Benedikt XVI.: Mit Christus wird \"eine andere Welt\" möglich

Gedanken über Psalm 143, \"Danklied auf das Glück des Gottesvolkes\"

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ROM, 26. Januar 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am Mittwoch. Der Papst betrachtete den zweiten Teil von Psalm 144 (9-15), \"Danklied auf das Glück des Gottesvolkes\", und appellierte an alle, Friedensstifter zu werden. Dazu sei es allerdings notwendig, sich auf die Seite Gottes zu stellen, bekräftigte er.



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Ein neues Lied will ich, o Gott, dir singen,
auf der zehnsaitigen Harfe will ich dir spielen,
der du den Königen den Sieg verleihst
und David, deinen Knecht, errettest.

Vor dem bösen Schwert errette mich,
entreiß mich der Hand der Fremden!
Alles, was ihr Mund sagt, ist Lüge,
Meineide schwört ihre Rechte.

Unsre Söhne seien wie junge Bäume,
hoch gewachsen in ihrer Jugend,
unsre Töchter wie schlanke Säulen,
die geschnitzt sind für den Tempel.

Unsre Speicher seien gefüllt,
überquellend von vielerlei Vorrat;
unsre Herden mögen sich tausendfach mehren,
vieltausendfach auf unsren Fluren.

Unsre Kühe mögen tragen, ohne zu verwerfen und ohne Unfall;
kein Wehgeschrei werde laut auf unsern Straßen.
Wohl dem Volk, dem es so ergeht,
glücklich das Volk, dessen Gott der Herr ist!



Liebe Brüder und Schwestern!

1. Heute geht die Gebetswoche für die Einheit der Christen zu Ende, in der wir über die Notwendigkeit nachgedacht haben, vom Herrn beständig das große Geschenk der vollen Einheit unter allen Jüngern Christi zu erflehen. Das Gebet trägt tatsächlich entscheidend zur Aufrichtigkeit und Fruchtbarkeit des gemeinsamen ökumenischen Einsatzes der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften bei.

In diesem Treffen wollen wir die Betrachtung von Psalm 144 wiederaufnehmen, den uns die Liturgie der Vesper an zwei unterschiedlichen Gelegenheiten vorlegt (vgl. Verse 1-8 und Verse 9-15). Der Ton ist weiterhin der eines Lobgesangs, und in diesem zweiten Abschnitt des Psalms tritt die Figur des \"Gesalbten\" auf, das heißt des \"Gesegneten\" schlechthin: Jesus, der alle an sich zieht, damit sie eins seien (vgl. Joh 17,11.21). Es ist kein Zufall, dass der Schauplatz, der das Lied beherrschen wird, von Glück und Frieden geprägt ist. Sie sind typische Symbole des messianischen Zeitalters.

2. Aus diesem Grund wird das Lied \"neu\" genannt: ein Begriff, der in der Sprache der Bibel nicht so sehr auf die äußere Neuigkeit der Worte Bezug nimmt, sondern der die vollkommene Fülle bezeichnet, die die Hoffnung besiegelt (vgl. Vers 9). So wird ein Lied auf das Ziel der Geschichte angestimmt, in der die Stimme des Bösen schließlich ganz zum Verstummen gebracht wird, die vom Psalmisten mit \"Lüge\" und \"Meineid\" umschrieben wird, Ausdrücke, die den Götzendienst bezeichnen (vgl. Vers 11).

Aber auf diesen negativen Aspekt folgt – mit viel breiteren Raum – die positive Dimension, jene der fröhlichen neuen Welt, die im Begriff ist, sich durchzusetzen. Das ist das echte \"Shalom\", das heißt, der messianische \"Friede\": ein strahlender Horizont, der in einer Reihe von Bildern des sozialen Lebens zum Ausdruck gebracht wird, die auch für uns ein Vorzeichen für die Geburt einer gerechteren Gesellschaft sein können.

3. Vor allem anderen erscheint da die Familie (vgl. Vers 12), die sich in der Vitalität der Zeugung gründet. Die Jungen, Hoffnung der Zukunft, werden mit kräftigen Bäumen verglichen; die Töchter werden als feste Säulen dargestellt, die den Bau des Hauses wie jenen des Tempels tragen. Von der Familie wird zum Wirtschaftsleben übergegangen, zum Land mit seinen Früchten, die in den Speichern aufbewahrt werden, mit seinen Herden, die auf den Fluren geweidet werden, mit den Tiergespannen, die auf fruchtbaren Ackern arbeiten (vgl. Verse 13-14a).

Der Blick richtet sich danach auf die Stadt, das heißt, auf jede bürgerliche Gemeinschaft, die schließlich das wunderbare Geschenk des Friedens und der Ruhe auskostet. Tatsächlich gehen die \"Breschen\" endgültig zu Ende, die die Eindringlinge während der Angriffe in den Stadtmauern öffnen; zu Ende gehen die Einfälle, die Plünderung und Deportation bringen, und schließlich hört man auch nicht mehr das \"Wehgeschrei\" der Verzweifelten, der Verwundeten, der Opfer, der Waisen – trauriges Vermächtnis der Kriege (vgl. Verse 14b).

