Benedikt XVI. lobt Mut und Beharrlichkeit der Gläubigen im Irak

Ad-limina-Besuch der chaldäischen Bischöfe im Vatikan

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ROM, 27. Januar 2009 (Zenit.org).- „Ich begrüße den Mut und die Beharrlichkeit dieser Gläubigen", erklärte Papst Benedikt am 24. Januar in seiner Ansprache vor den irakischen Bischöfen. Der Papst bezeichnete ihren Besuch als Gelegenheit, sich in der schwierigen Zeit, die sie durchzustehen hätten, seines Gebetes und seiner geistigen Nähe zu versichern. Gleichzeitig ermutige er die Bischöfe, „die Gläubigen zu unterstützen, damit sie ihre akuten Schwierigkeiten überwinden und vor Ort präsent bleiben können". Außerdem gab er ihnen noch einen weiteren Auftrag mit: „Appelliert an die verantwortlichen Autoritäten, ihre Menschenrechte und ihre zivilen Rechte anzuerkennen."

Die Not der irakischen Christen war das Hauptgesprächsthema während des Ad-Limina-Besuchs der chaldäischen Bischöfe im Vatikan. Die irakischen Oberhirten nutzen die Gelegenheit, um die Welt aufzurufen, nicht auf sie zu vergessen. Die Bischöfe beklagten vor allem das „eisige Schweigen" der internationalen Gemeinschaft über die Not der irakischen Christen.

Vor dem Jahr 2003 gab es noch 800.000 Christen im Irak. Doch In den letzten fünf Jahren zwangen die furchtbaren Lebensbedingungen und die anti-christliche Gewalt rund die Hälfte der christlichen Bevölkerung zur Flucht. Unter handfesten Drohungen und Schikanen wurden die Christen aus ihren Häusern vertrieben und sitzen zu Hunderttausenden in einem der Nachbarländer fest, wo sie keinerlei Perspektiven haben und von ihren Erfahrungen im Irak noch schwer traumatisiert sind.

Absichtliche Vertreibung der Christen?
Der syrisch-katholische Erzbischof Athanase Matti Shaba Matoka von Bagdad meinte, die Lage sei so, dass man annehmen könne, es gebe „einen Plan, damit die Christen den Nahen Osten verlassen". Das Leben der Christen im Irak ist von Gewalt und Drohungen geprägt. Entführungen von christlichen Vätern, die gefoltert und verstümmelt wieder zu ihren Familien zurückgeschickt werden, gehören zum Alltag. Von Islamisten gegründete islamische Tribunale verkünden Todesurteile gegen Familien, die auf einem Zettel, der auf ihrer Haustür angeklebt ist, von ihrem Schicksal erfährt. „Wenn ihr nicht zum Islam übertretet, dann holen wir uns eure Töchter..." Solche Sprüche setzen viele unter großen Druck.

Die irakischen Bischöfe beklagten, die Massenflucht der Christen nicht verhindern zu können. Ihre Empörung über die Situation sei erst in den letzten Monaten von den Medien aufgegriffen worden. Der chaldäische Erzbischof Louis Sako von Kirkuk betonte, er wolle den Heiligen Vater bitten, eine eigene Synode für die Kirche im Irak vorzubereiten: „Wir benötigen dringend die Hilfe des Papstes. Dank seiner kontinuierlichen Appelle haben die internationalen Medien begonnen, über die irakische Angelegenheit zu berichten. Wir sind nicht in der Lage, die Zukunft des Irak zu planen. Der Heilige Stuhl könnte uns sicherlich die Hand reichen und uns unterstützen. Wir müssen den irakischen Christen Antworten geben, damit die Angst nicht Überhand nimmt. Wir brauchen andere. Im Irak muss es eine Demokratie geben, die auf ein Land abgestimmt ist, das noch nie eine hatte. Wir warten seit 35 Jahren auf sie." Bischof Warduni fügte hinzu: „Demokratie braucht Bildung und kann nicht erzwungen werden."

„Wir fühlen uns isoliert und verlassen", erklärte Erzbischof Sako. „Die wenigen Christen im Irak sind erschöpft und haben keine Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Denn sie haben Angst um ihre Kinder und um ihr Schicksal. Die Kirchen im Westen sind deshalb gefordert, ihren Glaubensgeschwistern zu helfen. Was die Christen im Irak betrifft, so ist es verantwortungslos, wenn sie ihr Land verlassen. Vielmehr müssen sie zusammen mit den Christen im Westen alles dafür tun, dass die irakischen Flüchtlinge wieder zurückkehren."

