Benedikt XVI.: Priesterausbildung und Auseinandersetzung mit den Kulturen von heute

Ansprache vor Mitgliedern der Kongregation für das Katholische Bildungswesen

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ROM, 22. Januar 2008 (ZENIT.org).- Die Begegnung der Religionen und Kulturen muss in der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit stattfinden. Die bloße Anerkennung der Unterschiedlichkeit der kulturellen und religiösen Zugehörigkeit ist daher nicht ausreichend. Es ist notwendig, sich jenseits des räumlichen und zeitlichen Abstands kennen zu lernen, insofern „in jedem Menschen dasselbe Streben wohnt“.



Mit diesen Worten wandte sich Papst Benedikt XVI. am 21. Januar an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für das katholische Bildungswesen. Der Heilige Vater ermutigte zu einer Erneuerung der Ausbildungswege der Priesteramteskandidaten sowie der katholischen Schulen.

In der heutigen Zeit sei es mehr denn je angebracht, darüber nachzudenken, wie die apostolische Aufgabe der Bildung, die der katholischen Universität und insbesondere den kirchlichen Fakultäten anvertraut ist, beschaffen sein sollte. In seiner Ansprache ging der Papst auch auf die Reform des kirchlichen Philosophiestudiums ein und betonte, dass ihr „die metaphysische Dimension und die Weisheitsdimension der Philosophie“ nicht fehlen dürfe, wie dies bereits Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Fides et ratio festgehalten habe (vgl. 81).

Benedikt XVI. wies darauf hin, dass es zudem nützlich sei, eine Reform der Apostolischen Konstitution „Sapientia christiana“ (15. April 1979) ins Auge zu fassen. Diese „Magna Charta“ der kirchlichen Fakultäten stelle die Grundlage dar, „um die Bewertungskriterien der Qualität der Institutionen zu formulieren“. Diese Bewertung sei durch den Bologna-Prozess notwendig geworden, dessen Mitglied des Heilige Stuhl seit 2003 ist.

Der Papst stellte fest, dass die kirchlichen Disziplinen und dabei vor allem die Theologie heute neuen Fragestellungen ausgesetzt seien. Dies sei der Fall in einer Welt, die „einerseits in der Versuchung des Rationalismus steht, der einer Rationalität folgt, die in einem falschen Sinne frei und entfesselt ist von allen religiösen Beziehungen“. Anderseits bestehe die Gefahr der Fundamentalismen, „die das wahre Wesen der Religion mit ihrem Aufruf zu Gewalt und Fanatismus verfälschen“.

Angesichts der herrschenden „Krise der Erziehung“ unterstrich der Heilige Vater, dass sich auch die Schule das Problem ihrer Sendung im heutigen sozialen Kontext stellen müsse. Die vornehmliche Sendung der katholischen Schule bestehe in der Bildung des Schülers entsprechend einer ganzheitlichen anthropologischen Sichtweise. Sie bleibe aber immer für alle offen und respektiere die Identität eines jeden. Gleichzeitig sei es allerdings notwendig, dass sie ihre eigene erzieherische, menschliche und christliche Perspektive deutlich zum Ausdruck bringe.

In diesem Zusammenhang verwies Benedikt XVI. auf die große Herausforderung, die sich in seinen Augen aus der fortschreitenden Globalisierung und dem zunehmenden Pluralismus ergibt, die „Begegnung der Religionen und Kulturen in der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit“.

Konkret bedeute dies, niemanden aufgrund seiner religiösen und kulturellen Zugehörigkeit auszuschließen. Andererseits dürfe man nicht bei der bloßen Feststellung des Andersseins des anderen stehen bleiben. Derartiges komme nämlich einer Negation der Tatsache gleich, „dass die Kulturen sich wirklich respektieren, wenn sie einander begegnen; dass alle echten Kulturen auf die Wahrheit des Menschen und sein Wohl ausgerichtet sind“. Alle Menschen könnten somit einander jenseits der raumzeitlichen Distanzen begegnen, da im Herzen jedes Menschen „dasselbe große Streben nach dem Guten, nach Gerechtigkeit, Wahrheit, Leben und Liebe wohnt“.

Ein weiteres Thema der diesjährigen Vollversammlung der Kongregation, das der Papst ansprach, ist die Reform der „Ratio fundamentalis institutionis sacerdotalis“ („Grundordnung der Priesterausbildung“) für die Seminare. Da das Dokument aus dem Jahr 1970 stammt und 1985 überarbeitet wurde, hält der Bischof von Rom eine Reform für angebracht. Dabei müsse die Bedeutung einer korrekten Formulierung der verschiedenen Dimensionen der Priesterausbildung in der Perspektive der Kirche als „Communio“ hervorgehoben werden. „Die Ausbildung der zukünftigen Priester wird darüber hinaus Orientierungen und Richtlinien bieten müssen, die für den Dialog mit den zeitgenössischen Kulturen nützlich sind.“

Die menschliche und kulturelle Bildung der Priesteramtskandidaten sollte deshalb, wie Benedikt XVI. bekräftigte, „in einem bedeutsamen Maß“ verstärkt werden; auch mit Hilfe der modernen Wissenschaften, da „einige Gesellschaft schwächende Faktoren, die in der heutigen Welt gegeben sind (wie zum Beispiel die Situation vieler getrennter Familien, die Krise der Erziehung, die verbreitete Gewalt usw.) die neuen Generationen gebrechlich machen“.

Zugleich sei für eine „angemessene geistliche Ausbildung“ zu sorgen, die den christlichen Gemeinschaften und vor allem den Pfarreien immer mehr ihre Berufung vor Augen führe und sie befähige, auf angemessene Weise auf die Frage der Spiritualität zu antworten, die besonders von den jungen Menschen ausgehe.

All diese Herausforderungen machten deutlich, dass es in der Kirche nicht an Aposteln und qualifizierten und verantwortlichen Verkündern des Evangeliums fehlen dürfe. Zum Thema Berufungsmangel stellte Benedikt XVI. in diesem Zusammenhang fest, dass in einigen Gegenden der Welt ein Blühen der Berufungen zu verzeichnen sei, während die an anderen Orten, insbesondere  in der westlichen Welt, deren Zahl sinke.

„Die Sorge um die Berufungen betrifft die ganze kirchliche Gemeinschaft“, so Benedikt XVI. Für diese pastorale Aufgabe und Handlung werde auch die Veröffentlichung des Dokuments über die Berufung zum Priesterdienst nützlich sein, das die Kongregation vorbereitet.