Benedikt XVI.: Kontemplation und Aktion, Zusammenfassung des Christseins

Isidor von Sevilla, der letzte Kirchenvater der Antike

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ROM, 18. Juni 2008 (ZENIT.org).- Isidor von Sevilla (* um 560 in Cartagena, Spanien; † 4. April 636 in Sevilla), der letzte Kirchenvater der Spätantike, stand im Mittelpunkt der heutigen Katechese Papst Benedikts XVI. während der Generalaudienz. Der große Heilige lehre die Christen von heute, zur rechten Einheit von kontemplativem und aktivem Leben zu kommen.


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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich über den hl. Isidor von Sevilla sprechen: Er war der jüngere Bruder von Leander, Bischof von Sevilla, und ein großer Freund Papst Gregors des Großen. Diese Hervorhebung ist wichtig, da sie es gestattet, eine unverzichtbare kulturelle und geistliche Annäherung zum Verständnis der Person Isidors im Blick zu behalten. Er verdankt nämlich viel Leander, einer sehr anspruchsvollen, fleißigen und strengen Person, die um den jüngeren Bruder herum eine familiäres Umfeld geschaffen hatte, das von den asketischen Anforderungen, die einem Mönch eignen, und von Arbeitsrhythmen charakterisiert waren, die eine ernsthafte Hingabe an die Studien erfordert. Darüber hinaus hatte Leander dafür gesorgt, das Notwendige bereitzustellen, um der politisch-sozialen Lage der damaligen Zeit zu begegnen. In jenen Jahrzehnten waren die Westgoten, Barbaren und Arianer in die iberische Halbinsel eingefallen und hatte sich der Territorien bemächtigt, die zum Römischen Reich gehörten. Sie mussten für die „romanitas“ und den katholischen Glauben zurückerobert werden. Das Haus Leanders und Isidors hatte eine Bibliothek, die sehr reich an klassischen heidnischen und christlichen Werken war. Isidor, der sich gleichzeitig sowohl von den einen als auch von den anderen angezogen fühlte, wurde daher dazu erzogen, unter der Verantwortung des älteren Bruders eine sehr starke Disziplin bei seinem Studium zu entwickeln, dies verbunden mit Urteilskraft und Unterscheidungsfähigkeit.

Im Bischofshaus von Sevilla lebte man daher in einer ausgeglichenen und offenen Atmosphäre. Dies können wir den kulturellen und geistlichen Interessen Isidors entnehmen, wie sie aus seinen Werken hervorgehen, die eine enzyklopädische Kenntnis der klassischen heidnischen Kultur und eine vertiefte Kenntnis der christlichen Kultur umfassen. So erklärt sich der Eklektizismus, der das literarische Schaffen Isidors kennzeichnet, der mit extremer Leichtigkeit von Martial zu Augustinus, von Cicero zu Gregor dem Großen schweift. Der innere Kampf, den der junge Isidor ausstehen musste, nachdem er im Jahr 599 Nachfolger des Bruders auf dem Bischofsstuhl von Sevilla geworden war, war in der Tat nicht leicht. Vielleicht ist gerade diesem ständigen Kampf mit sich selbst der Eindruck eines Exzesses an Voluntarismus zu verdanken, den man beim Lesen der Werke dieses großen Schriftstellers wahrnimmt, der als der letzte christliche Kirchenvater der Antike angesehen wird. Wenige Jahre nach seinem Tod im Jahr 636 bezeichnete ihn das Konzil von Toledo des Jahres 653 als „berühmten Lehrmeister unseres Zeitalters und Ehre für die katholische Kirche“.