4. Dieses Portrait einer anderen, aber möglichen Welt wird dem Wirken des Messias sowie dem Wirken seines Volkes anvertraut. Alle zusammen müssen wir unter der Führung Christi, des Messias, für dieses Projekt der Eintracht und des Friedens arbeiten, indem wir das zerstörerische Wirken des Hasses, der Gewalt, des Krieges unterbinden. Allerdings ist es notwendig, sich auf die Seite des Gottes der Liebe und der Gerechtigkeit zu stellen.

Deshalb schließt der Psalm mit den Worten: \"Wohl dem Volk, dem es so ergeht, glücklich das Volk, dessen Gott der Herr ist!\" Gott ist das höchste Gut aller Güter, die Bedingung für alle übrigen Güter. Nur ein Volk, das Gott anerkennt und die spirituellen und moralischen Werte verteidigt, kann wirklich einem tiefen Frieden entgegengehen und sich zugleich in eine Friedenskraft verwandeln – für die Welt und für die anderen Völker. Und infolgedessen kann dieses Volk mit dem Psalmisten ein \"neues Lied\" anstimmen, das von Vertrauen und Hoffnung erfüllt ist. Von selbst erinnert es an den Neuen Bund, die Neuigkeit, die Christus und sein Evangelium sind.

Daran erinnert uns der heilige Augustinus. Beim Lesen dieses Psalms interpretiert er auch die Phrase: \"auf der zehnsaitigen Harfe will ich dir spielen\". Die zehnsaitige Harfe ist für ihn das Gesetz, das in den Zehn Geboten zusammengefasst wird. Aber zu diesen zehn Saiten, diesen zehn Geboten, müssen wir den passenden Schlüssel finden. Nur, wenn man diese zehn Seiten, diese zehn Gebote, mit der Liebe des Herzen zum Schwingen bringt, so sagt Augustinus, klingen sie gut. Die Caritas ist die Fülle des Gesetzes. Wer die Gebote als Dimensionen der einzigen Liebe lebt, singt wahrhaftig ein \"neues Lied\". Die Liebe, die uns die Gefühle Christi teilen lässt, ist das echte \"neue Lied\" des \"neuen Menschen\", der imstande ist, auch eine \"neue Welt\" zu schaffen. Dieser Psalm lädt uns ein, mit der \"zehnsaitigen Harfe\" zu singen, mit einem neuen Herzen; zu singen mit den Gefühlen Christi; die zehn Gebote in der Dimension der Liebe zu leben, um dadurch am Frieden und an der Eintracht in der Welt beizutragen (vgl. \"Kommentare zu den Psalmen\" – \"Esposizioni sui Salmi\" –, 143,16: \"Nuova Biblioteca Agostiniana\", XXVIII, Rom 1977, 677).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals. Im Anschluss an die Generalaudienz begrüßte der Heilige Vater in verschiedenen Sprachen die anwesenden Pilger. Auf Deutsch sagte er:]

Liebe Brüder und Schwestern!
\"Ein neues Lied will ich, o Gott, dir singen\" (Ps 144,9). Mit diesen Wort beginnt der Psalmabschnitt, der der heutigen Katechese zugrunde liegt. Die beglückende Neuheit zeigt sich für den Psalmisten im Sieg über die Feinde, in gesund heranwachsenden Kindern und im Wohlergehen der Stadt. Der tiefere Grund dieser wichtigen Güter kommt im letzten Vers zum Ausdruck: \"Glücklich das Volk, dessen Gott der Herr ist!\" (Vers 15).

Auch wir sind eingeladen, unser Leben ganz auf Gott auszurichten, ihn als unseren wahren Herrn anzuerkennen und so die Heil bringende Kraft der Gnade Christi zu erfahren. Seine Liebe soll alles durchdringen und das Leben der Kirche und der Gesellschaft erneuern. Der heilige Augustinus ruft uns dazu in Erinnerung: \"Glaube nicht, dass die Gnade vom Gesetz kommt; denn in Wirklichkeit können wir nur mit der Kraft der Gnade das Gesetz erfüllen (...). Die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe.\"

Mit diesen Gedanken heiße ich euch, liebe Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache, herzlich willkommen. Mit besonderer Freude begrüße ich die Dechanten und die Mitarbeiter der Bischöflichen Kurie der Diözese Gurk-Klagenfurt in Begleitung ihres Bischofs sowie die Pilgergruppe der Hauptabteilung \"Seelsorge\" im Kölner Generalvikariat. Das heutige Fest der Bekehrung des heiligen Paulus sei euch allen ein Ansporn, in das \"neue Lied\" der Jünger Christi einzustimmen und Gott für die guten Gaben zu danken, die wir aus seiner Güte und Liebe empfangen haben.

Euch allen wünsche ich von Herzen einen gesegneten Tag!