Benedikt XVI. oder der Mut, sich aller Dinge zu entäußern

Gedanken des Philosophen Rémi Brague

Rom, (ZENIT.org) | 1134 klicks

Durch seinen Amtsrücktritt habe Papst Benedikt XVI. den Mut bewiesen, „sich aller Dinge zu entäußern und einem anderen Platz zu machen, auf dessen Wahl er selbst keinerlei Einfluss hat.“ So urteilt der französische Philosoph Rémi Brague.

Brague, der im Oktober letzten Jahres mit dem Ratzinger-Preis geehrt wurde, traf aus diesem Anlass auch den Heiligen Vater. Er erinnert sich, dass der Papst ihm damals geschwächt vorgekommen sei: „Geistig war er hellwach. Aber körperlich war er abgemagert und so über seinen Stock gebeugt, wie er ging, sah man ihm an, dass er mit seinen Kräften am Ende war. Joseph Ratzinger hatte nie den Ehrgeiz, Papst zu sein, und er hat seinen Rücktritt mit genau derselben inneren Ruhe vorbereitet, mit der er ihn angekündigte. Es ist schon unglaublich, dass er es überhaupt so lange durchgehalten hat“, meinte der französische Denker.

„Es gibt nichts Unsinnigeres, als Benedikt XVI. mit Johannes Paul II. zu vergleichen und eine Art Wettstreit der Heiligkeit zwischen den beiden veranstalten zu wollen, die sich gegenseitig immer sehr geschätzt haben“, erklärte Brague in einem Interview für die Nachrichtenagentur I.Media.

Auch gebe es „nicht nur eine Form von Mut“. Mut könne darin bestehen, dass ein Mensch „bis zum Ende durchhält, trotz seiner Schwäche und seines Leidens, als ein lebendes Abbild des Gekreuzigten, dessen Stellvertreter der Papst ist“; er zeige sich aber auch darin, dass jemand, „nachdem er im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit gestanden hat, akzeptiert, völlig von der Bildfläche zu verschwinden.“

„Muss man hinter seinem Amtsverzicht wirklich einen außergewöhnlichen Vorfall vermuten?“, fragte der Philosoph. „Ich glaube, nein. Es genügt das Bewusstsein, nicht mehr die Kraft zu haben, um seine Mission zu erfüllen. Schließlich ist der Papst der Träger eines Amtes und der damit verbundenen Aufgaben.“

Weiter meint Rémi Brague: „Benedikt XVI. ist Theologe genug, um zu wissen, dass das einzige Oberhaupt, der einzige ‚Chef‘ der Kirche Christus, der Auferstandene ist. Die Aufgabe eines Papstes besteht darin, den von den Aposteln geerbten Glaubensschatz zu hüten und ohne Verlust weiter zu vermitteln. Deshalb kann ein Papst nicht einfach tun, was ihm beliebt. Er ernennt keinen Bischof, ohne zuvor die Meinung der Vertreter der Lokalkirche erwogen zu haben. Und ganz allgemein gesprochen, werden die folgenschwersten Entscheidungen immer im Stillen getroffen, fernab vom Medienrummel. Sie offenbaren ihre Wirkung erst nach langer Zeit.“

Außerdem sei der Heilige Geist selbst „nicht etwa ein Sturm, der einen Menschen dorthin verschlägt, wo er nicht sein wollte; er ist vielmehr ein Licht, das den Verstand erleuchtet und deutlicher erkennen lässt, wo das Wohl der Kirche liegt. Das ist für die, die auserwählt sind, kein großer persönlicher Trost. Im Konklave stehen die Mehrzahl der Kardinäle an der Wand, die versuchen, ihre Aufgabe gewissenhaft und möglichst bald zu erfüllen.“

Benedikt XVI., betonte Brague desweiteren, habe auch den Mut besessen, „dem pädophilen Ameisenhaufen einen Tritt zu versetzen“; eine Geste, an der „nichtkirchliche Institute wie Schulen, Sportvereine, Behindertenheime, Waisenhäuser und andere sich ein Beispiel nehmen sollten.“