Isidor war zweifellos ein Mann von zugespitzten dialektischen Gegensätzen. Und er erfuhr auch in seinem persönlichen Leben einen ständigen inneren Konflikt, der demjenigen, den Gregor der Große und der hl. Augustinus wahrgenommen hatten, sehr ähnlich war: einen Konflikt zwischen dem Wunsch nach Einsamkeit, um sich einzig der Betrachtung des Wortes Gottes zu widmen, und der Erfordernis der Liebe gegenüber den Brüdern, für deren Heil er sich als Bischof beauftragt sah. Er schreibt zum Beispiel hinsichtlich der Verantwortlichen der Kirche: „Der Verantwortliche einer Kirche („vir ecclesiasticus“) muss sich einerseits für die Welt durch die Demütigung des Fleisches kreuzigen lassen, und andererseits muss er die Entscheidung der kirchlichen Ordnung akzeptieren, wenn sie dem Willen Gottes entstammt, sich der Regierung mit Demut zu widmen, auch wenn er dies nicht tun wollte“ (Sententiarum liber III, 33, 1: PL 83, col 705 B). Und einen Paragraphen weiter fügt er hinzu: „Die Männer Gottes („sancti viri“) wünschen es mitnichten, sich den Dingen der Welt zu widmen, und stöhnen, wenn ihnen durch einen geheimnisvollen Plan Gottes gewisse Verantwortungen auferlegt werden… Sie tun alles, um sie zu vermeiden, aber sie nehmen das an, wessen sie entfliehen möchten, und tun das, was sie zu vermeiden gewollt hätten. Sie treten nämlich in die Tiefe des Herzens ein und suchen dort zu verstehen, was der geheimnisvolle Wille Gottes fordert. Und wenn sie sich darüber klar werden, dass sie den Plänen Gottes untertan sein müssen, so erniedrigen sie den Hals des Herzens unter das Joch der göttlichen Bestimmung“ (Sententiarum liber III, 33, 3: PL 83, coll. 705-706).

Um Isidor besser zu verstehen, muss vor allem an die Verworrenheit der politischen Situationen seiner Zeit erinnert werden, die ich bereits angedeutet habe: Während der Jahre seiner Kindheit hatte er die Bitternis der Verbannung erfahren müssen. Nichtsdestoweniger war er von apostolischem Enthusiasmus durchdrungen: Er erfuhr die Begeisterung, einen Beitrag zur Bildung eines Volkes zu leisten, das sowohl auf politischer als auch religiöser Ebene endlich seine Einheit wiederfand – durch die von der Vorsehung bestimmte Bekehrung des westgotischen Thronerbens Hermenegild vom Arianismus zum katholischen Glauben. Dennoch darf die große Schwierigkeit nicht unterbewertet werden, die sich daraus ergab, in angemessener Weise sehr schwerwiegenden Problemen wie den Beziehungen mit den Irrlehrern und den Juden entgegenzutreten. Eine Reihe von Problemen, die auch heute sehr konkret erscheinen, vor allem wenn man beachtet, was in gewissen Gegenden geschieht, in denen es fast scheint, Situationen beobachten zu können, die denen auf der iberischen Halbinsel in jenem sechsten Jahrhundert sehr ähneln. Der Reichtum an kultureller Kenntnis, über den Isidor verfügte, gestattete es ihm, ständig die christliche Neuheit mit dem klassischen griechisch-römischen Erbe zu vergleichen, auch wenn es scheint, dass er weniger die wertvolle Gabe der Synthese als vielmehr jene der „collatio“ sein eigen nennen konnte, das heißt die Gabe der Sammlung, die in einer außerordentlichen persönlichen Bildung zum Ausdruck kam, die nicht immer so geordnet war, wie man sich das hätte wünschen können.

Zu bewundern ist auf jeden Fall seine große Sorge darum, nichts von dem zu vernachlässigen, was die menschliche Erfahrung in der Geschichte seiner Heimat und in der ganzen Welt hervorgebracht hatte. Isidor hätte nichts von dem verlieren wollen, was der Mensch in den vergangenen Zeitaltern errungen hatte, seien diese heidnisch, jüdisch oder christlich gewesen. Es darf daher nicht überraschen, wenn es ihm bei der Verfolgung dieses Zwecks manchmal nicht gelang, die Kenntnisse, die er besaß, so angemessen, wie er es gewollt hätte, durch die reinigenden Wasser des christlichen Glaubens gehen zu lassen. Dennoch aber bleiben in der Absicht Isidors seine Vorschläge immer in Einklang mit dem katholischen Glauben, den er standhaft bekräftigte. In der Diskussion der verschiedenen theologischen Probleme zeigte er, dass er ihre Vielschichtigkeit vestand, und er schlug selbst oft scharfsinnig Lösungen vor, die die vollständige christliche Wahrheit aufnehmen und zum Ausdruck bringen. Das hat es den Gläubigen im Lauf der Jahrhunderte ermöglicht, mit Dankbarkeit bis in die heutige Zeit in den Genuss seiner Definitionen kommen zu können.