Die Christen sind für die irakische Gesellschaft unersetzlich
Papst Benedikt hofft ebenfalls auf einen Verbleib der irakischen Christen, denn sie seien, wie er am Samstag betonte, beim Aufbau einer neuen irakischen Gesellschaft unersetzlich. „Indem sie herzliche Beziehungen zu den Mitgliedern der anderen Gemeinschaften pflegt, ist die chaldäische Kirche dazu gerufen, eine wesentliche Vermittlerrolle beim Aufbau einer neuen Gesellschaft zu spielen, in der ein jeder in Eintracht und gegenseitigem Respekt leben kann", stellte der Heilige Vater fest. „Ich weiß, dass das Zusammenleben zwischen der muslimischen und der christlichen Gemeinschaft immer Unwägbarkeiten gekannt hat. Die Christen, die seit jeher im Irak leben, sind vollwertige Bürger mit den Rechten und den Pflichten aller, ohne Unterschied der Religion."

Der Papst verwies auch darauf, dass die Ursprünge der chaldäischen Kirche in die ersten Jahrhunderte des christlichen Zeitalters zurückreichten. Heute habe die chaldäische Kirche „einen wichtigen Platz" im Land und müsse ihre Mission weiterhin im Dienst der menschlichen und spirituellen Entwicklung erfüllen. „Dafür ist ein hohes Bildungsniveau der Gläubigen, besonders der Jugendlichen, erforderlich. Eine gute Ausbildung auf verschiedenen Wissensgebieten, den religiösen wie den profanen, ist eine wertvolle Investition für die Zukunft."

Ausdrücklich dankte der Papst allen, die irakische Flüchtlinge aufgenommen haben. Den Flüchtlingen selbst riet Benedikt, die Verbindungen mit ihrem Patriarchat zu intensivieren. „Es ist unerlässlich, dass die Gläubigen ihre kulturelle und religiöse Identität bewahren", so der Papst wörtlich. Wenige Tage nachdem der neue US-Präsident Barack Obama den definitiven Abzug der US-Truppen aus dem Irak in Aussicht gestellt hatte, rief der Papst die Oberhirten dazu auf, bei den Autoritäten auf die Beachtung der Menschenrechte für die christliche Minderheit zu pochen.

Der Abzug der US-Truppen, ein „Desaster"
Laut dem syrisch-katholischen Erzbischof Basile Georges Casmoussa von Mossul nahmen die Probleme des Landes nach der Ankunft der US-Truppen „hundertfach zu". Freilich: „Die Amerikaner sind nicht das Problem. Das eigentliche Problem der verschiedenen Gemeinschaften im Irak ist die Ablehnung des Anderen." Im Hinblick auf mögliche Änderungen, die der neue US-Präsident Barack Obama bringen könnte, hielt Sako fest: „Die Politik ist nicht nur von einer Person abhängig. Falls es zu einem Truppenabzug kommt, dann ist das ein Desaster. Es wird unweigerlich einen Bürgerkrieg im Irak geben. Es gibt nicht genügend irakische Armeeangehörige und Polizisten, die für die Sicherheit der Zivilbevölkerung sorgen können. Man bedenke, dass über 25 Millionen Menschen hier leben."

Die irakischen Bischöfe haben Benedikt XVI. vor ihrer Heimreise Geschenke überreicht. Während der gemeinsamen Abschlussaudienz am Ende ihres Ad-limina-Besuches schenkten die Oberhirten dem Papst ein Messgewand und eine Stola irakischer Märtyrer. Das Opfer der Märtyrer sei Zeichen der Liebe zur Kirche und zu ihrem Land, so Papst Benedikt bei der Entgegennahme der Geschenke. Die beiden Märtyrer Paul Faraj Rahho und Ragheed Ganni waren in den vergangenen zwei Jahren in Mossul im Irak getötet worden. „Ihr Opfer ist ein Zeichen ihrer Liebe zur Kirche und zu ihrem Land", erklärte der Papst.

Von Stefan Beig