten.

Seither habe sich der kulturelle Kontext geändert. Benedikt XVI. sprach in diesem Zusammenhang von einer „schweren Krise“ der Geschichtswissenschaft. Diese müsse heute um ihr Überleben kämpfen, da die Gesellschaft von Positivismus und Materialismus geprägt sei.

Diese beiden Ideologien, so Benedikt XVI., haben zu einer zügellosen Fortschrittsbegeisterung geführt, die das Verständnis des Lebens breiter Schichten der Gesellschaft bestimmt. In dieser positivistischen Sicht erscheine die Vergangenheit nur als ein „dunkler Hintergrund“, vor dem die Gegenwart und die Zukunft mit verführerischen Versprechungen glänzen.

Eine typische Folge dieses Prozesses bestehe darin, dass die Geschichtswissenschaften an den Rand gedrängt werden. Die Stärke dieser ideologischen Kräfte führe dazu, dass die historische Forschung und Lehre an den Schulen und Universitäten vernachlässigt würden.

„Dies führt zu einer Gesellschaft, die ihre Vergangenheit vergisst, keine Kriterien hat, die durch die Erfahrung gewonnen sind, und die somit unfähig ist, ein einträchtiges Zusammenleben und eine gemeinsame Anstrengung bei der Verwirklichung künftiger Zielsetzungen zu entwerfen.“ Eine derartige Gesellschaft sei der Gefahr der ideologischen Manipulation in besonderem Maße ausgesetzt.

Benedikt XVI. hob hervor, dass diese Gefahr auch aufgrund der „übertriebenen Betonung“ der Gegenwartsgeschichte wachse. Dies gelte insbesondere dann, wenn die Forschung in diesem Bereich von einer positivistisch und soziologisch geprägten Methode inspiriert ist. Ergebnis sei eine Gesellschaft, der ihr historisches Gedächtnis abhanden gekommen ist.

„Es ist offensichtlich, dass eine derartige Geschichtsvergessenheit eine Gefahr für die Integrität der menschlichen Natur in all ihren Dimensionen mit sich bringt“, so der Papst. Die Kirche sei vom Schöpfergott dazu berufen, der Pflicht der Verteidigung des Menschen und seiner Menschlichkeit nachzukommen. Deshalb lägen ihr eine wahre geschichtliche Kultur und ein effektiver Fortschritt in den Geschichtswissenschaften am Herzen. „Die Kirche ist nicht von dieser Welt“, so Benedikt XVI., „aber sie lebt in ihr und für sie“.

Der Papst betrachtete zum Schluss seiner Ansprache die Kirchengeschichte unter einem theologischen Gesichtspunkt. Wesentliche Aufgabe der Kirchengeschichte sei es, den Prozess der Aufnahme und der Übertragung zu klären, durch den sich im Lauf der Jahrhunderte der Seinsgrund der Kirche konsolidiert hat. Dieser Prozess der Tradition verbunden mit dem jahrhundertealten Schatz an Erfahrungen und geschichtlichem Gedächtnis bilde für das Handeln der Kirche eine unbezweifelbare Quelle der Inspiration.