Ein bedeutsames Beispiel hierzu wird uns von der Lehre Isidors über das Verhältnis von aktivem und kontemplativem Leben geboten. Er schreibt: „Diejenigen, die die Ruhe der Kontemplation zu erreichen suchen, müssen sich vor allem auf dem Kampfplatz des aktiven Lebens üben; und so – befreit von den Schlacken der Sünden – werden sie in der Lage sein, jenes reine Herz zum Vorschein kommen zu lassen, das allein es erlaubt, Gott zu sehen“ (Differentiarum Lib II, 34, 133: PL 83, col 91A). Der Realismus eines wahren Hirten überzeugt ihn jedoch von der Gefahr, die die Gläubigen laufen, zu „eindimensionalen“ Menschen zu werden. Deshalb fügt er hinzu: „Das durchschnittliche Leben, das sich aus dem einen wie dem anderen Leben zusammensetzt, ist normalerweise nützlicher zur Lösung jener Spannungen, die oft durch die Wahl einer einzigen Lebensform verschärft und besser durch eine Abwechslung der beiden Formen gemäßigt werden“ (op. cit. 134: ebd., col 91B).

Die definitive Bestätigung einer rechten Orientierung für das Leben sucht Isidor im Vorbild Christi und sagt: „Jesus, der Heiland, bot uns das Vorbild des aktiven Lebens, wenn er sich tagsüber dem Wirken von Zeichen und Wundern in der Stadt hingab; aber er zeigte das kontemplative Leben, wenn er sich auf den Berg zurückzog und dort im Gebet die Nacht verbrachte“ (op.cit. 134: ebd.). Im Licht dieser Beispiele des göttlichen Meisters vermag es Isidor, mit dieser genauen moralischen Lehre zu schließen: „Deshalb widme sich der Diener Gottes in Nachahmung Christi der Kontemplation, ohne dem aktiven Leben zu entsagen. Sich anders zu verhalten wäre unrecht. Denn wie man Gott durch die Kontemplation lieben muss, so muss man den Nächsten durch das Handeln lieben. Es ist also unmöglich, ohne die gleichzeitige Gegenwart der einen wie der anderen Lebensform zu leben, noch ist es möglich zu lieben, wenn man nicht die Erfahrung der einen wie der anderen macht“ (op.cit., 135: ebd., col 91C). Ich denke, dass dies die Synthese eines Lebens ist, das die Kontemplation Gottes, das Gespräch mit Gott im Gebet sowie in der Lesung der Heiligen Schrift wie auch das Handeln im Dienst der menschlichen Gemeinschaft und des Nächsten sucht. Diese Synthese ist die Lehre, die der große Bischof von Sevilla uns Christen von heute hinterlässt, die wir dazu berufen sind, zu Beginn des neuen Jahrtausends Zeugnis für Christus abzulegen.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Der heilige Isidor von Sevilla gilt als der letzte Kirchenvater der christlichen Antike. Sein Leben und seine Lehre sind das Thema der heutigen Katechese. Isidor war der jüngere Bruder von Leander, dem er im Jahr 599 als Bischof von Sevilla in Südspanien nachfolgte. Wie wir es neulich von Papst Gregor dem Großen gehört haben, musste sich auch Isidor trotz seiner Neigung zum wissenschaftlichen und kontemplativen Leben mit vielen politischen und administrativen Fragen auseinandersetzen, die in seiner unruhigen Zeit für das Wohl der Gläubigen und des ganzen Volkes von großer Bedeutung waren. Die Werke des hl. Isidor bilden eine überaus vielfältige und umfangreiche, wenn auch nicht systematische Sammlung des heidnischen, christlichen und jüdischen Wissens seiner Zeit, das er angesichts der politischen Umwälzungen für seine Gläubigen und seine Nachwelt erhalten wollte. Daraus möchte ich eine wichtige Lehre über das kontemplative und das aktive Leben herausgreifen, in der vielleicht auch seine eigene Erfahrung mitschwingt. So warnt Isidor davor, „eindimensional“ zu leben und empfiehlt für die meisten Menschen einen Mittelweg zwischen der kontemplativen und der aktiven Lebensform. Der Diener Gottes soll Christus nachahmen, indem er seine Liebe zu Gott im betrachtenden Gebet vertieft und zugleich die Liebe zum Nächsten in den guten Werken übt.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Mit Freude grüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher hier auf dem Petersplatz. Einen besonderen Gruß richte ich an die Wallfahrer der Suchthilfeeinrichtungen des Deutschen Ordens. Achten auch wir darauf, dem Gebet und der Stille einen festen Platz in unserem Tagesablauf einzuräumen, damit unsere zahlreichen Aufgaben ihren wahren Sinn erhalten und zu einem Ausdruck der Hingabe an Gott und unsere Mitmenschen werden. Der Herr segne euch und eure Familien.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2008 – Libreria Editrice Vaticana]