Benedikt XVI.: „Maria, Mutter der Priester, bitte für uns!“

„Das Ja Mariens ist die Tür, durch die Gott die Welt betreten und Mensch werden konnte“

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ROM, 18. August 2009 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 12. August gehalten hat. Aus Anlass des aktuellen Priesterjahres und des bevorstehenden Hochfests der Aufnahme Mariens in den Himmel sprach der Papst über die Bedeutung der Mutter Jesu im Leben des Priesters.

„Liebe Brüder und Schwestern, beten wir, auf dass Maria alle Priester in allen Problemen der heutigen Welt dem Bild ihres Sohnes Jesus gleich werden lasse, Spender des unermesslichen Schatzes seiner Liebe: der des Guten Hirten. Maria, Mutter der Priester, bitte für uns!“ 

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Liebe Brüder und Schwestern!

Die Feier des Hochfestes der Aufnahme der seligen Jungfrau Maria in den Himmel am kommenden Samstag steht unmittelbar bevor, und wir befinden uns mitten im Priester-Jahr; so möchte ich über die Verbindung zwischen der Gottesmutter und dem Priestertum sprechen. Es handelt sich um eine zutiefst im Geheimnis der Menschwerdung verwurzelte Verbindung. Als Gott beschloss, in seinem Sohn Mensch zu werden, bedurfte er des freien „Ja“ eines seiner Geschöpfe. Gott handelt nicht gegen unsere Freiheit. Und es geschieht etwas wirklich Außerordentliches: Gott macht sich von der Freiheit des „Ja“ eines seiner Geschöpfe abhängig; er wartet auf dieses „Ja“. In einer seiner Homilien hat der hl. Bernhard von Clairvaux auf dramatische Weise diesen entscheidenden Moment der universalen Geschichte erklärt, in dem der Himmel, die Erde und Gott selbst darauf warten, was dieses Geschöpf sagen wird.

Das „Ja“ Mariens ist die Tür, durch die Gott die Welt betreten und Mensch werden konnte. So ist Maria wirklich zutiefst in das Geheimnis der Menschwerdung, unseres Heils hineingenommen. Und die Fleischwerdung, die Menschwerdung des Sohnes war von Anfang an auf die Hingabe seiner selbst ausgerichtet; auf die Hingabe in so großer Liebe am Kreuz, um zum Brot des Lebens für die Welt zu werden. So gehören Opfer, Priestertum und Menschwerdung zusammen, und Maria steht im Mittelpunkt dieses Geheimnisses.

Gehen wir jetzt zum Kreuz. Vor seinem Sterben sieht Jesus unter dem Kreuz die Mutter, und er sieht den geliebten Sohn, und dieser geliebte Sohn ist gewiss eine Person, ein sehr wichtiger Mensch, aber er ist mehr: er ist ein Beispiel, eine Vorwegnahme der Gestalt aller geliebten Jünger, aller Menschen, die vom Herrn berufen werden, um „geliebter Jünger“ zu sein, und folglich in besonderer Weise auch Vorwegnahme der Gestalt der Priester. Jesus sagt zu Maria: „Frau, siehe, dein Sohn“ (Joh 19,26). Es handelt sich um eine Art letzte Verfügung: Er vertraut seine Mutter der Sorge des Sohnes, des Jüngers an. Aber auch zum Jünger sagt er: „Siehe, deine Mutter“ (Joh 19,27). Das Evangelium sagt uns, dass der hl. Johannes, der geliebte Jünger, von dieser Stunde an die Mutter, Maria, „zu sich“ nahm. So die deutsche Übersetzung; der griechische Text aber ist viel tiefer, viel reicher. Wir könnten übersetzen: Er nahm Maria ins Innerste seines Lebens, seines Seins, „eis tà ídia”, in die Tiefe seines Seins auf. Maria zu sich nehmen bedeutet, sie in die Dynamik des ganzen eigenen Daseins aufzunehmen – das ist nichts Äußerliches –, in alles, was den Horizont des eigenen Apostolates bildet. Es scheint mir, dass demgemäß zu verstehen ist, wie die besondere Beziehung der Mutterschaft, die zwischen Maria und den Priestern besteht, die Hauptquelle, den Hauptgrund für die Liebe bildet, die sie für einen jeden von ihnen hegt. Maria liebt sie nämlich aus zwei Gründen: weil sie Jesus am meisten ähneln, der höchsten Liebe ihres Herzens, und weil auch diese wie sie an der Sendung arbeiten, Christus zu verkünden, zu bezeugen und der Welt zu geben. Aufgrund seiner Identifizierung und sakramentalen Gleichgestaltung mit Jesus, dem Sohn Gottes und Mariens, kann und muss sich ein jeder Priester wirklich als geliebter Sohn dieser höchsten und demütigsten Mutter empfinden.

Das II. Vatikanische Konzil lädt die Priester ein, auf Maria als vollkommenes Vorbild für das eigene Leben zu blicken und sie als „Mutter des höchsten und ewigen Priesters, die Königin der Apostel und Schützerin ihres Dienstes” anzurufen. Und die Priester – so fährt das Konzil fort – „sollen [sie] mit kindlicher Ergebung und Verehrung hochschätzen und lieben“ (vgl. Presbyterorum ordinis, 18). Der hl. Pfarrer von Ars, dessen wir in diesem Jahr besonders gedenken, liebte es zu wiederholen, dass „Jesus Christus, nachdem er uns alles gegeben hatte, was er uns geben konnte, uns noch das Wertvollste als Erbe hinterlassen wollte, das er besitzt, nämlich seine Mutter“ (in: Le curé d’Ars. Sa pensée – Son cœur. Présantés par l’Abbé Bernard Nodet, éd. Xavier Mappus, Foi Vivante, 1966, S. 244). Dies gilt für einen jeden Christen, für uns alle, in besonderer Weise jedoch für die Priester. Liebe Brüder und Schwestern, beten wir, auf dass Maria alle Priester in allen Problemen der heutigen Welt dem Bild ihres Sohnes Jesus gleich werden lasse, Spender des unermesslichen Schatzes seiner Liebe: der des Guten Hirten. Maria, Mutter der Priester, bitte für uns!

[Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Mit Freude begrüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache und unter ihnen besonders die vielen Jugendlichen aus dem Ferienlager in Ostia. Bei seiner Menschwerdung erwählte sich Jesus Christus eine leibliche Mutter, die ihn mit Liebe und Hingabebereitschaft annahm. Vom Kreuz herab hat der Erlöser uns allen Maria als geistliche Mutter geschenkt, und insbesondere gilt ihre Fürsorge den Priestern, die durch ihre Berufung und Weihe ihrem Sohn ähnlich geworden sind und mit ihrem ganzen Leben den Menschen die Liebe Christi erfahren lassen. Das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel am kommenden Samstag erinnert uns daran, dass die Gemeinschaft unter uns Christen mit dem Tod nicht endet, sondern sich intensiviert, weil die Heiligen im Himmel noch fester mit Gott verbunden sind und für uns auf der Erde Fürsprache leisten. So begleite uns besonders Maria, unsere himmlische Mutter, mit ihrem Segen. Euch allen wünsche ich erholsame Ferien!

[Übersetzung aus dem Italienischen von Ludwig Ritter; © Die Tagespost vom 18. August 2009]